Keine explodierenden Flugzeuge, am 15. September 2008 zeigt die Tagesschau verstörte Banker vor dem Lehman-Brothers-Wolkenkratzer in New York. Sieben Jahre zuvor hatte der 11. September spektakulärere Bilder geliefert. Doch die Terroristen bedrohten die westliche Welt nicht ansatzweise, wie es die Insolvenz der Investment-Bank an diesem Tag tut. Heute vor zehn Jahren erreicht die Finanzkrise ihren Höhepunkt. Es folgen Wochen, in denen der Kollaps der Weltwirtschaft droht. "Die Rückkehr zur Tauschwirtschaft stand im Raum", sagt Albert Rupprecht. Der Bundestagsabgeordnete ist wie Fond-Manager Robert Beer, Sparkassen-Chef Dieter Meier und Krisenmanager Günther Merl aus Amberg nahe dran, als alles auf dem Spiel steht.
Seit 2007 hat es in den USA rumort. Immobilienpreise fielen, Hauskäufer bedienten ihre Kredite nicht mehr. Investmentbanken hatten solche Kredite in den vergangenen Jahren gebündelt und Anteile daran als Wertpapiere verkauft. Diese "schlechten" Kredite sind im September 2008 in der ganzen Welt verteilt. "Niedrige Zinsen und fehlende Regulierung waren der Auslöser", sagt Günther Merl heute. Die Politik hatte den Banken damals alle Zügel abgenommen. "Rules are for fools" (Regeln sind für Idioten). Dazu versagen Rating-Agenturen, bewerten Finanz-Schrott mit Bestnoten.
Robert Beer beschäftigt sich seit 35 Jahren mit Börsengeschäften. 1986 entwickelt der Bauingenieur ein Programm zur Finanzprodukt-Analyse. Seit 1997 managt der 57-jährige Parksteiner eigene Fonds.
Dieter Meier übernimmt im Januar 2007 den Vorstandsvorsitz der Sparkasse Amberg-Sulzbach. Zuvor leitete der 54-jährige gebürtige Altenstädter bereits die Kreissparkasse im sächsischen Riesa-Großenhain.
Günther Merl beginnt seine Karriere 1978 bei der Hessischen Landesbank. 2001 übernimmt der Amberger dort den Vorstandsvorsitz. Im September 2008 tritt Merl in den Ruhestand, um im Oktober von Finanzminister Steinbrück zum Sprecher des Leitungsausschusses der Finanzmarktstabilisierungsanstalt berufen zu werden. In dieser Position verwaltete er den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin). Heute lebt der 72-Jährige in Oberbayern, hält aber guten Kontakt nach Amberg. Erst beim Bergfest war er dort.
Albert Rupprecht sitzt seit 2002 für den Wahlkreis Weiden im Bundestag. 2008 ist er Mitglied im Finanzausschuss. Als der CSU der Vorsitz des parlamentarischen Kontrollgremiums zum Finanzmarktstabilisierungsfonds zusteht, betraut sie den damals 40-Jährigen.
"Vor Lehman waren wir Zuschauer", sagt Dieter Meier heute. Die Krise war da, aber die USA kümmerte sich um die Absicherung. Am 15. September 2008 ist das vorbei. "Scheibchenweise wurde danach klar, dass die ganze Welt betroffen ist", ergänzt Beer. "Wir hielten nie solch toxische Wertpapiere", sagt Meier. Und doch können auch Sparkassen kein Geld mehr leihen, weil niemand weiß, wer das "Finanzgift" intus hat und niemand mehr für Ausfälle garantiert. Die Finanz- ist zur Vertrauenskrise geworden.
Aufregende Wochen
In dieser Lage tauscht Günther Merl seinen Ruhestand gegen vier der interessantesten Monate seines Berufslebens, wie er sagt. Im September hat er die Hessische Landesbank schadlos übergeben, als einzige Großbank Deutschlands kommt sie ohne Verluste durch die Krise. Das prädestiniert den Banker für den Rettungsschirm mit der Abkürzung Soffin, den die Bundesregierung aufspannt, um das deutsche Bankwesen zu retten. "Wir waren 18 Stunden täglich im Büro", erzählt Merl. Die Berater-Firmen arbeiten damals im Drei-Schicht-Betrieb. Nach vier Monaten zieht sich Merl zurück, aus persönlichen Gründen, wie er damals sagt. Heute gibt er zu, dass es die Einflussversuche der Politik sind, die ihn stören. Allerdings ist Ende Januar 2009 auch das Gröbste schon getan. Bei neun Banken leitet Merl die Rettung, danach folgt noch eine weitere.
