Weiden in der Oberpfalz
30.04.2019 - 15:58 Uhr

München als „Testgelände Hitlers“

Historiker Michael Brenner stellt in Weiden neues Buch vor

Der Historiker Michael Brenner stellte in der Thalia-Buchhandlung Weiden seines neues Werk vor Bild: stg
Der Historiker Michael Brenner stellte in der Thalia-Buchhandlung Weiden seines neues Werk vor
Der Historiker Michael Brenner stellte in der Thalia-Buchhandlung Weiden seines neues Werk vor Bild: stg
Der Historiker Michael Brenner stellte in der Thalia-Buchhandlung Weiden seines neues Werk vor

Bayern war für Adolf Hitler bekanntermaßen ein ganz besonderer Landstrich: Nürnberg die „Stadt der Reichsparteitage“, der private Landsitz am Obersalzberg bei Berchtesgarden und München als „NS-Wiege“ und „Hauptstadt der Bewegung“. Gerade der in München bereits ab 1918 vorhandene Antisemitismus spielte Hitler und seinen Gefolgsleuten schon früh in die Hände, die bayerische Metropole wurde damit zum idealen „Testgelände Hitlers“, wie es der Historiker und Hochschulprofessor Michael Brenner in seinem neuen Buch beschreibt.

In der Thalia-Buchhandlung (ehemals Stangl & Taubald) stellte der gebürtige Weidener auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit zum Abschluss der „Woche der Brüderlichkeit" sein vor wenigen Tagen erschienenes Werk „Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemitismus in Hitlers München 1918 -1923“ erstmals der Öffentlichkeit vor.

Brenner ist seit 1997 Lehrstuhlinhaber für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, also ein ausgewiesener Experte. Und dennoch bekennt er mit Blick auf das Verwurzeltsein des Antisemitismus in München in der betreffenden Zeit: „Die Tragweite hat mich schon überrascht!“

Mit der Thematik des Buches, so macht Brenner deutlich, gehe er schon einige Zeit schwanger. „Ich wollte vor über 30 Jahren meine Magisterarbeit dazu schreiben“, blickte er zurück. Das ließ sich damals nicht umsetzen, nun sei der 100. Jahrestag der Revolution in Bayern und seiner Folgen der richtige Neuansatz gewesen. Und er sei überrascht gewesen, dass sich die Themen Antisemitismus und die Beteiligung jüdischer Persönlichkeiten an der Revolution in Bayern bis dato nur wenig in der Forschung niedergeschlagen hätten.

Bei seiner Lesung konnte Brenner natürlich nur einen kleinen Einblick geben in sein Untersuchungsfeld: Deutlich macht er zum einen die Beteiligung jüdischer Politiker und Intellektueller am Revolutionsgeschehen in Bayern – von Kurt Eisner über Gustav Landauer und Erich Mühsam bis hin zu Ernst Toller. Genauso hält er aber auch fest: „Jüdische Revolutionäre machen noch keine jüdische Revolution!“ Denn ein Großteil der jüdischen Gemeinde distanziert sich auch von der Revolution, zum Teil wird dies in offenen Briefen gemacht, die Brenner vorstellte, und in denen sich Argumente und Formulierungen finden, die in der antisemitischen Agitation gleichzeitig und auch später gerne aufgenommen werden.

Eine besondere Person, so Brenner, sei Kurt Eisner, erster gewählter Ministerpräsident des Freistaates Bayern, gewesen. „Das war der erste und fast einzige jüdische Politiker an der Spitze eines Staates in Deutschland“, sagte Brenner. Und bereits er sei zur Zielscheibe aller jüdischer Vorurteile geworden, wie der Historiker anhand zahlreicher Zitate belegt. Der Prozess gegen den Eisner-Mörder Anton Graf von Arco auf Valley 1920 belege bereits, dass Richter und Staatsanwaltschaft rechte Mörder feierten – der Ausgang des Hitler-Prozesses nach dessen Putschversuch 1923 überraschte nicht, da es sich um denselben Richter handelte.

Brenner analysierte auch den Hitler-Pusch selbst, die Geschehnisse dabei mit Bezug zur jüdischen Bevölkerung würden sich fast schon lesen wie die Ereignisse während der Pogromnacht 1938. „Da würde ausgetestet, was man machen kann, ohne dass Polizei und Justiz eingreifen“, betonte der Historiker. Hitler, schätzte Brenner, sei wohl selbst davon überrascht gewesen, was möglich sei. Öffentlich geäußerten Rückhalt für die jüdische Bevölkerung habe man zur damaligen Zeit in München kaum gefunden – übrigens auch nicht beim Münchener Kardinal Faulhaber, wie Brenner ausführt.

Auf die Nachfrage, woher der vielfältige Antisemitismus in München rühre, konnte Brenner keine erschöpfende Aussage treffen. „Es ist sicherlich zu einfach, den Antisemitismus an der Handvoll jüdischer Revolutionäre festzumachen“, erklärte der Autor. Man dürfe aber auch nicht außer Acht lassen, dass man in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gerne auf der Suche nach Sündenböcken war, die für die militärische Niederlage herhalten mussten. „Und das Feindbild der Juden musste man nicht neu entdecken, das ist schon Jahrhunderte alt“, folgerte Brenner.

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.