Keine Sympathie für Journalisten

Sie glauben, eine Alternative für Deutschland zu sein. Alternativ verhalten sich manche AfD-Politiker auch gerne, wenn sie mit der Meinung von Journalisten nicht klarkommen.

Alternative Montur: Ein komplett verhüllter Unterstützer der AfD mit der Aufschrift „Verfassungsheld AfD“ auf der Brust seines Ganzkörperanzugs verteilt beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung vor dem Kanzleramt Informationsbroschüren der Partei.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Nach einem Kommentar bekam Redakteur Jürgen Herda erwartungsgemäß reichlich elektronische Post aus AfD-Reihen. Herda hatte in seinem Meinungsbeitrag unter anderem geschrieben: Heute sei bei vielen die Lust an der Zerstörung des Status quo größer als jede politische und wirtschaftliche Vernunft. Wenn der Weidener AfD-Vertreter Roland Magerl über soziale Themen spreche, "gähnen die besorgten Bürger im Saal. Erst wenn er deren Sündenbock benennt, wird gejohlt und geklatscht. Diese Claqueure bewegen nicht die Sorgen der Bedürftigen. Sie reitet der Hass auf alles, was anders denkt, spricht und aussieht als sie selbst. Und die Lust am Untergang. Sie sind die wahren Volksverräter."

"Lügenpresse"

Einer der, die auf diesen Kommentar reagierten, war Jürgen Spielhofen, AfD-Ortsvorsitzender in Weiden. "Solche Anschuldigungen entsprechen genau jener Emotionalisierung und Verallgemeinerung, die uns von interessierter Seite stets vorgeworfen wird", formulierte er und meinte am Ende seiner Mail: "Persönlich habe ich über 30 Länder dieser Erde besucht, darunter auch fünf islamische Staaten. Überall dort habe ich u.a. auch viele zivilisierte und friedliche Menschen angetroffen, gegen deren Zuwanderung überhaupt nichts einzuwenden wäre und die mir allemal sympathischer sind als deutsche Journalisten, welche den Vorwurf der Lügenpresse zu Recht verdienen. Ihre geradezu absurde Schlussbemerkung, die AfD habe Lust am Untergang und sei der wahre Volksverräter, kann ich mir nur dadurch erklären, dass Sie vielleicht ein Gläschen zu viel getrunken haben."

Jürgen Herdas ausführliche Reaktion in Auszügen: "Es ist grotesk, wenn ausgerechnet von Ihrer Seite Kritik am Umgangston geübt wird. (...) Ich habe Ihnen (...) einige Beispiele zusammengetragen, deren Ton indiskutabel, deren Stil nichts mehr mit mitteleuropäischer Zivilisation zu tun hat und deren Absicht eindeutig ist: Hier wird ohne Angabe von Quellen (...) gegen Minderheiten, Politiker und die schlimmen Gutmenschen gehetzt. Das Mittel: große Mengen dunkler Horden, die Angst machen; lächerlich machende Darstellungen feindlicher Politiker, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. (...) Arme Rentner und Hartz-IV-Empfänger gab es - welche Überraschung - auch schon vor der Flüchtlingskrise. Es gäbe viel zu verbessern in diesem Land, ohne ein Schreckgespenst aufzubauen, das die Karikatur eines Landes vor dem Weltuntergang zeichnet - und rund eine Million Menschen pauschal zu potenziellen Verbrechern erklärt." Anschließend fügte Herda eine Liste mit einigen "Fundstücken" hinzu, entdeckt auf den Facebook-Seiten der AfD Weiden und Oberpfalz.

"Teilweise ruppiger Stil"

Die Antwort von Jürgen Spielhofen, ebenfalls auszugsweise: "(...) Umso erfreuter war ich zu erfahren, dass Sie ein aufmerksamer Leser unserer ,Propaganda-Instrumente wie Facebook' sind. (Meinerseits muss ich allerdings einräumen, dass ich Ihre Propaganda-Zeitung nur selten in die Hand nehme!) Aus eben diesen FB-Seiten präsentieren Sie dann einige ausgewählte Fundstücke und fordern mich beinahe ultimativ auf, dazu zu stehen. - Wie bitte? Wo sind wir denn? Ich werde mich weder daneben stellen noch mich davon distanzieren. Für mich ist die Meinungsfreiheit (egal ob links, rechts oder sonst wie!) das höchste Gut einer Demokratie und weder verhandelbar noch relativierbar, sofern die Strafgesetze nicht tangiert werden! An den - teilweise ruppigen - Stil solcher Meinungsäußerungen in öffentlichen Foren muss man sich nicht unbedingt gewöhnen, kann aber fairerweise diesbezüglich nicht die gleichen Anforderungen stellen wie an einen (aus)gebildeten Journalisten!