Die Rückkehr zur Tauschwirtschaft stand im Raum.
Albert Rupprecht erlebt als "Soffin-Chefaufseher" ebenfalls "ein intensives halbes Jahr" voller Sitzungen mit Experten und Entscheidern aus Finanzwelt und Politik. Seine Interviews haben plötzlich Einfluss aufs Börsengeschehen. "Wir haben Sitzungstermine an Japans Börsenzeiten ausgerichtet, um den Handel nicht zu stören." Rupprecht erinnert sich auch an Spannungen mit Finanzminister und Kanzlerin. "Es war notwendig schnell zu handeln, aber eine gute sachliche Arbeit im Parlament war kaum möglich." Auch Rupprecht selbst habe manchen Konflikt aushalten müssen: "Die Kanzlerin soll getobt haben, als ich Bad Banks gefordert habe." Wochen später gibt es diese "Auffang-Banken" für toxische Wertpapiere. "Sonst wäre das Eigenkapital der Banken weggeschmolzen, die Kreditvergabe zusammengebrochen."
Mit minus 23 der Beste
Für Robert Beer ist 2008 bis heute das schwächste Fonds-Jahr überhaupt. "Wir haben 23 Prozent verloren." Verglichen mit der Konkurrenz hält sich sein Lux-Topic-Fonds aber bestens. "2009 war der Verlust aufgeholt." 2008 bis 2010 gewinnt er dreimal den sehr renommierten "Lipper Funds Award". Er sichere seine Geschäfte immer ab, auch wenn das ein wenig Rendite kostet. In der Krise zahlt sich diese Strategie aus. "Man kann nicht immer Vollgas geben." Deshalb hält Beer es bis heute für richtig, dass die USA Lehman hat fallen lassen. "Fehler müssen Konsequenzen haben." Außerdem wäre die Krise sonst ewig fortgeschritten. "Lieber ein Ende mit Schrecken."
Wie bei Beer erweist sich auch das Geschäftsmodell der Amberger Sparkasse als stabil: "Zuvor wurden wir belächelt, plötzlich waren wir Vorbild", sagt Dieter Meier. Alle wollen ins Geschäft mit Kreditkunden. "Das, was wir immer gemacht haben." So profitieren die Sparkassen in der Krise. "Wir hatten plötzlich Kunden, die zuvor nie mit uns arbeiten wollten, denen wir zu langweilig waren." Allerdings nennt Meier auch Schattenseiten: "Die verschärfte Regulierung nach der Krise unterscheidet nicht nach Größe und Geschäften der Banken." Dies belaste gerade die kleinen Häuser. Auch wegen dieses Drucks fusionierten in den vergangenen Jahren mehrere Volks- und Raiffeisenbanken in der Region.
Aufstieg der AfD
Insgesamt erhält das Krisenmanagement gute Noten, die Experten sind einig, dass es zum Soffin und dessen riesigen Garantiesummen keine Alternative gab. Rupprecht würde aber an einem Punkt anders entscheiden: "Unser Motto war: der Staat ist nicht der bessere Banker." Der Soffin stützt die Banken, nimmt aber keinen Einfluss aufs Geschäft. "Die USA hat ihre Banken ganz übernommen, saniert und dann zurück an die Börse gebracht." Das US-Bankwesen steht heute bestens da, das deutsche hat sich nach der Krise nie erholt.
Die Schwäche europäischer Banken, liegt für Merl und Beer jedoch nicht an der Finanz-, sondern an der Staatsschuldenkrise. Die folgt ab 2009, die tiefere Ursache sehen die Experten im Konstruktionsfehler des Euros. Die Leistungen der Euro-Volkswirtschaften sind zu verschieden, die Europäische Zentralbank kann keine Geldpolitik machen, die für Deutschland und für Griechenland richtig ist. Um die schwachen Staaten im Euro zu halten, hält die EZB die Zinsen niedrig, für Deutschland sollten sie höher sein. "Das belastet die Banken", erklärt Merl. Europa sei für Deutschland auch wirtschaftlich wichtig, deshalb müsse man dieses Opfer wohl bringen.
