Psychiatrie in der Oberpfalz: "Wöllershof ist super"

Psychische Krankheiten brauchen längst nicht mehr versteckt werden, denn es gibt ein eng geknüpftes Netzwerk an Hilfestellungen. Konrad Stahl ist das beste Beispiel dafür.

Konrad Stahl im Raucherzimmer der Oase in Weiden
von Siegfried BühnerProfil

"Jetzt geh ich erst mal eine rauchen", sagt Konrad Stahl. Mehr als eine Stunde hat er zuvor aus seinem Leben erzählt. Seit 1995 leidet der gelernte Metzger, Filialleiter im Einzelhandel und Versicherungsfachmann an einer schizophrenen Psychose. Von Anfang an bekam er Unterstützung von einem vielfältigen und eng geknüpften Netzwerk der Psychiatrie in der nördlichen Hälfte der Oberpfalz.

Trotz mancher Rückschläge ist der 1961 in Vohenstrauß geborene Stahl heute mit seinem Leben zufrieden. "Die Oase ist meine zweite Heimat geworden." Dort sei er unter Freunden, es werde ihm geholfen. Wenn er nicht in der Regenbogenwerkstatt des Heilpädagogischen Zentrums Irchenrieth arbeitet, kommt Stahl in diese Tagesstätte für psychisch kranke Menschen in Weiden. Die Nacht verbringt er in seiner eigenen Wohnung, von der er mit Stolz sagt, "die hat 70 Quadratmeter und ich kann sie mir leisten, weil ich als Versicherungsfachmann rechtzeitig eine private Berufsunfähigkeitsrente abgeschlossen habe."

Dann berichtet Stahl über seinen "Leidensweg", wie er es selbst ausdrückt. "Ich hielt den ständig wachsenden Stress als Gruppenleiter im Außendienst bei einer Versicherung nicht mehr aus." Als es nicht mehr ging, verbrachte er sechs Wochen im geschlossenen Bereich des Bezirksklinikums Wöllershof und eine zweijährige akute Krankheitsphase. "Verlobte und Freunde verloren, 30 Kilogramm zugenommen und vollgestopft mit dem Neuroleptikum Haldon", fast Stahl diese Zeit zusammen. Freunde und Bekannte hätte überhaupt nicht begriffen, was mit ihm gerade passiert.

Neue Vertraute

Doch Stahl fand bald neue Vertraute: Seit 1996 gehört er zu den regelmäßigen Besuchern der Oase. "Dafür würde ich am liebsten jeden Tag in der Kirche eine Kerze anzünden", sagt Stahl. Beschäftigung in einer geschützten Umgebung fand der psychisch Kranke zunächst beim Malteser Hilfsdienst, seit 2002 in der Regenbogenwerkstatt. Montage und Fahrdienst gehören zu seinen Aufgaben, die er nach 14 Jahren Vollzeit heute in Teilzeit ausübt. Und stolz ist Stahl über "12 Jahre im Werkstattrat".

Im vergangenen Jahr gab es einen Rückfall, der einen siebenwöchigen Aufenthalt in Wöllershof erforderte. Nach wie vor besucht er die ambulante Station im Bezirkskrankenhaus. "Wöllershof ist super", lobt Stahl. Schließlich habe er sich gut erholt, müsse allerdings täglich "drei Tabletten für die Psyche" nehmen. Aus seinem früheren Bekanntenkreis habe sich niemand mehr gemeldet. Dennoch ist Stahl der Meinung "ganz allmählich wächst das Verständnis für psychische Krankheiten".

Dass in der Oberpfalz das Hilfenetz eng geknüpft ist, bestätigen die Psychiatriekoordinatorin des Bezirks, Anna Magin, und Thomas Fehr, Vorsitzender der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz (PSAG). Für Magin gilt "die PSAGs mit über 50 Mitgliedsinstitution und 5 Unterarbeitsgruppen sind sehr wichtig, denn dort sind alle Einrichtungen vernetzt". "Ausbaufähig" ist laut Magin die Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein Neubau in Weiden ist aber fest geplant. Auch der gerontopsychiatrische (Alters-) Bereich habe sich zuletzt verbessert. Ganz besonders wichtig seien die Selbsthilfegruppen.

