Evangelischer Bischof fühlt sich in Oberpfälzer Diaspora wohl

Seit dem 1. August hat der Kirchenkreis Regensburg einen neuen Regionalbischof: In Weiden besuchte Klaus Stiegler zusammen mit Dekan Wenrich Slenczka auch die Redaktion der Oberpfalz-Medien.

Zu Besuch bei Oberpfalz-Medien: Der neue Regionalbischof Klaus Stiegler (Mitte), Dekan Wenrich Slenczka (rechts) und Öffentlichkeitsreferentin Susanne Götte.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

ONETZ: Herr Bischof, zusammen mit Ihrem Bruder, Präsidiumsmitglied in der evangelischen Landessynode, bilden Sie fast schon eine protestantische Dynastie: So richtig in die Wiege gelegt wurde Ihnen die evangelische Karriere zuhause im fränkischen Großgrundlach aber nicht, oder?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Mein Vater hat Metzger gelernt, aber als Arbeiter in einer Lebensmittelfabrik gearbeitet. Meine Mutter war ein katholisches Flüchtlingskind aus dem Sudetenland, das nach Mittelfranken kam. Die Buben wurden evangelisch getauft, eine normale Familie, wie man so sagt.

ONETZ: Wie würden Sie den Unterschied zwischen einem evangelischen Regionalbischof in der Diaspora und dem katholischen Amtsinhaber in der Bischofsstadt am Dom beschreiben – abgesehen von Ihrer Residenz in einer Zweizimmerwohnung im Regensburger Westen?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Wir sind zwei unterschiedliche Kirchen in ökumenischer Verbundenheit, mit einer unterschiedlichen inneren Logik und anderem Amtsverständnis. Nach evangelischer Lehre bin ich auch als Bischof noch Pfarrer, zwar einer mit besonderer Aufgabe, ich bleibe aber Pfarrer. Das bedeutet, ich bin nicht herausgenommen in einen besonderen Stand. Auch Bischof Rudolf Voderholzer, den ich erst kürzlich besuchte, wohnt in einer Kaplanswohnung, die nicht viel größer ist, als meine Übergangswohnung mit zwei Zimmern – auch wenn die Liegenschaften schon etwas andere sind. Die Frage des Wohnens ist nicht unerheblich. Bei jedem Pfarrstellenwechsel müssen wir eine Stellungnahme abgeben, ob das Pfarrhaus eine Zukunft hat oder nicht. Diese Frage trifft auch auf den Dienstsitz des Regionalbischofs zu, der stark sanierungsbedürftig ist. Wir brauchen da eine Kostenschätzung, eine Nutzungsüberlegung, das wird gründlich analysiert.

ONETZ: Aber das war nicht der Grund, warum Ihre Frau und Ihr jüngster Sohn noch in Schwabach geblieben sind?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Das war ein Aspekt, dass wir als Familie nicht wissen, wo wir wohnen werden. Dazu kommt, mein jüngster Sohn ist noch ein Jahr in der Schule. Da wollten wir ihn nicht herausreißen.

ONETZ: Sie haben in einem Interview gesagt, Sie fühlen sich in der Diaspora-Situation ganz wohl. Spielt das Thema Diaspora überhaupt noch so eine große Rolle, oder haben nicht beide Kirchen mit einer zunehmenden Diaspora-Rolle in der säkularisierten Gesellschaft zu kämpfen, Stichwort Freiburger Studie?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Aus meiner Sicht ist die Ökumene ein Gewinn für alle. Es ist trotz bestehender Unterschiede geboten, die Zusammenarbeit zu suchen, in dem Maße, wie sie möglich ist. Da bringe ich gute Erfahrungen mit. Es gibt ja auch hier im Kirchenkreis zwischen der katholischen und der evangelischen Pfarrerschaft ein sehr gutes Verhältnis, sogar einen Ökumenischen Pfarrerstammtisch in Weiden.

Engagierter Gesprächspartner: Regionalbischof Klaus Stiegler.

ONETZ: Bischof Voderholzer gilt in dieser Frage eher als konservativ. Auch dem synodalen Weg sieht er kritisch. Wie kommen Sie da miteinander aus?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Es steht mir nicht zu, in die katholische Kirche reinzureden. Für uns steht fest, die Frauenordination ist ein Gewinn. Es gibt sie seit 1975 in der bayerischen Landeskirche. Es war ein langer Weg, aber er hat sich gelohnt. Das ist die Erfahrung, die wir machen.

ONETZ: Kritiker der Frauenordination sagen, dass damit kein Problem gelöst würde, schließlich hätte auch die evangelische Kirche die gleichen Nachwuchssorgen.

Dekan Winrich Slenczka: Haben wir wirklich die gleichen Nachwuchsprobleme? Bei den Katholiken muss oft ein Pfarrer für drei einspringen. Der Anteil derer, die Theologie studieren, ist genauso groß wie in meinem, den größten Jahrgang. Insofern hat sich das Verhältnis bei uns nicht verschlechtert.