Niedrige Zinsen und fehlende Regulierung waren der Auslöser.
Rupprecht sagt, die Krise wäre der Zeitpunkt gewesen, Griechenland aus dem Euro zu entlassen. Finanzminister Schäuble hatte einen Plan, Angela Merkel habe diesen verhindert. "Der Euro hat nur eine Zukunft, wenn er konsolidiert wird. Die Alternative wäre eine Transferunion, die die Deutschen zurecht nie akzeptieren würden." Rupprecht sagt, er schätze, die Kanzlerin. Doch Griechenland nicht aus dem Euro zu entlassen, sei ein großer Fehler gewesen. Damals begann der Aufstieg der AfD. "Die Partei konnte sich etablieren, das bürgerliche Lager spalten und die Durchsetzung bürgerlicher Politik schwächen. Nur mit der Flüchtlingsfrage wäre das nicht gelungen."
Nach dem 11. September 2001 senkt die US-Notenbank die Zinsen. Viele Amerikaner nutzen das, um ein Haus zu kaufen, die Immobilienpreise steigen. Immer häufiger greifen Käufer zu, die nicht genug Mittel haben, die Banken geben Kredit und nutzen die steigenden Hauspreise als Sicherheit.
Mitte 2006 erreichen die Hauspreise das höchste Niveau. Als die Werte sinken, nehmen Kreditausfälle zu.
Im Juni 2007 meldet die Investmentbank Bear Stearns Probleme mit drei ihrer Hedgefonds, die sich mit Immobilien-Papieren verspekuliert haben.
Ende Juli 2007 steht die deutsche Mittelstandsbank IKB vor dem Zusammenbruch, ebenfalls wegen Wertpapieren, die durch US-Hypothekenkredite abgesichert sind. Tage später melden die Landesbanken SachsenLB, WestLB und BayernLB ähnliche Probleme. Auch in den USA erwischt es immer häufiger Banken verschiedener Größe. Immer greift der US-Staat ein, organisiert Übernahmen, verhindert Zusammenbrüche.
Am 15. September 2008 verweigert die USA Hilfe: Lehman Brotherr ist pleite. Börsen stürzen weltweit ab.
Am 20. September kündigt die US-Regierung ein Bankenrettungspaket über 700 Milliarden US-Dollar an.
In Deutschland muss der Bund am 29. September 2008 für den Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) mit 35 Milliarden Euro bürgen.
Der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) wird am 17. Oktober eingerichtet. Sprecher des Leitungsgremiums wird der gebürtige Amberger Günther Merl, dem Parlamentarischen Kontrollgremium sitzt Albert Rupprecht aus Waldthurn vor, auch Ludwig Stiegler von der SPD sitzt in dem Gremium. Der Soffin hat ein Volumen von 480 Milliarden Euro, er rettete zehn Banken. Bis 2017 hat er 9,3 Milliarden Euro tatsächlich an Verlustübernahmen für die HRE bezahlt. In den Büchern steht Ende 2017 ein Verlust von 21 Milliarden Euro. Erst wenn der Fonds alle Beteiligungen wieder abgegeben hat, lässt sich letztlich sagen, wie viel die Bankenrettung den Steuerzahler gekostet hat.
Griechenland verkündet, dass die Neuverschuldung drastisch von 6 auf 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schnellt. So beginnt am 19. Oktober 2009 die Staatsschuldenkrise. Sie macht einen europäischen Rettungsschirm mit einem Volumen von 700 Milliarden Euro nötig. Unter anderem Irland, Spanien, Portugal und Zypern nehmen ihn in Anspruch.
Für das Jahr 2009 weist das Statistische Bundesamt einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukt von 5 Prozent aus – trotz zweier Konjunkturprogramme, zu denen unter anderem die Abwrackprämie für alte Autos gehört.
Die europakritische Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) beschließt im April 2013 die Gründung.







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