Spediteur saniert sich mit Schleusungen

In Weiden startet ein Prozess gegen vier Rumänen. Hauptangeklagter ist ein Spediteur (26), der mit einer Fahrt mehr verdiente als ein Rumäne im Schnitt in fünf Jahren.

Schleuserprozesse im Wochentakt. Seit Montag müssen sich vier Rumänen (im Bild mit Verteidigern und Dolmetschern) vor der Strafkammer des Landgerichts wegen gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens verantworten.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Angeklagte hat einen Master an der Wirtschaftsakademie in Bukarest abgelegt. Seither führt er die Spedition der Familie. Wie "wirtschaftlich" er arbeiten kann, bewies er in der kurz darauf einsetzenden Fluchtwelle, die durch Rumänien schwappte. Feuerrote Trucks seiner Flotte beförderten von November 2017 bis Februar 2018 bei sechs Fahrten mindestens 162 Flüchtlinge. Dreimal saß der Chef selbst am Steuer, ansonsten Angestellte.

An einer Tour mit 42 Irakern und Iraner im Auflieger verdiente der "Wirtschafts-Master" 33600 englische Pfund - 800 Pfund pro Kopf. Das macht umgerechnet 37 000 Euro. Ein Durchschnittsrumäne muss dafür fünf Jahre arbeiten (Durchschnittslohn 560 Euro). Gar nicht zu reden von dem wirklich großen Geld, das die Hintermänner machen. In diesem Fall zog ein Türke in Großbritannien die Strippen. Pro Geschleustem wurden an die Organisation 5000 bis 20 000 Euro gezahlt. Die Million ist da ruckzuck erreicht.

Vor dem Landgericht Weiden startete am Montag der Prozess gegen den jungen Spediteur. Mit auf der Anklagebank: drei Mitarbeiter. Der Auftakt holperte ein wenig. Am Vormittag musste ein Verteidiger nach gesundheitlichen Beschwerden vom BRK ins Klinikum gebracht werden. Der Anwalt entließ sich Mittag selbst und absolvierte tapfer mehrere Rechtsgespräche zwischen Kammer, Verteidigung und Staatsanwaltschaft.

Folgender "Deal" kam zustande: Alle Vier sind geständig, nur an einer Stelle wurde die Anklage gestutzt. Im Gegenzug wird sich die Strafe für den hauptangeklagten Spediteur zwischen 5 und 6 Jahren bewegen. Die anderen drei Rumänen erwarten 1,5 bis 4,5 Jahre Haft. Der "kleinste Fisch" war nur Beifahrer, er hat nicht einmal einen Lkw-Führerschein.

Ohne ein bisschen Tränendrüse geht es nie. Fast ein Jahr sitzt der Spediteur in Untersuchungshaft. Seinen Sohn, geboren im Juli 2018, hat er noch nie gesehen. Er erklärt die Taten mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Familienunternehmens. Als er einem mitangeklagten Mitarbeiter (29) erklärt habe, ihn bald nicht mehr beschäftigen zu können, habe ihn dieser auf die Möglichkeit hingewiesen, schnell an viel Geld zu kommen: den Transport von illegalen Migranten. "Ich schäme mich, aus dem Schicksal anderer Menschen Kapital geschlagen zu haben", ließ er von Verteidiger Ursus Koerner von Gustorf erklären.

Konkret handelte es sich um Iraner, Iraker, Afghanen und Syrer. Einmal saßen fast nur Minderjährige auf der Ladung: 14 von 20 Geschleusten waren 1 bis 17 Jahre alt. Als erster Zeuge wurde am Montag ein Bundespolizist gehört. Er berichtete vom Aufgriff in Wernberg im Februar (die anderen Fahrten endeten bei Theisseil, Irchenrieth und Haid). Gegen 20.30 Uhr stieß mit einem Kollegen an der Sportparkstraße auf drei Personen ohne Ausweispapiere, später Richtung Vohenstrauß auf vier weitere. Auch Kollegen sammelten Flüchtlinge ein, am Ende waren es 42. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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