Weiden. Klaus Wagenbach, Verleger und Autor, ist wohl der profundeste Kenner des Werks von Franz Kafka. Von ihm stammt die Einschätzung: "Heute ist kafkaesk einfach ein ganz normales deutsches Wort geworden, das man benutzt, wenn einem sonst nichts mehr einfällt." Da ist dann manchmal eine Rückbesinnung auf das ursprünglich "Kafkaeska" nötig und wohltuend. Ermöglicht wird es durch das Landestheater Schwaben, das bei der Kulturbühne Weiden in der Max-Reger-Halle den Kafka-Klassiker "Die Verwandlung" auf die Bühne bringt.
Einiges zugemutet
Nun mag sich mancher Besucher im Vorfeld gedacht haben: Wie lässt sich die berühmte Kafka-Erzählung als Drama umsetzen? Kann das überhaupt gehen? Die Antwort ist nicht ganz einfach: Ja, sie lässt sich umsetzen, aber dem Zuschauer wird auch einiges zugemutet und abverlangt. Wer die 90 Minuten durchhält, mag vielleicht etwas verstört die Max-Reger-Halle verlassen, aber auch mit dem Gefühl, eine gelungene und bedrückende Präsentation erlebt zu haben. Und mit dem Wissen darüber, was "kafkaesk" bedeutet.
Der Inhalt der Kafka-Parabel ist bestens bekannt: Gregor Samsa, reisender Tuchhändler, teilt die Wohnung mit seinen Eltern und seiner Schwester und ist lange Zeit der Ernährer der Familie. Bis eben die Verwandlung einsetzt, jenes Phänomen, das in den berühmten ersten Zeilen des Werkes geschildert wird: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Als Käfer kann er zwar die Wände hochkrabbeln, aber nicht mehr arbeiten. Seine Eltern und seine Schwestern suchen sich Anstellungen. Gregor, der inzwischen verdorbenes Essen bevorzugt, wird ihnen immer mehr peinlich und steht ihnen im Weg. Sie verbannen das Insekt ("es") praktisch aus ihrem Leben und allmählich stirbt Gregor vor sich hin. Auf der Müllhalde wird er schließlich entsorgt.
Pia Richter ist das Wagnis eingegangen, diese Kafka-Erzählung in eine dramatisierte Fassung umzuwandeln und in Szene zu setzen - gekürzt und auf das Wesentliche reduziert. In diesem Falle steht und fällt die Inszenierung mit den Darstellern - für die Regisseurin ist die Besetzung mit Jan Arne Looss, Tobias Loth und Sandro Sutalo ein absoluter Glücksfall. Sie teilen sich nämlich die Rollen von Gregor, Vater, Mutter, Schwester Grete sowie Prokurist: damit machen sie deutlich, wie leicht es ist, austauschbar zu werden, wie leicht man an einem Tag noch Opfer und dann Täter ist. Die Verwandlung greift nicht nur auf Gregor über, sondern auch auf dessen Familie.
Große Spiellaune
Mit viel Überzeugungskraft, Spiellaune und Einfühlungsvermögen wandeln die drei Schauspieler zwischen den Hauptfiguren, zwischen den Gefühlen und Befindlichkeiten, zwischen den Hoffnungen und Ängsten. Phasenweise gleicht das Geschehen auf der Bühne einer skurrilen Freakshow mit Slapstick-Elementen, was zweifellos auch bei manchen Zuschauern zu einer gewissen Ratlosigkeit führt. Andererseits: Wer das Kafkaeske verstehen will, muss es auch ertragen. Und so wird das Werk Kafkas auch weiterhin fernab des Mainstreams stehen. Gespart wird in der Inszenierung nicht mit vielfältigen Anspielungen beispielsweise auf Freuds drei Instanzen der menschlichen Persönlichkeit (optisch dargestellt auf den Unterhosen der Schauspieler mit den Schriftzügen "Es", "Ich" und "Über-Ich") oder auf die Kritik am Kapitalismus in Form eines Flower-Power-Protestsongs. Für Furore sorgen auch die spartanischen Kostüme von Julia Nussbaumer - Unterwäsche ergänzt mit transparenten Plastikhüllen, die aus den 90 Minuten für die drei Akteure eine schweißtreibende Angelegenheit machen.
Die Quintessenz des Abends: Kafka zu ergründen wird immer eine Herkulesarbeit bleiben, die Inszenierung des Abends ist dafür aber definitiv wegweisend. Und den Verantwortlichen der Kulturbühne Weiden ist es auch beim abschließenden Sprechtheater in dieser Spielzeit gelungen, junges (Schul-) Publikum ins Theater zu holen und für das notwendige Salz im Kulturbetrieb zu sorgen.













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