Magen statt Lunge beatmet: Mann stirbt nach Arztfehler

Im September 2016 geht die Familie fröhlich zur Pfreimder Kirchweih. Erich H. (60) trägt seinen Enkel (2) auf den Schultern. Ein fitter Opa. "Er fühlte sich pudelwohl", sagt seine Frau Maria. 48 Stunden später ist nichts mehr wie es war.

Schwerer Gang für Witwe Maria H., im Bild mit Anwalt Christoph Scharf. Der Tod ihres Mannes nach einem Behandlungsfehler beschäftigt am Donnerstag das Landgericht Weiden.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Erich H. wird Opfer eines fatalen Behandlungsfehlers: In der Nacht zum 27. September 2016 - am Tag nach der Kirchweih - wird ihm im Weidener Klinikum ein Intubationsschlauch in den Magen, statt in die Lunge geschoben. Sein Gehirn bleibt mindestens 10 Minuten ohne Sauerstoff. Erich H. ist danach nie wieder ansprechbar. Er stirbt als Schwerstpflegefall am Karfreitag diesen Jahres.

Der Hintergrund des Klinikaufenthalts war vergleichsweise harmlos. Der Mann trug seit einem Herzinfarkt 2014 einen implantierten Defibrillator (ICD). Er kam damit gut zurecht, konnte Sport und Beruf wie gewohnt ausüben. Am Montag, 26. September 2016, fährt er zu seinem Hausarzt, weil er Kammerflimmern und Aktionen des ICDs spürte. Der Arzt schickt ihn zur Kontrolle des Geräts ans Klinikum Weiden.

Dramatische Minuten

Gegen 21 Uhr sitzen Frau und Tochter noch bei ihm. "Er saß im Bett und hat gelacht", erinnert sich Maria H. Ein Arzt teilt mit, dass ihr Mann am nächsten Morgen entlassen würde. Als der Sohn danach zu Besuch kommt, tritt beim Vater wieder Kammerflimmern auf. Der Sohn sucht den Arzt auf: "Müssen wir uns Sorgen machen?" Der Oberarzt gibt Entwarnung, der ICD funktioniere. Der Sohn verabschiedet sich um 22 Uhr.

Zwei Stunden später kommt es zu den dramatischen Minuten, von denen die Familie erst sehr viel später erfahren wird. Gegen Mitternacht will die Assistenzärztin den Patienten in ein künstliches Koma versetzen. Ziel ist dabei in der Regel, den Körper zu entlasten. Der jungen Frau passiert ein folgenschwerer Fehler: Sie schiebt den Beatmungsschlauch in die Speise-, statt in die Luftröhre. Herzstillstand. Atemstillstand.

Die Ärztin beginnt um 0.20 Uhr die Reanimation, bemerkt aber ihren Fehler nicht und benutzt keine Atemmaske. Um 0.25 Uhr ruft sie eine Anästhesistin. Der Patient ist blau angelaufen. Die Kollegin entfernt den Schlauch und verlegt ihn richtig. Um 0.35 Uhr endet die Reanimation. Die Anästhesistin protokolliert handschriftlich: "Fehlintubation (unbemerkt), Rea zirka zehn Minuten, Intubation durch Anästhesie".

Von diesen Komplikationen erfährt Familie H. nichts. Ihr wird am Morgen mitgeteilt, dass man den Patienten aus medizinischen Gründen "schlafen gelegt" habe, er befinde sich in der Aufwachphase. Die Familie wechselt sich am Krankenbett ab, spielt Musik aus dem MP3-Player ab. Eine Krankenschwester ist irritiert über den Optimismus. Vier Tage später informiert der Oberarzt die Angehörigen, dass Erich H. in Weiden wohl nicht mehr aufwachen könne, dies solle in Regensburg erfolgen. Eventuell blieben kleinere Schäden an Arm oder Mund, "nichts, was man mit "Hirntraining nicht wieder hinbekommen könne". "Wir waren völlig ahnungslos", sagt der Sohn. "Unsere größte Sorge war damals, ob er wieder Tennis spielen kann."

