Fortnite: Die Droge im Kinderzimmer

Fortnite ist das beliebteste Computerspiel aller Zeiten. Ein Lehrer und eine Mutter aus der Oberpfalz warnen aber davor: Das Spiel sei wie eine zerstörerische Droge. Eine Geschichte über junge Menschen, die sich um den Verstand zocken.

Im Bann des Ballerspiels: Viele Kinder und Jugendliche verbringen fast jede freie Minute vor dem Computer oder der Konsole - und zocken Fortnite. Experten, Lehrer und Eltern halten das Spiel aber für gefährlich, weil es extrem süchtig machen kann.
von Julian Trager Kontakt Profil

Wenn Ilona S. auf das vergangene Jahr zurückblickt, ist sie froh, dass ihr Sohn eine Zeit lang nur noch Fünfer in der Schule schrieb. "Gott sei Dank", sagt die 46-jährige Kirchenthumbacherin heute - weil sich sonst vielleicht nichts geändert hätte. Ihr ältester Sohn, 12 Jahre alt, sei nie ein schlechter Schüler gewesen. Bis die miesen Noten ins Haus flatterten. Es war die Zeit, in der der Gymnasiast und sein kleinerer Bruder, 10, immer aggressiver wurden, berichtet die Mutter. Die Kinder wollten plötzlich nicht mehr ins Freibad, nicht mehr zum Fußball. Es zählte nur noch: das Computerspiel Fortnite. "Da haben mein Mann und ich gemerkt, dass da was nicht stimmt."

Das Spiel erinnert an die Filmreihe "Die Tribute von Panem". 100 bewaffnete Spieler kämpfen auf einer Insel gegeneinander, der letzte Überlebende gewinnt. Alles in knallbunter Comic-Optik. Die kostenlose Version, der Battle-Royal-Modus, gilt als erfolgreichstes Computerspiel aller Zeiten, vor allem bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren. Im November 2018 waren mehr als 200 Millionen Spieler registriert. Weltweit ist ein Hype ums Spiel entstanden, der manch älteren Beobachter an die Beatles-Mania in den 60ern erinnert.

"Gehirntote" Kinder

Ilona S., die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, würde es eher als Sucht bezeichnen. Eine Droge, die ihren Sohn völlig veränderte - nicht zum Guten. Einmal stellte sie dem 12-Jährigen eine schulische Aufgabe, kurz nachdem er vier Stunden lang Fortnite gezockt hatte. Der Junge schluchzte, erzählt seine Mutter, jammerte, dass er so eine Aufgabe noch nie gehabt hätte. Ilona S. war geschockt - weil sie ihrem Kind dieselbe Frage schon gestellt hatte, kurz bevor dieser an die Konsole ging. "Wie gehirntot", sagt die 46-Jährige. Auch ins Training wollte er, der leidenschaftliche Fußballer, nicht mehr gehen. Lieber noch länger zocken. "Irgendwann war dann Schluss.", Stecker raus. "Ein radikaler Schnitt." Die erste Woche danach sei schlimm gewesen. "Die Kinder haben gebockt, wir waren die gemeinsten Eltern der Welt", sagt die Kirchenthumbacherin. "Das war wie ein kalter Entzug für die beiden."

Das geschieht, wenn Eltern bei Fortnite den Stecker ziehen

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Computerspiele wie Fortnite sind nicht zu unterschätzen, sagt Vanessa de Luca, Suchtexpertin bei der Caritas Weiden. Die Spiele können süchtig machen, seit Juni 2018 erkennt die Weltgesundheitsorganisation Computerspielsucht als offizielle Krankheit an. Kinder seien besonders anfällig, sagt de Luca. "Sie identifizieren sich schnell mit den Figuren." Gefährlich werde es, wenn Schule, Haushalt oder Hobbys in den Hintegrund rutschen - der Beginn eines Teufelskreises. Eltern sollten viel mit dem Kind reden, Regeln einführen, das Spiel aber nicht verteufeln. "Sonst ziehen sich die Kinder zurück." Bei Fortnite komme der Kostenfaktor hinzu.