Über die Inhalte kann man ebenfalls diskutieren, woran Sie, Herr Herda, hauptsächlich das Fehlen jeglicher Quellen bemängeln. Richtig! Wer aber heutzutage aufmerksam durch deutsche Großstädte schlendert und deren Entwicklung in den letzten Jahren verfolgt (und event. fotografiert) hat, braucht keine Quellenangaben, um zu sehen, was ihm in Deutschland nicht mehr gefällt. Für den Ausdruck und das Empfinden seines Missfallens ist er weder beweispflichtig noch bedarf es einer moralischen Rechtfertigung. Es reicht völlig aus, wenn er seine eigene Meinung bei der nächsten Wahl zur Geltung bringt! Und darüber gibt es unter Demokraten absolut nichts zu diskutieren!"

"Merkel-Poller"

Herdas Vorwurf, die AfD mache dieses Land "unsicherer, intoleranter und gefährlicher", begegnete Spielhofen mit den Worten: "Nun weiß ich allerdings nicht, in welchem Land Sie derzeit leben. Ich jedenfalls lebe in einem Land, wo das Oktoberfest mit Stacheldraht eingezäunt werden muss, wo Merkel-Poller die Weihnachtsmärkte umrahmen, wo ein G20-Gipfel unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen tagt und wo ein friedlicher Parteitag einer kleinen Partei mit 5000 Polizisten geschützt werden muss! (...) Die deutschen (für Merkel ,nützlichen') Medien können die Realität noch eine Zeit lang leugnen, verbiegen oder schönreden. Bald aber werden sie und auch Sie (!) davon eingeholt sein!"

Die Erwiderung von Redakteur Jürgen Herda: "Ich finde es bezeichnend, dass Sie, um die ,Zustände in diesem Land' zu beschreiben, ausgerechnet das Oktoberfest als Beispiel ins Feld führen - haben Sie tatsächlich verdrängt, dass genau dort der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik stattfand? Verübt nicht etwa von einem ,mitleidheischend als Flüchtling' bezeichneten Islamisten, sondern von mindestens einem aufrechten Kameraden der Wehrsportgruppe Hoffmann - 13 Menschen getötet, 211 verletzt, 68 davon schwer. Mich wundert auch, dass Sie keinen Anstoß daran nehmen, wenn ein (...) rechtes Trio ein Jahrzehnt lang Serienmorde an griechischen und türkischen Geschäftsleuten begeht. Wir wiederum denken nicht daran, den Terror der einen oder anderen Seite auszublenden.

Zeitung als Begleiter

Sie bezeichnen unsere Berichterstattung - die zunächst lediglich deskriptiv Nachrichten zu Welt-, Europa- und nationalen Ereignissen widerspiegelt - als realitätsfern. Unsere mehr als 80 Redakteure begleiten seit Ende des Zweiten Weltkriegs, den ein nationalistischer Wahnsinn entfesselte, mit großem Erfolg das Leben der Menschen in der Region.

Wir greifen - oft zum Leidwesen kommunaler Politiker - Misstände vor Ort auf. (...) Die Komplexität unserer globalisierten, ineinander verwobenen Volkswirtschaften kann eine regionale Tageszeitung nur bedingt befriedigend abbilden."

AfD-Funktionär lehnt klassisches Interview ab:

„Kommen Sie hier rein und diskutieren mit mir in einem richtigen Interview“, hatte NT/AZ-Redakteur Jürgen Herda den Weidener AfD-Funktionär Jürgen Spielhofen aufgefordert. Auf das Interview-Angebot komme er gerne zurück, spielte dieser den Ball retour, allerdings „nicht zu Ihren Bedingungen (mündlich in Ihrem Meinungsmonopol-Tempel), sondern aus objektiver Distanz: schriftlich, mit beiderseitiger Zustimmung für eine öffentliche Verbreitung“.