Erst in der neurologischen Reha des Bezirkskrankenhauses Regensburg erfahren sie das Ausmaß der Folgen. "Eine Ärztin hat sich erbarmt. Ich glaube, wir haben ihr leid getan", berichtet der Sohn. Die Medizinerin legt die Karten auf den Tisch: Das Gehirn von Erich H. sei so schwer geschädigt, dass er im Wachkoma bleiben werde. Ursache sei eine Sauerstoffunterversorgung, die nach Einschätzung der Medizinerin 15 bis 20 Minuten angedauert haben müsse. "Was kann ich für meinen Mann noch tun?", fragt Maria H. in ihrer Verzweiflung. Der Rat habe gelautet: "Suchen Sie Gerechtigkeit."

Erst als der Weidener Rechtsanwalt Christoph Scharf die Patientenakte einsieht, wird klar, dass Erich H.'s Zustand nicht "schicksalhaft" ist. Die Fehlintubation ist dokumentiert. Scharf reicht Klage beim Landgericht Weiden ein. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Erich H. in einer Intensivpflegestation in Weiden. Der 60-Jährige wird künstlich ernährt, er hat eine Trachealkanüle am Hals. Er kann sich nicht bewegen. Er kann nicht einmal schlucken und muss abgesaugt werden, was ihn spürbar quält. Bei Schmerz öffnet er die Augen, Blickkontakt ist nicht mehr möglich.

Nicht qualifiziert

Das Landgericht gibt bei Professor Matthias Pauschinger ein Gutachten in Auftrag, das nach Aussage von Richter Peter Werner "die wesentlichen Vorwürfe der Kläger bestätigt". Die Ärztin war nicht qualifiziert für eine selbstständige Intubation ohne Unterstützung. Sie hatte erst vier Intubationen vorgenommen, üblich sind laut Gutachter 150 bis 200. Die Ärztin war allein, der Oberarzt nicht im Haus, der Chefarzt im Urlaub. Zumindest strittig ist, ob es überhaupt nötig war, den Patienten mitten in der Nacht in ein Koma zu versetzen und nicht auf den Tag zu warten.

Vor Gericht spielt das am Donnerstag alles keine Rolle mehr: Die Kliniken Nordoberpfalz, vertreten durch Anwalt Carl Brünnig, sind mit einem Vergleich sofort einverstanden. An die Witwe wird Schmerzensgeld bezahlt. Die Ärztin, persönlich geladen, erscheint nicht zur Verhandlung. Die Witwe hadert damit. "Ich tue ihr ja nichts, aber ich hätte sie gern einmal gesehen." Dem Gericht ist kurzfristig eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom HNO-Arzt zugesandt worden. Anwalt Christoph Scharf beantragt ein Ordnungsgeld. Bis heute habe sich vonseiten des Klinikums "keiner entschuldigt oder sein Beileid ausgesprochen". "Die Familie kennt bis heute die Person nicht, die für den Tod des Vaters verantwortlich ist", sagt Scharf. "Das bräuchte sie aber, um abzuschließen."

Enttäuscht von Ärzten

Tatsächlich wäre der Mutter damit sehr geholfen, sagen ihre Kinder. Es schwingt Bitterkeit mit: "Ich hätte mir von Ärzten Offenheit und Ehrlichkeit erwartet", sagt der Sohn. "Es stört mich enorm, dass man uns den Sachverhalt verschwiegen hat - und gleichzeitig vergeblich hinter den Ärzten her rennen ließ."

"Und plötzlich sieht das ganze Leben anders aus", sagt die Witwe. 41 Jahre sei man ein Paar gewesen. Jahrzehntelang haben beide gearbeitet, das Haus im Landkreis Schwandorf gebaut, die Kinder großgezogen. 45 Jahre war Erich H. für BMW tätig, Schicht und Montage. Nächstes Jahr kommt der vierte Enkel zur Welt, ein Mädchen. "Er hatte sich so auf den Ruhestand gefreut", bedauert Maria H. "Er wollte das genießen." Erich H. war genau einen Tag im Ruhestand.

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