Vom Sorgenkind zum Musterknaben: Arbeitsmarkt rund um Weiden boomt

Mit zwei Mythen räumt die Arbeitsagentur Weiden auf. Erstens: Der Krieg in der Ukraine bremst das Wirtschaftswachstum in der Region noch gar nicht. Zweitens: Geflüchtete Ukrainer sind nicht die Fachkräfte, die der Markt braucht.

Beileibe kein Einzelfall sind inzwischen Prämien für die Vermittlung von neuen Mitarbeitern, wie hier bei einem Weidener Fachhändler aus der Altstadt.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Eigentlich waren Vertreter mehrerer Parteien am Mittwoch zum Pressegespräch in der Agentur für Arbeit in Weiden erwartet worden. Doch krankheitsbedingt schafften es am Ende nur die Sozialdemokraten Uli Grötsch und Annette Karl. Die hörten mit Vergnügen, dass der Agenturbezirk Weiden bei der Beschäftigungsquote mittlerweile zu den Musterknaben Bayerns gehört. 3,0 Prozent Arbeitslose in der Nordoberpfalz im April – so gut war die Lage zuletzt 1998.

"Wir sind eine der ganz wenigen Agenturen Bayerns, die bereits im November 2021 Vorpandemie-Niveau erreicht haben", verkündet Leiter Thomas Würdinger stolz. Und ausgerechnet das Jobcenter im strukturschwachen Tirschenreuth ist das einzige im Freistaat, das keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnet. Fluch des Erfolgs: Schon gibt es weniger Mittel vom Bund, seufzt Jobcenter-Chef Leonhard Merkl.

Aber war da nicht noch was? Eine Pandemie? Ein Krieg in Europa? Das alles steckt der Arbeitsmarkt der Region bislang ziemlich gut weg, auch wenn es immer noch Unternehmen gibt, die kurzarbeiten. Die meisten suchen händeringend nach Personal. Im April waren zwischen Waldershof und Luhe-Wildenau 3642 Arbeitsplätze unbesetzt. Im April 2016 war das Angebot nur halb so groß. Dazu kommen 2239 offene Lehrstellen.

Rückkehrwelle rollt bereits

Aus Politik und Wirtschaft waren vor Wochen noch Stimmen zu hören, dass geflüchtete Ukrainer diese Lücken füllen könnten. Würdinger warnt indes vor Illusionen. "Viele in unserer Gegend kommen aus der Westukraine rund um Kiew, wo es weniger Kampfhandlungen gibt. Die werden zurückkehren, wenn es so bleibt. Anders sieht es mit den Menschen aus der Ostukraine aus." Das bestätigt Uli Grötsch: "Es gibt bereits beeindruckende Rückkehrerzahlen."

Doch auch die, die bleiben, sind nicht so leicht in Lohn und Brot zu bringen, weiß Würdinger. Mitte April waren 2000 Ukrainer arbeitssuchend gemeldet, davon 80 Prozent Frauen, davon 80 Prozent zwischen 25 und 55 Jahren und davon wiederum 75 Prozent ohne Deutschkenntnisse. Ohne Sprache ist aber kaum ein Job in Sicht. "Die Volkshochschulen stoßen bei den Kursen an ihre Grenzen", sagt Merkl. Dazu kommt die Frage der Kinderbetreuung. Würdinger: "Das ist vor allem für die Kommunen eine Riesenherausforderung, weil die Kitas voll sind. Allein die Stadt Amberg bräuchte für die ukrainischen Kinder einen eigenen, neuen Kindergarten mit vier Gruppen."

Große Hoffnungen setzen die Arbeitsmarktexperten auf den 1. Juni. Dann sind nicht mehr die Kommunen, sondern der Bund für die Ukrainerinnen und Ukrainer zuständig. Sie sind dann zunächst Hartz-IV-Fälle. Damit kann die ganz normale Vermittlungsmaschine anlaufen.

Aber immerhin: Erste Anfragen von geflüchteten Frauen tröpfeln ein, sagt Claudia Wildenauer-Fischer. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Agentur hat beobachtet, dass die Ukrainerinnen sich untereinander gut vernetzen. Die eine passt am Vormittag auf die Kinder auf, während die andere den Sprachkurs besucht und umgekehrt. "Das war bei den Syrern noch anders. Das waren vor allem Männer, die haben sich nicht so vernetzt." Leonhard Merkl ergänzt, dass zurzeit sogar ein kleiner Verdrängungsprozess zwischen Syrern und Ukrainern läuft, wer zuerst in einen Sprachkurs kommt.

Berufsbegleiter nicht streichen

Bleiben noch die Jugendlichen, die fast freie Auswahl auf dem Arbeitsmarkt haben. Schwache Schüler brauchen aber nach wie vor Hilfestellung für den Jobeinstieg, mahnt Annette Karl. Sie setzt sich im Landtag dafür ein, dass das Förderprogramm zur Berufseinstiegsbegleitung nicht nur ein Jahr verlängert, sondern dauerhaft installiert wird.

Darunter versteht man Sozialpädagogen, die bei einem Bildungsträger beschäftigt sind und Schüler ab der 8. Klasse unter ihre Fittiche nehmen, damit sie den Sprung in den Job schaffen. Das Programm kostet den Freistaat jährlich 2,2 Millionen Euro. Beinahe hätte es die Staatsregierung auslaufen lassen. Thomas Würdinger ist froh, dass es nicht so weit gekommen ist. "Berufsbegleitung ist für uns superwichtig."

Hintergrund:

Die größten Gruppen ausländischer Arbeitnehmer*

  • In der Nordoberpfalz:5151 Tschechen, 553 Rumänen, 422 Türken, 421 Polen, 342 Slowaken
  • In Bayern:107.094 Rumänen, 83.023 Türken; 67.273 Kroaten, 65.109 Polen, 48.934 Italiener
  • Tschechen am Arbeitsort: Bayerischer Grenzraum 25.719; sächsischer Grenzraum 12.836
  • Höchster Anteil an tschechischen Beschäftigten: Landkreis Tirschenreuth; jeder zehnte Arbeitnehmer kommt aus dem Nachbarland
  • Typischer Grenzpendler: zwischen 40 und 50 Jahren, zwei Kinder
  • Tendenz bei Grenzpendlern: rückläufig, aufgrund niedriger Arbeitslosenquote in Tschechien und zum Teil zweistelligen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren
  • *alle Zahlen beziehen sich auf jeweils sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Stand 31.3.2021
 
 

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