Ein kompromissloser Radikaler: Jean Ziegler liest in Weiden

In wenigen Wochen wird er 85. Jahre alt. Zum "alten Eisen" gehört der Schweizer Jean Ziegler deswegen noch lange nicht. Bei seinem Auftritt in der Weidener Buchhandlung Rupprecht präsentiert er sich als leidenschaftlicher Kämpfer gegen die "Oligarchie des Finanzkapitals".

Journalist Günter Keil befragt Jean Ziegler (rechts) zu seinem neuen Buch und dem Ziel einer solidarischen Weltordnung.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Das neue Buch Zieglers ist erst seit wenigen Tagen auf dem Markt. Das Thema überrascht nicht wirklich. "Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin" heißt die 130-Seiten-Schrift, die in Dialogform zwischen Opa Jean und Enkelin Zohra gehalten ist.

Zum Buch greift Ziegler an diesem Abend vor etwa 300 Zuhörern eher selten, das Podiumsgespräch mit ihm führt Journalist Günter Keil. Ziegler ist nicht nur emeritierter Soziologie-Professor, sondern auch ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (2000 bis 2008) und heute Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrats. Ein Mann also, der viel erlebt und gesehen hat. Einer, der sich selten mit seinen Äußerungen bei den "Oberen" beliebt gemacht hat und dies auch nie wollte. Einer, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält und sich klar positioniert.

Kritik am Kapitalismus

Das ist auch an diesem Abend in Weiden nicht anders: Als "ganz großartig" bezeichnet er die Proteste und Demonstrationen von jungen Menschen weltweit, die die Regierungen anklagen, weil der Planet kaputt gemacht werde. Die weltweite "Oligarchie des Finanzkapitals" habe dazu geführt, dass "wir unseres eigenen Lebens beraubt sind", so Ziegler. Umso wichtiger sei es, dass Kinder und Jugendliche - seine eigenen Enkel inklusive - die richtigen Fragen stellen. "Sie sind unbarmherzig dabei", sagt er.

Das Leben auf der Erde sei heute von einer "kannibalische Weltordnung" geprägt. Diese Strukturen gelte es zu "zerstören", damit aus den "Ruinen" dann etwas Neues entstehen könne. Er räumt ein, dass man noch nicht sagen könne, was das dann sei. "Denn den Weg machen die Füße selbst", sagt Ziegler. Wer aber seine Kinder liebe, müsse den Kapitalismus zerstören wollen - "und die Oligarchen werden wohl nicht freiwillig abtreten, um dann in Florida Golf zu spielen".

Eine Welt, in der laut Weltfoodreport alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen stirbt, sei keine gerechte oder solidarische Welt. Von den 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt sei eine Milliarde unterernährt. "Die Weltlandwirtschaft könnte aber nach demselben Report, der von niemandem bestritten wird, problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren", betont Ziegler. Es gebe keinen objektiven Mangel mehr auf der Welt. "Jedes Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet", sagt er.

Im "Gehirn des Monsters"

Sozialist, Kampf-Linker, Revolutionär - es lassen sich viele Beschreibungen für den Schweizer finden. Geprägt hat ihn auf alle Fälle Che Guevara. Während der Weltzuckerkonferenz in Genf 1964 war Ziegler sein Chauffeur. "Am Vorabend der Abreise nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte: 'Comandante, ich will mit Euch gehen'", erinnert sich Ziegler. Dieser habe ihm allerdings die Leuchtreklamen der Banken in Genf gezeigt und betont, dass diese Stadt das "Gehirn des Monsters" sei und er hier kämpfen solle.

"Ich war am Boden zerstört, aber er hat mir das Leben gerettet und mir die Richtung vorgegeben", sagt Ziegler heute. Sonst würde er wohl tot in irgendeinem Straßengraben in Venezuela oder Guatemala liegen. "Seitdem pflege ich die subversive Integration und bekämpfe von innen", so Jean Ziegler.

Der Schweizer bietet mit seinen Ansichten stattliche Angriffsflächen. Zum Beispiel mit seinen auch in Weiden artikulierten ungebrochenen Sympathien für die ehemaligen und heutigen venezolanischen Machthaber Chavéz und Maduro und die "von der Presse diffamierten" Gelbwesten-Bewegung in Frankreich, unter die sich allerdings - wie Ziegler einräumt - auch nicht tolerable Gruppen wie Rassisten und Antisemiten mischen. Zum Abschluss gibt es viel Applaus für einen Intellektuellen, dessen Ideen man sich vielleicht nicht alle zu eigen machen muss, der aber wichtige Anstöße zum Nachdenken und Handeln gibt.

Jean Ziegler bei der Signierstunde seiner Lesung in Weiden.
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