Weiden in der Oberpfalz
10.01.2020 - 14:32 Uhr

"Gute Musik ist zeitlos"

Sein Markenzeichen: Weiche Stimme und der Sound der Zwanzigerjahre. Mit Liedern aus der Weimarer Zeit sind Max Raabe und sein Palast Orchester erfolgreich. Im Interview erzählt er über die "Goldenen Jahre" und ihre humorvollen Texte.

Max Raabe ist nicht nur ein begeisterter Radfahrer, sondern auch ein Fan der "Zwanziger Jahre". Mit seinem Palastorchester kommt er am 19. März nach Weiden. Bild: dpa
Max Raabe ist nicht nur ein begeisterter Radfahrer, sondern auch ein Fan der "Zwanziger Jahre". Mit seinem Palastorchester kommt er am 19. März nach Weiden.

ONETZ: Herr Raabe, Sie leben nun seit fast vierzig Jahren in Berlin. Was lieben Sie besonders an der Stadt, wenn Sie von einer Tournee zurückkommen?

Max Raabe: Ich mag es, bei der Rückkehr in meine Wohnung auf mein eigenes Bett zu schauen und zu wissen, dass ich am nächsten Morgen darin aufwachen werde. Ich weiß auch, was es zum Frühstück geben wird, dass ich frische Brötchen haben werde. Das sind nur Kleinigkeiten. Aber die genieße ich.

ONETZ: Nach dem Mauerfall sind Sie von Westberlin in den Osten gezogen, nach Mitte. Seitdem sind Sie nicht mehr umgezogen. Es heißt, in Ihrer Wohnung stehen noch viele Möbel aus Ihren Studententagen.

Max Raabe: Stimmt. Ich wohne eigentlich noch in meinen Studentenmöbeln.

ONETZ: Misstrauen Sie allem Neuen? Ist Ihr Mobiliar Ausdruck dafür, dass Sie sich mit altem und gewohntem sehr wohlfühlen?

Max Raabe: Ich schätze beides, ja. Ich bin … nachhaltig (lacht).

ONETZ: Das gilt auch für Ihr Fahrrad, oder? Das soll auch schon über fünfzig Jahre alt sein.

Max Raabe: Ja, aber ich habe inzwischen noch ein zweites Fahrrad. Jetzt habe ich meine alte Gurke aus den Fünfzigerjahren, ohne Gangschaltung, ohne alles, sozusagen für den Nahverkehr. Und das andere, immerhin schon mit vier Gängen, für längere Touren.

ONETZ: In diesem Jahr sind Sie als „Die fahrradfreundlichste Persönlichkeit“ ausgezeichnet worden. Sind Sie tatsächlich so viel mit dem Fahrrad quer durch Berlin unterwegs?

Ja. Ich fahre wirklich das ganze Jahr über Fahrrad. Ich halte das Rad für ein sehr gutes Verkehrsmittel. Ich fahre auch sehr viel S-Bahn, U-Bahn und Bus.

ONETZ: Viele Ihrer Lieder stammen aus der Zeit der Weimarer Republik. Das ist jetzt hundert Jahre her. Warum ist diese Art von Musik heute immer noch aktuell?

Würden Sie diese Frage jemandem, der Mozart oder Beethoven interpretiert, auch stellen? Es gibt eben eine Zeitlosigkeit in guter Musik. Die bringe ich auf die Bühne. Die sind Leute berührt, wenn es traurig ist. Und sie lachen an denselben Stellen, an denen das Publikum vor siebzig, achtzig Jahren auch gelacht hat. Das ist das Charmante an dieser frühen Form der Popmusik.

ONETZ: Wie finden Sie Ihre Stücke? Sind Sie so eine Art Musik-Archäologe, der in den Archiven wühlt?

So fing es an, ja. Inzwischen ist es viel einfacher geworden, weil die Verlage alles katalogisiert haben und man per Internet recherchieren kann. Das Material ist da, man muss es nur noch bestellen. Und dann spielen.

ONETZ: In den Original-Arrangements, so wie Ihre Musiker-Kollegen damals?

Genau. Darin liegt der Reiz. Es bringt nichts, die Stücke zu modernisieren. Man muss versuchen, den Originalstil zu übernehmen. Das ist jedenfalls meine Meinung. Diese Stücke, die ja noch kein Swing sind, sondern so eine Zwischenform, haben ihre Stärke in ihren Arrangements.

ONETZ: Haben jene Zwanzigerjahre den Beinamen „Die Goldenen“ tatsächlich verdient?

Was die Musik anbetrifft, war es eine goldene Zeit. Auch was die Kultur, Architektur, Malerei und so weiter betrifft. Da ist viel Neues passiert. Alles andere … na ja. Die Leute hatten Ofenheizung, Wasser kam nur kalt aus der Leitung. Das war nicht golden.

