Rettungsaktion hinter der Grenze

Wie Alois Wolfram vom Überfall überraschte Gewerkschaftler aus Prag herausholen wollte

Auf den Stempel ist Alois Wolfram noch heute stolz: Er dokumentiert die letzte genehmigte Einreise nach der Besetzung.
von Externer BeitragProfil

Als wäre es gestern gewesen. Die Erinnerungen an jene dramatischen August-Tage sind in Alois Wolfram (84) tief verwurzelt. Rückblende: Seit zwei Tagen schon verfolgt er den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei. Wolfram ist besorgt. Schließlich ist die Grenze nur unweit entfernt und die Gefahr eines kriegerischen Flächenbrandes nicht gebannt. An diesem 23. August 1968 hat der 35-Jährige einen Termin bei der Porzellanfabrik Seltmann. Es geht um tarifliche Angelegenheiten. Wolfram ist Geschäftsführer der Verwaltungsstelle Weiden der Industriegewerkschaft (IG) Chemie, Papier, Keramik.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Während der Konferenz läutet das Telefon. Ein aufgeregter Mitarbeiter bittet seinen Chef, sofort in die Dienststelle zurückzukehren. Grund: Man fürchtet um das Leben hochrangiger Gewerkschaftsvertreter. Sie waren nach Prag gereist, um dort die Kollegen bei der Neuorganisation gesellschaftlicher Gruppen im Zuge des Prager Frühlings zu beraten.

Mission impossible?

Mit dem Einmarsch der Russen ist der Kontakt zur deutschen Delegation allerdings abgerissen. Schlimmste Befürchtungen veranlassen Werner Vitt, stellvertretender Bundesvorsitzender des deutschen Gewerkschaftsbundes, Alois Wolfrum in einem Telefonat zu bitten, sich schnell von Weiden aus um die Kollegen zu kümmern. Einen Bus chartern, sich zum Hotel in Prag durchschlagen und die Funktionäre rausholen. So der Auftrag. Mission impossible? Wolfram handelt und sucht einen Busfahrer mit gültigem Pass. Auch die Einreise per Visum sei noch möglich, signalisieren die tschechoslowakischen Grenzer. Dem Weidener ist nicht ganz wohl bei seiner Mission. Fernsehen, Hörfunk und Zeitungen berichten von kriegsartigen Szenen auf dem Prager Wenzelsplatz. Dann die nächste Hürde. Die Frau des Busfahrers rastet aus. Sie droht mit Scheidung, sollte sich ihr Mann auf das Abenteuer einlassen. Wolfram hat nicht viel Zeit, die Frau zu beruhigen. Gegen 11.30 Uhr fährt der Bus dann in Waidhaus vor. Auf den Stempel verbunden mit dem Visum ist der Weidener noch heute stolz. Schließlich dokumentiert er die letzte genehmigte Einreise in diesen turbulenten Tagen.

Es pressiert. Jeden Augenblick kann der Grenzübergang Waidhaus dicht sein. Als sich der Bus dann dem Schlagbaum nähert, bleibt dieser geschlossen. Punkt zwölf Uhr geht nichts mehr. Die Verzweiflung ist groß. Jetzt müssen die beiden Einreisenden den einstündigen Generalstreik in der Tschechoslowakei aus Protest gegen die Besatzer abwarten. Als es dann endlich in Richtung Prag losgeht, die unerwartete Wende. In mehreren entgegenkommenden Taxis erkennt Wolfram seine Landsleute. Freude und Erleichterung sind groß.

Panikartige Flucht

Der Krach von Panzern und Gewehrsalven habe sie geweckt, erzählen die deutschen Gewerkschaftler. Danach verlassen sie panikartig das Hotel. Ihre Prager Kollegen organisieren Taxis mit ortskundigen Fahrern, die auf Schleichwegen zahlreiche Kontrollen auf dem Weg zur Grenze umfahren. Wolfram, Busfahrer und Gewerkschaftler bändigen ihre Aufregung bei Bier und Brotzeit in einer Vohenstraußer Wirtschaft. Am Abend gibt es dann eine improvisierte Kundgebung vor dem Weidener Rathaus. Dort erfahren die vielen Teilnehmer aus erster Hand von den dramatischen Ereignissen an jenem 23. August. Alois Wolfram ist mit seiner Geschichte und seinem einzigartigen Dokument Teil dieses weltpolitischen Ereignisses.

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