ONETZ: Schon der Beginn des 20. Jahrhunderts galt als Auftakt zu einer atheistischen Ära. Welche Rolle kann und sollen Ihrer Meinung nach Kirche und Glaube in der Gegenwart spielen?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Wofür stehen wir als Kirche? Wir müssen Knotenpunkte im Leben wie die Taufe identifizieren, die wichtig für viele Menschen sind. Bei allen negativen Entwicklungen, was die Mitgliederzahlen betrifft, darf man nicht vergessen, dass dennoch die Hälfte der Menschen Teil einer der beiden Kirchen sind. Wir müssen ein noch besseres Gespür dafür entwickeln, wo wir mit unseren Antworten für dieses Leben anknüpfen können an die Fragen und Sehnsüchte. Die Selbstverständlichkeit des Glaubens nimmt ab, da gebe ich Ihnen Recht. Wenn ich aber an die ökumenischen Neujahrsgottesdienste an meiner vorigen Station denke, so waren sie dreimal überfüllt. Wo sind solche Orte, solche Punkte zu suchen? Da müssen wir den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren, dazu braucht es Phantasie. Denken Sie nur daran, welche Hochfeste die Einschulung ihrer Kinder für Eltern heute sind. Das müssen wir weiterdenken, etwa mit Gottesdiensten für Jugendliche, die ihre Lehre beginnen.

ONETZ: Welche Position nimmt die evangelische Kirche in einer Gesellschaft zwischen sozialen und unsozialen Medien, neuen autoritärer Tendenzen weltweit und dem Einzug künstlicher Intelligenz in alle Lebensbereiche ein?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Unser Auftrag ist es, mit dem Evangelium eine Botschaft in die Welt zu sprechen und zu leben, die relevant ist für die Fragen unserer Zeit. Nehmen Sie die Ereignisse in Halle. Ich denke, dass unser christlicher Glaube Werte über das Zusammenleben in sich trägt, die eine innere Kraft geben, sich solcher Dinge zu erwehren. Ich habe mich gefragt, wie kommt ein Mensch dazu, so menschenverachtend zu denken und rumzuballern. Die Würde des einzelnen Menschen gilt uns als unendlich wertvoll. Unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder Glaube ist er Gottes Ebenbild. Diese Botschaft müssen wir gegen das Gift der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus setzen.

Gibt die Richtung vor: Regionalbischof Klaus Stiegler.

ONETZ: In Halle mussten wir erleben, was psychotischer Hass anrichten kann. Wie kann die evangelische Kirche auf die Polarisierung in der Gesellschaft im Allgemeinen und auf so eine Tat im Speziellen reagieren?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist die Vorgabe unseres Glaubens. Die Kultur des Zusammenlebens, wie eine Gesellschaft tickt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ringen darum, was kulturprägend ist. Wir müssen uns mit den Ursachen auseinandersetzen, die zu solchen Taten führen, die Stimme erheben. Wir müssen deutlich machen, wie wir zusammenleben wollen, worauf wir uns mehrheitlich verständigen.

ONETZ: Wie kann das konkret aussehen?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Beispielsweise so, wie wir als Stadtgesellschaft in Schwabach reagierten, als die AfD an einem Samstagmorgen einen Infostand am Marktplatz plante – da haben sich etwa 400 Menschen dagegen positioniert. Das ist für mich Zivilgesellschaft. Wir brauchen ein Zusammenspiel mit anderen demokratischen Kräften. Mit dem christlichen Glauben lässt sich eine pauschale Fremdenfeindlichkeit nicht rechtfertigen. Das ist eine klare Grenzmarkierung. Man kann auch auf Luthers Wort rekurrieren: „Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt aller Kreatur.“

ONETZ: Trotzdem gibt mehr als die Hälfte der Bundesbürger bei Umfragen an, dass sie Flüchtlinge eher ablehnend gegenübersteht.

Dekan Winrich Slenczka: Was ich erlebe, ist, dass unsere Gesellschaft enorm vom christlichen Glauben getragen ist. Egal ob man der Kirche angehört oder nicht. Dass wir auch in der Kirche nicht die besseren Menschen sind, gehört zur Selbsterkenntnis.

ONETZ: Jüdische Freunde sagen mir, sie fühlen sich trotz wachsender Sorge wegen der zunehmend rechtspopulistischen Erfolge einigermaßen sicher in Deutschland. Wie kann man ihnen nach Halle signalisieren, dass wir alles tun, damit nicht auch noch das letzte Tabu fällt und zum unsäglichen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Vokabular antisemitische Klischees dazukommen?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Das ist eine Aufgabe für unsere Gesellschaft, deutlich zu machen, dass wir in Geschwisterlichkeit zu den jüdischen Mitbürgern in unserem Land stehen.

Zieht klare Grenzen: Regionalbischof Klaus Stiegler.

ONETZ: Hatten Sie in Weiden schon Gelegenheit, mit jüdischen Mitbürgern zu sprechen?

Dekan Winrich Slenczka: Nein, noch nicht. Ihnen jetzt Mut zusprechen, ist eine Selbstverständlichkeit, und das versuchen wir auch im christlich-jüdischen Dialog kontinuierlich zu leben.