ONETZ: Viele Komponisten und Texter der Unterhaltungsmusik in der Weimarer Zeit waren Juden. Haben die der deutschen Musik etwas Besonderes mitgegeben?

In der Weimarer Republik haben viele auf ihr Jüdischsein selbst keinen Wert gelegt. Die haben sich als Deutsche gefühlt, bis ihnen plötzlich klar gemacht wurde, dass sie nicht mehr dazugehören dürfen. Diese Menschen haben dadurch eine enorme Kränkung erfahren. Die Juden in Europa hatten über Jahrhunderte ein schweres Los. Aus dieser Lage heraus hat sich wohl ein gewisser Humor gebildet, als Mittel, um mit der Situation überhaupt klarzukommen. Und das hat dann, glaube ich, schon die Texte von Robert Gilbert, von Fritz Rotter und so weiter beeinflusst. Die haben einen so ironischen Blick auf die Welt, der wahrscheinlich nur zustande kommt, wenn man über Jahrhunderte immer wieder traktiert wurde und sich mit Humor dagegen zu schützen versuchte.

ONETZ: Mit der Nazi-Diktatur verlor die Musik der Dreißigerjahre ihre Leichtigkeit, die Texte ihre feine Ironie. Die Freude am Wortspiel konnte plötzlich lebensgefährlich werden. Fühlen Sie sich als Songtexter gefordert, die Stimmung in der Gesellschaft immer wieder ironisch und mit Humor zu hinterfragen?

Ich habe Freude an Wortspielereien und an Brüchen innerhalb eines Textes. Da trage ich sozusagen das, was mir am Stammrepertoire meines Orchesters gefällt, in die Gegenwart. Die Musik, die zu meinen eigenen Sachen entsteht, mache ich ja zusammen mit Leuten, die aus der Pop-Branche kommen. Da möchte ich keine nachgemachte Zwanzigerjahre-Musik, sondern etwas Zeitgemäßes. Aber: Es kommt in den Liedern, die ich mit diesen Leuten schreibe, oft etwas Ironisches vor. Mein Weg steht da in der Tradition des Repertoires der Weimarer Republik.

ONETZ: Auf Ihrem Tour-Plan steht bei der Gastspielreise durch die USA im April wieder die Carnegie Hall in New York. Wie fühlt man sich auf einer derart berühmten Bühne?

Man denkt die ganze Zeit: Gleich kommt jemand und schmeißt dich raus, weil du da nichts zu suchen hast (lacht). Wir waren ja jetzt schon ein paar Mal da, und mich hat noch keiner rausgeschmissen. Trotzdem: Auch heute noch würde ich mich nicht wundern, wenn‘s so käme.

ONETZ: In die Royal-Albert-Hall in London hat es das Palast Orchester bisher nicht geschafft. Viele Ihrer Musiker nennen diese Location als Traum-Auftrittsort.

Aber die ist mir einfach viel zu groß, das passt nicht für uns. Hier in Berlin gehen wir ja auch nicht in die Mercedes-Benz-Arena, sondern spielen lieber im Admiralspalast.

ONETZ: Dafür dann dort aber gerne acht oder zehn Mal hintereinander.

Ja, genau. Weil wir diese Atmosphäre haben möchten. Dort herrscht eine ganz besondere Intimität.

ONETZ: Ihre sehr erfolgreiche aktuelle Platte ist ein „MTV Unplugged“-Album. Aber: Kann man bei einem Tanzorchester im Stil der 1920er überhaupt den Stecker ziehen?

Diese Unplugged-Geschichte, also dieses Sich-Reduzieren, das machen wir eigentlich ohnehin. Aber zu „MTV Unplugged“ gehört auch, dass man Stücke des eigenen Repertoires mal etwas anders interpretiert. Vor allen Dingen darf man sich aber auch Gäste einladen. Wir haben Leute dazugeholt, an die man nicht denkt, wenn man an Max Raabe und das Palast Orchester denkt. Dadurch wurde es spannend.

ONETZ:

Zur Person:

Max Raabe wurde 1962 im westfälischen Lünen geboren. 1982 zog er nach Berlin, studierte an der Hochschule der Künste Opernsänger im Fach Bariton und gründete 1986 mit Kommilitonen das Palast Orchester, mit dem er seither Lieder der 1920er und 1930er präsentiert. Zu seinen größten, dem Stil jener Zeit nachempfundenen eigenen Hits gehören „Kein Schwein ruft mich an“ und „Küssen kann man nicht alleine“. Erfolgreiche Tourneen führten das Orchester nicht nur quer durch Europa, sondern auch in die USA und nach Kanada, nach China, Japan und Israel.

Konzerte:

18. März Hof, Freiheitshalle

19. März Weiden, Max-Reger-Halle

5. und 6. November München, Philharmonie im Gasteig

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

 
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