Gefährlich: Mit Unterzucker unterwegs

Der Zuckerspiegel fällt, der Autofahrer baut einen Unfall. Ist er schuld? Ab wann können Autofahrer wegen eines "körperlichen Mangels" zur Rechenschaft gezogen werden - und wieso?

Regelmäßige Blutzuckertests sind ratsam: Fahren Diabetiker mit akutem Unterzucker Auto und verursachen einen Unfall, können sie unter Umständen zur Rechenschaft gezogen werden.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Rund zehn Prozent aller Führerscheinbesitzer hätten Diabetes, sagt Karl-Heinz Stupka. Vor 36 Jahren gründete er die Selbsthilfegruppe für Diabetiker in Weiden und leitet sie seitdem. Und: "Es gibt keinen Beleg dafür, dass Diabetiker öfter Unfälle bauen als jeder andere Autofahrer." Zahlen, die dies für die Oberpfalz untermauern, gibt es keine; dazu fehlen der Polizei nach eigener Auskunft die Parameter.

In der Unfallstatistik sei eine Suche mit dem Schlagwort "Unterzucker" nicht möglich, sagt Kriminalhauptkommissarin Sandra Mallmann vom Polizeipräsidium Oberpfalz. Sie erklärt: Gemäß Paragraf 2 der Fahrerlaubnis-Verordnung darf nur am Verkehr teilnehmen, wer Vorsorge getroffen hat, dass er andere nicht gefährdet. Für Diabetiker bedeutet das: Sie müssen, so Mallmann, "alle Vorkehrungen treffen, dass sie während der Fahrt nicht in Unterzucker fallen". Weiterhin verweist sie auf Paragraf 315c StGB: "Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen, und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Angesprochen auf Schlaganfall, Herzinfarkt, Niesen oder allergischen Schock erklärt Mallmann: "In vielen Fällen hatten Verursacher keine Chance, den Unfall zu vermeiden, und blieben straffrei." Es müsse immer der Einzelfall geprüft werden.

Von insgesamt 36 296 Unfällen im Jahr 2018 seien 77 auf "körperliche Mängel", wie die Polizei das nennt, zurückzuführen, so Kriminalhauptkommissarin Mallmann vom Polizeipräsidium Oberpfalz: 0,21 Prozent. Als "körperlicher Mangel" gelte beispielsweise, wenn ein Brillenträger vergisst, seine Brille aufzusetzen, ein Schwerhöriger sein Hörgerät nicht einschaltet, fehlende Gliedmaßen nicht durch Prothesen ersetzt werden, bei Übermüdung - oder eben bei nicht eingestellter Diabetes.

"Die größte Gefahr für autofahrende Diabetiker ist der Unterzucker", sagt Stupka. "Wenn das Gehirn nicht mehr die Energie hat, die es benötigt, kann das am Steuer kritisch werden." Deshalb sollte man, bevor man die Fahrt antritt, einen Test machen. Stupka: "100 mg/dl Zucker ist ideal, zwischen 90 und 120 ist der Wert in der Regel okay." Trotzdem ist Vorsicht geboten, erklärt Stupka - gerade bei längeren Fahrten. Es könne immer sein, dass man sich morgens vor dem Frühstück beispielsweise zu viel gespritzt habe. "Das wirkt sich dann erst später auf die Werte aus. Man kann jederzeit reagieren - wenn man es selbst bemerkt oder sich immer wieder testet." Wichtig sei vor allem, ob der Patient ein erhöhtes Unterzuckerungsrisiko mitbringe. "Und ob er den Unterzucker rechtzeitig bemerkt und gegensteuern kann."

Meist seien Unfälle nicht auf die Erkrankung, sondern auf den Umgang mit ihr zurückzuführen. Sei es die falsche Dosierung von Insulin, zu seltene Messung des Blutzuckerwertes oder eine Unterzuckerung nach Alkoholkonsum. Vor eineinhalb Jahrzehnten, erinnert sich Stupka, selbst seit 45 Jahren Diabetiker, durften Diabetiker zum Beispiel keine Busse fahren. Inzwischen seien die Regelungen aber angepasst worden. Für Autofahrer gilt: Kommt es innerhalb eines Jahres mehr als einmal zu einer so schweren Unterzuckerung, dass man einen Arzt benötigt, darf man - bis auf weiteres - nicht mehr Auto fahren. "Das bedeutet, dass man die Erkrankung nicht unter Kontrolle hat - oder der gesundheitliche Fall äußerst schwer ist", erklärt Stupka. In beiden Fällen findet er die Konsequenzen "richtig und logisch".

Im Straßenverkehr:

In der „Leitlinie Diabetes und Straßenverkehr“ empfiehlt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft:

  • Kontrolle: Vor der Fahrt (nicht unter 90mg/dl)
  • Testen: Bei längeren Fahrten mindestens alle drei Stunden
  • Griffbereit: Kohlenhydrate und Traubenzucker
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