Das Spiel ist grundsätzlich kostenlos. Will man aber zusätzliche Fähigkeiten, Gegenstände oder Outfits, muss man blechen - was sehr viele Spieler machen. Im Monat soll Fortnite-Hersteller Epic-Games damit um die 300 Millionen Dollar verdienen. "Man kann sich dadurch relativ schnell hochleveln", sagt de Luca über die Zukäufe. Noch schneller könne man sich dadurch aber in finanzielle Nöte bringen. "Irgendwann haben sie jeden Euro, ob Ostergeld oder Omas kleine Belohnung für gute Noten, in Fortnite investiert", sagt Ilona S. über ihre Söhne.

Lehrer stellt Auswirkungen fest

Wolfgang Seitz kennt Kinder, die bereits 400 Euro in das Spiel gesteckt haben. Mindestens. Der 48-Jährige ist Lehrer am Gymnasium Eschenbach und Jugendfußballtrainer in Tremmersdorf. In beiden Funktionen beobachtet er, dass die Leistungen der Kinder und Jugendlichen in letzter Zeit nachlassen, dass bei vielen die Konzentration fehlt. Der Grund? Vor allem Computerspiele, speziell Fortnite, glaubt Seitz. Freilich könne man das nicht pauschal behaupten, Studien müsste man erheben. Aber: "Gewisse Auswirkungen sind feststellbar." Der 48-Jährige, der in Münchsreuth wohnt, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Als Lehrer und Trainer hat er einen guten Einblick - weil er viel und offen mit Schülern und Spielern über Fortnite spricht. "Da kriegt man Gänsehaut", sagt Seitz über das, was ihm die Kinder erzählen.

"Wer stundenlang zockt, dem fehlt die Konzentration", sagt Seitz. Das wirke sich auf die Leistung der Kinder aus, sowohl auf dem Fußballfeld als auch auf der Schulbank. "In manchen Fächern musst du das Niveau schon runterfahren im Vergleich zu früher", sagt der Lehrer mit 20 Jahren Beruferfahrung. Die Schüler bräuchten mittlerweile mehr als doppelt so lange, bis mancher Stoff gefestigt im Kopf ist. Auch die Persönlichkeitsentwicklung leide - wenn die Kinder nur vor dem Bildschirm spielen. "Die verzocken ihre Zukunft", warnt Seitz. "Aus dieser Generation werden wir sicher einige Verlierer haben."

Wird ein Spieler in Fortnite ausgeschaltet, beginnt der Besiegte vor dem Besiegten zu tanzen. Eine Erniedrigung, findet Seitz. "Wenn du so gedemütigt wirst, setzt das finanzielle Energie frei, Geld zu investieren." Der Münchsreuther sagt fast schon anerkennend: "Das ist ein ganz neuer Ansatz, Geld zu verdienen. Eine interessante Form, die gut funktioniert." Suchtexpertin de Luca sagt, es gehe den Kindern auch um Anerkennung, wenn sie sich im Spiel bessere Fähigeiten kaufen.

Expertin: Fortnite hat auch gute Seiten

Aber warum ist Fortnite dermaßen beliebt? Romina Nölp, Medienpädagogin bei der Medienfachberatung für den Bezirk Oberpfalz in Regensburg, sieht verschiedene Vorteile: Es ist ein Überlebensspiel, ein buntes mit anderen Menschen teilbares Abenteuer. Dazu komme der Kreativmodus. "Es ist die Kombination aus Schießen und Bauen", sagt Nölp. Und es sei leicht zu lernen.

Aber ist das Spiel auch gefährlich? Da gibt es keine allgemeingültige Antwort, sagt Nölp. Klar, gehe es in dem Spiel auch ums Abschießen. "Aber bei anderen Ego-Shootern wie Call of Duty sind die Szenarien, Hauttexturen oder Waffen realistischer", erklärt die Medienexpertin. Auch die Gewalt sei krasser dargestellt - bei Fortnite fließt gar kein Blut. Das schließt aber nicht aus, dass man andere Spieler aus dem Weg räumen muss, sagt Nölp. "Das ist nicht unbedingt geeignet für jüngere Menschen."

Trotzdem sei die Debatte um Fortnite oft zu einseitig, findet Nölp. Gerade die Baumöglichkeiten seien gute Mittel, sich kreativ auszutoben. Und: "Computerspiele sind wichtig als Rückzugsräume für Kinder, um sich von den Eltern abzugrenzen." Letztere sollten mit ihrem Nachwuchs über das Spiel sprechen, Interesse zeigen, sogar mitspielen.

