Jede Menge Kopfgeburten

Eine Lesung von Thomas Klupp in Weiden hat eine ganz eigene Dynamik. Auch im neuesten Roman des gebürtigen Oberpfälzers steckt viel Gossip aus seiner Jugend. Im Buch weist der Autor sogar extra darauf hin, dass alle Figuren rein fiktiv sind. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Thomas Klupp liest aus seinem Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“.
von Autor OTJProfil

In seinem neuen Roman "Wie ich fälschte, log und Gutes tat", aus dem der 41-Jährige am Freitag in der Buchhandlung Rupprecht liest, geht es, wie in seinem Debüt ("Paradiso"), abermals um einen jungen Mann, der ein recht unverkrampftes Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Der Held des Erstlings entpuppt sich im Verlauf des Buches als ziemlicher Mistkerl. Benedikt Jäger hingegen ist eher ein Schlitzohr, das über schlechte Schulleistungen und Fehlzeiten mittels virtueller Betrügereien sehr erfolgreich hinwegtäuscht.

Mich nicht abschreiben

Vieles an seinem neuen Roman, der neun Jahre auf sich warten ließ, ist autobiografisch, gesteht Klupp. "Es gibt aber auch jede Menge Kopfgeburten. Ich habe überhaupt kein Interesse daran, mich selbst abzuschreiben." Dennoch spielt die Geschichte rund um Jäger und seine Kumpels Bartels und Vince in der Gegenwart. "Die Schule der Vergangenheit in die Gegenwart hinüber zu verfremden, das war schon einiges an Recherche-Arbeit." Während man früher eine Krankmeldung noch leicht fälschen konnte, gäbe es in Zeiten des Internets ein ganz anderes Maß der Überwachung.

Eine große Herausforderung auch, den richtigen Ton für seine Helden zu treffen. Einfach die aktuelle Jugendsprache zu übernehmen, würde nicht funktionieren. So hat er sich an so zeitlosen jungen Helden der Literatur orientiert, nennt Salingers Holden Caulfild aus "Fänger im Roggen" oder den modernen Klassiker "Tschick" von Wolfgang Herrndorf - und entwickelt eine ganz eigene Kunstsprache.

Sieht man sich Benedikt im Verlauf des Buches an, kommen einem durchaus andere Referenzen in den Sinn: Der Nihilismus und die Genusssucht aus Büchern von Brad Easton Ellis oder Filmen wie "Kids". Denn im Vergleich zu den vorher genannten Protagonisten, ist Benedikt einer, dem Vieles in die Wiege gelegt wurde. So kommt er aus einem reichen Elternhaus, ist erfolgreicher Tennis-Spieler und kein ewiger Einzelgänger - ein Winner-Typ, der trotzdem hadert.

Ernstzunehmende Kritik

Zum vorliegenden Setting nimmt Jäger eine opponierende Haltung ein, aber nicht in Dialogen. In inneren Monologen kommentiert er das, was er sieht mit zum Teil ätzendem Sarkasmus. Er zeichnet immer wieder Mikro-Psychogramme seiner Eltern, seiner Kumpels und Lehrer. Genau das macht den Text so reizvoll. Eine weitere Stärke des 41-Jährigen: die detailreiche Schilderung seiner Umgebung. So verwandelt er den spinnenverseuchten Keller in ein wahres Horrorszenario, den Weg zur Ballonfahrt zum gruseligen Mini-Roadtrip.

"Wie ich fälschte, log und Gutes tat" lässt sich in einem Sitz durchlesen. Man merkt: Klupp hat beim Schreiben ordentlich auf die Tube gedrückt. Zudem nimmt der Ich-Erzähler eine reflektierende Haltung ein - nicht moralisierend, aber sarkastisch, geistreich und unterhaltend. Besonders stark gelungen ist die Szene, in der seine Mutter zum Charity-Event am Pool lädt: Der steuerbetrügende Vater erscheint erst gar nicht, ein Bürgermeisterehepaar schneit aus der U-Haft herein, es feiern ein bestens integrierter Zuhälter und eine überspannte Hausfrau mit Alkoholproblemen. Am Grill steht Abdullah, den die Jägers aufgenommen haben. Dazu ein Team aus Flüchtlingen, das den betuchten Gästen Essen serviert. Pointiert karikiertes Heuchel-Engagement der Reichen - das ist wahrhafte und ernstzunehmende Gesellschaftskritik.

Lesung im Literaturhaus Oberpfalz:

Thomas Klupp liest am 25. Oktober (19.30 Uhr) im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg aus „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Karten unter Telefon: 09661/815 959-0

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