ONETZ: Im September fand ein Prozess zum Kirchenasyl in Sonthofen statt. Wie stehen Sie dazu?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Ich finde, dass Kirchenasyl eine kluge Vereinbarung zwischen Kirche und Staat ist – dass es sich nach gründlicher Prüfung lohnen kann, noch einmal genauer hinzuschauen. Das erfordert, dass wir diese Gründlichkeit im Einzelfall auch leben, dann ist es ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Man muss auch berücksichtigen, was es für die betroffenen Menschen bedeutet: Was eine Kirchengemeinde auf sich nimmt, und was es mit den Schutzsuchenden macht. Das führt manchmal beide Seiten an ihre Grenzen. Wir haben mehrmals Kirchenasyl gewährt.

ONETZ: Ich habe gelernt, dass der Kirchenkreis Regensburg der flächengrößte der sechs bayerischen ist – acht Dekanate, 149 Kirchengemeinden, 300.000 Mitglieder. Wie präsent wollen und können Sie da auch in der mittleren und nördlichen Oberpfalz sein?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Es ist schon mein Anspruch, in engem Kontakt mit den acht Dekanaten, in einem guten Zusammenspiel mit den Kontaktpersonen und Verantwortlichen vor Ort, mich in meinem Verantwortungsbereich darum zu kümmern, was die Kirche vor Ort braucht.

ONETZ: Wann ist der nächste Besuch geplant?

Dekan Wenrich Slenczka: Mit dem Buß- und Bettag steht auch schon der nächste Termin, an dem der Bischof kommt. Danach ist ein Empfang, die Pfarrkonferenz, ein Stellenbesetzungsgespräch. Also, dafür, dass es so ein riesiger Kirchenkreis ist, ist Herr Stiegler oft bei uns.

ONETZ: Wer oder was ist eigentlich verantwortlich für den Zuschnitt des Kirchenkreises?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Er ist eine Folge des Zuzugs von Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg, dann der Ansiedlung der Automobilindustrie, des Zuzugs der Russlanddeutschen und der Grenzöffnung nach 1990.

ONETZ: Der Zuzug aus Mitteldeutschland?

Dekan Wenrich Slenczka: Auch. Etwa 20 Prozent unserer Gemeindemitglieder haben einen Migrationshintergrund.

ONETZ: Sie kennen Regensburg schon aus Ihrer Bundeswehr-Zeit in der Bajuwarenkaserne – verweigern war für Sie damals kein Thema, die Friedensbewegung war ja auch zutiefst evangelisch?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Es war in Mode gekommen zu verweigern, das habe ich bei meinen Mitschülern wahrgenommen. Ich bin für mich zu einer anderen Entscheidung gekommen und wurde Sanitäter. Glücklicherweise habe ich nur einmal scharf geschossen, als Abiturient musste ich schreiben.

ONETZ: Nicht erst seit der Altneihauser Feierwehrkapell’n ist das dialektische Witzeln en vogue. Haben Sie schon Bekanntschaft mit dem beliebten Frotzeln über Franken gemacht?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Bisher gab‘s nur ganz positive Reaktionen. In Passau hat man mir gesagt, sie freuen sich so über den fränkischen Zungenschlag. Ich bin noch in den Anfängen, was das Verstehen des Oberpfälzischen und Niederbayerischen betrifft. Bei der Bierprobe auf der Dult habe ich nach einiger Zeit nichts mehr verstanden.

ONETZ: Sie sind jetzt 56. Die Tage des Triathlons sind vorbei, sagen Sie: Haben Sie gerne Ihre Grenzen erprobt?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Es gibt verschiedene Motive, Sport zu treiben. Ich brauche körperliche Bewegung, machte immer viel Sport, Fußball, Volleyball, auch in der Kirche, wo es Pfarrerfußballmannschaften gibt. Als ich in Schwabach Dekan war, kam ich an der Challenge Roth, dem weltweit längsten Langzeit-Triathlon nicht vorbei. Sechsmal haben wir eine Staffel mit unserem Team „Kirche und Sport“ gestellt. Ich habe das Fahrradfahren übernommen und es sehr genossen.

ONETZ: Wie sieht’s mit Passivsport aus – Club oder Jahn Regensburg?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Club natürlich schon öfter, aber gerne auch zum Jahn. Wo das Stadion in Regensburg steht, weiß ich schon.

ONETZ: Apropos: Kennen Sie Kai Wiesingers Serien-Parodie aufs Altern, „Der Lack ist ab?“ Kennt auch ein Bischof die Midlifecrisis mit Sorgen um Haare, Bauch und andere Schönheitsfehler?

Regionalbischof Klaus Stiegler : Der Körper ist eine Aufgabe, dem ich mich mit sportlichem Ehrgeiz stelle. Ich musste damit leben, dass mich eines Tages in verschiedenen Disziplinen meine Kinder überholten. Da dachte ich: Jetzt wirst du älter! Aber das bietet neue Möglichkeiten, sich zu bewegen. Ich spüre, dass ich älter werde, aber das ist kein krisenhaftes Phänomen. Ich spreche da gerne von den Jahreszeiten des Lebens: Jede hat ihren Reiz. Das macht das Leben lebenswert.

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