Wolfgang Seitz ist nicht generell gegen Computerspiele, das stellt er mehrmals klar: "Ich bin keiner, der gegen alles ist, ich bin ein moderner Lehrer." Der 48-Jährige möchte die Eltern nicht belehren, möchte ihnen keine Erziehung ohne Computerspiele vorschreiben - für seine zwei Kinder sind solche Games allerdings tabu. Seitz möchte sensibilisieren. Denn viele Eltern seien beim Thema Fortnite viel zu naiv. "Die kriegen gar nicht mit, wie sie von ihren Kindern über den Tisch gezogen werden." Um länger zocken zu können, trickse und lüge der Nachwuchs mit fast schon krimineller Energie.

"Die Eltern müssen das selber regeln", sagt der Gymnasiallehrer, "sie sollten sich aber der Konsequenzen bewusst sein." Klappt bei vielen Familien jedoch nicht. Bei anderen schon. Zum Beispiel bei Ilona S. aus Kirchenthumbach. "Eigentlich ist mir das peinlich, wir haben ja alles falsch gemacht", sagt die Mutter zweier Söhne rückblickend. Die Jungs dürfen mittlerweile wieder Fortnite spielen, ein Stunde am Freitag, zwei am Samstag. "Da halten sie sich dran", versichert die 46-Jährige und sagt: "Wir haben die Kurve gekriegt. Darauf sind wir stolz."

Polizei und Scheidungen:

Es ist ein extremes Beispiel, aber es zeigt, wie mächtig Fortnite sein kann. Im oberbayerischen Eichenau musste im September 2018 die Polizei anrücken, um einen 12-Jährigen von seiner Playstation zu trennnen. Der Junge soll laut Polizei rund 72 Stunden vor dem Bildschirm gesessen haben – fast ohne Pause und Schlaf. Als ihn der Vater von der Konsole loseisen wollte, prügelte der 12-Jährige auf seinen Papa ein. In England ist Fortnite sogar ein offizieller Scheidungsgrund. Laut einer britischen Scheidungsplattform ließen sich im vergangenen Jahr 200 Paare wegen „Fortnite-Sucht“ scheiden.

Sieht aus wie ein lustiges Comic, ist aber ein Ballerspiel: Fortnite ist das erfolgreichste Computerspiel aller Zeiten. Für Kinder kann es aber auch gefährlich sein, sagen Experten, Lehrer und Eltern.
Lehrer, Fußballtrainer, Sportler: Wolfgang Seitz aus Münchsreuth ist der Meinung, dass die Kinder und Jugendlichen zu viel vor dem Computer oder der Konsole sitzen. Sie sollten mehr Sport an der frischen Luft treiben.

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Kommentare

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Martin Obermeier

Ich muss leider sagen das dieser Artikel nich korrekt ist und es wird von falschen Tatsachen ausgegeangen

1. Alle Items die mit echtem Geld kaufbar sind sind optional und helfen nicht ein besserer Spieler zu werden somit kann man dies im gegensatz zu vielen Handy und großen Shootern nicht vergleichen

2. Es wird davon ausgegangen das schlechte Noten mit 10 bis 12 Jahren die Berufausbildung verschlechtern was Quatsch ist.
So viele Schüler wiederholen ein Jahr und drehen eine Extra-Runde und unser Durchlässiges Schulsystem lässt jeden der einmal sitzen bleibt nocj die Möglichkeit offen Medizin oder Rechtswissenschaften zu studieren. Ein Lehrer sagt die Kinder merken sich Dinge nicht so schnell. Wie denn wenn der Stoff immer anspruchsvoller wird und Anforderungen größer.

19.02.2019
Tho mas

Wir waren auch eine Clique, die intensiv UT, CS, Age of Kings und Call of Duty gespielt hat. Aus allen ist was geworden, wir haben studiert oder Ausbildungsberufe ergriffen und keiner lebt von Hartz4. Wir haben Familien gegründet und Existenzen aufgebaut.

Die Diskussion wiederholt sich immer wieder. Früher war es das exzessive TV-Schauen, das uns zu dummen Menschen machte. Dann die Ballerspiele, die uns alle zu Amok-Läufern züchteten. Jetzt halt Fortnite. Wenn Eltern ihre Kinder einfach gewähren lassen und nicht einschreiten, wenn ein bestimmtes Maß überschritten ist, dann liegt wohl eher da der Fehler.

19.02.2019
Chaos enzo

Nur so als Randinfo, die Items die man sich dort kaufen kann geben einen KEINE Vorteile.

19.02.2019