Die Frage nach der Erkenntnis

Der schwarze Bühnenraum lenkt von nichts ab und auf nichts Nebensächliches hin. Einzige Requisiten bleiben drei Hocker, Säulen und eine bunte Flickendecke. Auch so kann man den Diskussions-Dialog zwischen den Religionen darstellen.

Mit einfachsten Mitteln, viel Fantasie und großer Spiellaune nehmen die Schauspieler bei dem Stück „Anders als du denkst“ den Zuschauer mit durch alle Höhen und Tiefen einer abenteuerlichen Glaubens-Reise.
von Redaktion ONETZProfil

Das gesellschafts- und religionskritische Schauspiel "Anders als du glaubst" von Helma Fries versucht einen interreligiösen Dialog. Mit den Stilmitteln des Epischen Theaters in Sinne von Brecht zeigt die Berliner Compagnie am Dienstag bei der Kulturbühne die grausame Realität der kriegerischen Auseinandersetzungen auf der nahezu leeren Bühne überzeichnet, gaukelt aber keine Heile-Welt-Lösung vor.

Die menschenfreundliche muslimische Religionslehrerin Mariam Samet (Selin Kavak), die christliche Krankenschwester Kathi Hoffmann (Elke Schuster), der gottesfürchtige Rabbi Jehoschua Benda (H. G. Fries), der politisch Linke, atheistische Gottfried Kratz (Jean-Theo Jost) und der Skeptiker mit christlichem Hintergrund Günther Schulz (Rondo Beat) wachen nach einem tödlichen Anschlag im "Postmortalen Niemandsland auf.

Reise durch Höllenorte

Sie haben von nun an als Ahnen der Gräueltaten im Namen der Religionen und des Kolonialismus auf der Erde die Rätselaufgaben gemeinsam zu meistern, die ihnen die Kinder-Stimme (Mia Albert) aufgegeben hat. Sofort geraten sie in heftige Dispute und werfen sich in verschiedenen Szenen Zitate aus der Thora, dem Neuen Testament, dem Koran, von Marx, Lenin, Luther und anderen Denkern an den Kopf. Ihre Abenteuerreise durch die Höllenorte der Welt beginnen im westafrikanischen Staat Burkina Faso, der bezeichnenderweise übersetzt "Land des aufrichtigen Menschen" heißt.

Die Schauspieler wechseln ihre Kleider nicht, sie sind durch Kopfbedeckungen zu unterscheiden und vor allem durch ihre markanten Charakterköpfe. Die hoch konzentrierten, vor allem auch zahlreichen jüngeren Zuschauer fokussieren sich auf die einprasselnden Fakten, die den Schauspielern höchste Textsicherheit abverlangen und den Zuhörern am Ende wehtun. Alles ist anders, als die Protagonisten der widerstreitenden Denkrichtungen und unterschiedlichen Religionen glauben und anders als die Zuhörer zu denken glauben. Falls die gelieferten Fakten den Wahrheitscheck bestehen, dann haben die Besucher an diesem Abend in 90 Minuten mehr über Menschenrechte und -unrechte gehört, als sie in dieser Zeit auf den vielen Infotafeln hätten nachlesen können.

Für Aufmerksamkeit und Auflockerung sorgen weitere Mittel des Epischen Theaters: Sprechgesang, Choral-Singen, heftige Dialoge, flotte Monologe und minimale Gestik. Wenn die fünf auf ihrer Safari durch die menschengemachten Orte der Hölle kreisend über die fünf Säulen steigen, wird der Zuschauer auf die Folter gespannt, wann der erste Absturz folgen wird.

Harter Disput

Beim Streit der Muslima mit dem ebenso koranfesten Al-Quaida-Vertreter wird am frappantesten die Verzweiflung über die Unmöglichkeit einer Einigung auf gemeinsame Glaubensauslegung greifbar. Der harte Disput zwischen Rabbi, Krankenschwester und Atheist erhärtet aufrichtiges Ringen, das innige Fürbittgebet der Schwester wahre Anteilnahme. Wenn die eng aneinander gepressten Boatpeople auf dem Flüchtlingsboot beim geblasenen Meeresrauschen hin und her schwanken ...

Gespräch mit Schauspielern

Gelegentlich kommt spontanes Lachen auf: bei der Merkel-Raute, bei manchem zynischen Ausdruck, bei der Reise im ratternden, wackligen Bus durch Palästina. Das Sachlichkeitsprinzip des Epischen Theaters haben die Schauspieler in manchen Politikdarstellungen vernachlässigt. Insbesondere die Episode mit dem deutschen Entwicklungsminister in Afrika ist beinahe zur Politsatire geraten, nicht nur wegen des imitierten bayerischen Dialekts.

Am Ende fragt das "göttliche Kind" die verzagte multinationale-interreligiöse Reisegruppe nach dem Lernerfolg. Es bleibt nur die Erkenntnis, dass "Gott gebraucht wird in diesem Jammertal" und "Allah verändert nicht den Zustand der Menschen, bis sie selbst ihren eigenen Zustand verändern!" Oder nach Bert Brecht in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen", "dass der Mensch dem Menschen Helfer ist". Nach der sehr intensiven und eindrucksvollen Darstellerleistung war im Foyer die Möglichkeit zum Gespräch mit den Schauspielern gegeben.

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