Dem entgegnete Herda: „Sie schreiben, Sie nehmen die Einladung zu einem Interview gerne an, aber nicht in unserem ,Meinungsmonopol-Tempel‘. Sie wollen die Fragen anders als alle anderen Parteivertreter schriftlich und wollen schriftlich antworten. D.h., ohne die ur-journalisitische Möglichkeit zur Nach- und Zwischenfrage, wenn der Befragte, was wir nicht selten erleben, ausweichend antwortet oder gar nicht.

Ich weiß nicht, wo Sie sich über die Techniken des Journalismus informiert haben, ich habe das Handwerk anders gelernt. (...) Im Journalismus ist das Interview eindeutig als eine Unterredung definiert, die in der Absicht geführt wird, die wichtigsten Passagen zu veröffentlichen. Das Gespräch, der Austausch, ist dabei das Wesentliche, ansonsten könnten wir auch Presseerklärungen veröffentlichen – also PR.“

Und weiter: „Sehen Sie, einen Unterschied zwischen uns haben Sie bereits selbst beschrieben: Während ich mich mit den Aussagen Ihrer Parteikollegen auseinandersetze, nehmen Sie unsere ,Propaganda-Zeitung‘ nur selten zur Hand. Würden Sie sich aber damit beschäftigen, kämen sie zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass sich darin die ganze pluralistische Bandbreite an Meinungen widerspiegelt, die unser Land zu bieten hat.

Ich kann beschwören, dass bisher kein Politiker, kein Verleger, kein Chefredakteur Einfluss auf Meinungsäußerungen unserer Redakteure genommen hat. Das hat den positiven Effekt, dass sich bisher alle Parteien gleich ungerecht behandelt fühlen – würden wir allen Parteien gleich gefallen, hätten wir sicher etwas falsch gemacht.“

In seiner Mail an Spielhofen merkt Herda zudem an, ihm falle auf, „dass Sie und Ihre Parteifreunde sich ununterbrochen als Opfer und Märtyrer stilisieren. Wie etwa Herr Gauland, der beim Sommerinterview auf fast alle Fragen antwortete, er habe darauf jetzt keine Antwort, kein Konzept und sich im Nachgang beschwerte, er sei als konzeptlos dargestellt worden.“

Keine Antworten von der AfD:

Seitens der AfD wird regelmäßig über eine Ungleichbehandlung im Vergleich zu anderen Parteien geklagt. In diesem Zusammenhang erinnert sich NT/AZ-Redakteur Jürgen Herda: „Wir hatten vor der Bundestagswahl Kandidaten aller Parteien, auch der AfD eingeladen. Ihr Kandidat (auch wenn er in München wohnt) hat kurz vorher abgesagt. Herrn Magerl wie auch andere Vertreter haben wir häufig angeschrieben und um ein Gespräch gebeten – ohne Antwort.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Tobias Punzmann

Vielen Dank für diese interessante Zusammenfassung der Vorgänge, die der normale Leser normalerweise nicht erfährt. Respekt vor den Journalisten, die versuchen, sich ernsthaft mit solchen Anti-Politikern auseinanderzusetzen.
Die Vorstellung von Journalismus, Demokratie und Meinungsfreiheit innerhalb der NSAfD oder anderer rechtsextremer Gruppierungen ist schon sehr skurril. Sie beanspruchen ernsthaft, den Medien ihre kruden Standpunkte diktieren und ihre Meinungen undwidersprochen verbreiten zu dürfen.
Ich hoffe, dieser Artikel öffnet noch einigen die Augen, die sich mit dem Gedanken tragen, diese rechtsradikale Partei zu wählen. Allerdings habe ich nur geringe Hoffnung, da sie wohl nur wegen ihrer fremdenfeindlichen Haltung gewählt wird. Die Ausrede mit dem Protest aus Frust auf die etablierten Parteien lasse ich nicht gelten. Aus Protest muss man nicht rechts außen wählen, da gibt es genug andere Möglichkeiten. Man trinkt in der Kneipe ja auch nicht aus der Kloschüssel aus Protest weil das Bier zu warm ist. Wer diese Partei wählt, weiß was er tut und warum er das tut. Es ist mittlerweile für jeden offensichtlich, dass gerade das Führungspersonal offen rechtsradikal ist. Und so ist auch das Gefolge.

31.08.2018