Die Versorgungssituation in der Psychiatrie in der nördlichen Hälfte der Oberpfalz ist insgesamt gesehen recht gut sagen (von likns) der 1. Vorsitzende der PSAG Nordoberpfalz Thomas Fehr, die Psychiatriekoordinatorin des Bezirks Oberpfalz Anna Magin, der stellvertetende PSAG-Vorsitzende Berthold Kellner und die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Weiden Sonja Dobmeier

Fachkräfte fehlen

Ein Handicap sei inzwischen der Fachkräftemangel, betont Magin. Für Fehr gilt "das System ist so ausgereift, dass für alle ein Angebot besteht". Und dass es überall Notfalltermine gibt, stellt Fehr ebenfalls fest. Der im Aufbau befindliche Krisendienst mit einer einheitlichen Notfallnummer mache alles noch dichter. "Die Region ist gut aufgestellt", sagt auch der Ärztliche Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, Dr. Thomas Wittmann. Er verweist auf 200 Akutbetten, 31 Reha-Betten und den teilstationären und ambulanten Bereich im Bezirksklinikum. Keinesfalls dürfe man die Versorgungslage an den langen Wartezeiten bei niedergelassenen Psychotherapeuten (siehe Kasten) festmachen, denn diese stellten nur ein Glied in der langen Versorgungskette dar, betont Wittmann.

Nicht anlasten sollte man der Psychiatrieversorgung solche Faktoren, die mit der Siedlungsstruktur ländlicher Räume zu tun haben. Die Erreichbarkeitsprobleme könnten nur mit Mobilitätsfortschritten oder der Telemedizin gelöst werden. Der Einstieg in das System sei nicht deshalb schwer, weil es kein Angebot gibt, sondern weil viele Betroffene erst einmal ein Abwehrverhalten zeigen.

Plakat Psychiatrietage
Oberpfälzer Psychiatrietage:

Viel mehr Hintergründe zur psychiatrischen Versorgung im allgemeinen und speziell in der Oberpfalz gibt es bei den Oberpfälzer Psychiatrietagen in Weiden. Am 26. und 27. März steht die zehnte Auflage in der Max-Reger-Hall unter dem Motto: „Psychische Gesundheit 4.0 – dem Wandel begegnen“.

Psychotherapieversorgung in Zahlen :

Der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) weist für die mittlere und nördliche Oberpfalz in Sachen ärztliche und psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aus: Weiden/Landkreis Neustadt: 25,5; Amberg und Landkreis Amberg-Sulzbach 27,35, Landkreis Schwandorf 28,7 und Tirschenreuth 13,3.

Laut Psychosozialer Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz betragen die Wartezeiten für eine längerfristige Behandlung zwischen drei Monate und einem Jahr. Wartezeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bestehen bis 6 Monate, teilweise auch länger. Dringende Fälle werden vorgezogen. Auffallend ist der in den meisten Landkreisen hohe Anteil an Therapeuten über 60 Jahre (Weiden-Neustadt/WN: 8 von 32) So gut wie keine Wartezeiten gibt es im Bereich der Beratungsstellen und ihren niedrigschwelligen Angeboten.

Die wichtigsten Einrichtungen: 6 Werkstätten für Behinderte mit 600 Plätzen, 10 Integrationsfirmen, 7 Tagesstätten für psychisch Kranke, 520 Einzelwohnungen für psychisch Kranke, 15 Wohngemeinschaften für psychisch Kranke mit 120 Plätzen, 14 für Suchtkranke mit 90 Plätzen, 8 Sozialpsychiatrische Dienste für psychisch Kranke und 8 für Suchtkranke (SPDI), 9 Erziehungsberatungsstellen, 30 Heime für psychisch Behinderte mit 650 Plätzen, 11 Heime für Suchtkranke mit 350 Plätzen.

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