Wenn die Speisekarte zur Hürde wird

Am 8. September ist Tag der Alphabetisierung. Rund 150.000 Oberpfälzer können nicht gut lesen und schreiben. Viele von ihnen überspielen ihr Handicap geschickt und verpassen die Chance, sich helfen zu lassen.

Schätzungsweise 150.000 Oberpfälzer sind Analphabeten.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Sie können weder eine Speisekarte studieren noch den eigenen Kindern eine Geschichte vorlesen: Für Analphabeten sind alltägliche Tätigkeiten mit großen Hürden verbunden. 7,5 Millionen Deutsche können laut einer Studie schlecht schreiben und lesen. Viele Betroffene verstecken ihr Handicap gut. Der heutige Tag der Alphabetisierung soll an die Problematik erinnern.

14 Prozent der Bevölkerung sind funktionale Analphabeten - in der Oberpfalz damit rund 150 000 Menschen. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, zusammenhängende Texte aber nur schwer erfassen. Die Zahlen hat die Uni Hamburg 2011 in einer Studie erhoben. Wie ist es möglich, dass so viele Menschen nicht richtig schreiben und lesen können, obwohl es in Deutschland eine Schulpflicht gibt?

Harald Krämer, Fachbereichsleiter für Sprache und Verständigung an der Volkshochschule (VHS) Weiden-Neustadt, führt mehrere Gründe an. Oft spiele die Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie eine Rolle. Aber auch ein Elternhaus, das die Kinder nicht motiviert, oder eine Schule, die die Schüler mit ihren pädagogischen Mitteln nicht erreicht, könnten zu Analphabetismus beitragen. Auch Menschen, die unter Schulangst litten und entsprechend selten zum Unterricht erschienen, seien betroffen.

Einen Alphabetisierungskurs für Deutschsprechende bietet die VHS Weiden-Neustadt aktuell nicht an - mangels Nachfrage. Vor zwei Jahren sei ein solcher Kurs mit sechs Teilnehmern gestartet, nach einem Vierteljahr kam nur noch ein Schüler zum Unterricht, bedauert Leonhard Dietrich, VHS-Fachbereichsleiter für Beruf und Projektmanagement. Eine Neuauflage wäre aber jederzeit möglich, wenn sich genügend Interessenten finden, betont er.

Oft fehlt der Mut

Eine große Hürde sei die Scham der Betroffenen, erklärt Raul Vitzthum von der Organisation "Arbeit und Leben in Bayern" mit Sitz in Weiden, einer gemeinsamen Einrichtung von VHS und Deutschem Gewerkschaftsbund. Er berichtet von Betroffenen, "die schon drei Mal vor der VHS standen und sich zu einem Alphabetisierungskurs anmelden wollten und sich dann doch nicht hineingetraut haben". Das komme insbesondere in einer Region wie Weiden vor, "wo jeder jeden kennt." Um die Betroffenen zu erreichen, besucht Vitzthum mittlere und kleine Betriebe und bietet dort speziell auf die Firma zugeschnittene Veranstaltungen an.

In den Qualifizierungskursen geht es um mündliche und schriftliche Kommunikation, aber auch um Mathematik im Beruf und Betrieb sowie den Umgang mit dem Computer. Falls es darüber hinaus Bedarf gibt, wird im Einzelgespräch nach weiteren Unterstützungsmöglichkeiten gesucht. "Wir helfen, ohne das vor den Kollegen breitzutreten", sagt Vitzthum. "Das ist ja ein heikles Thema, jemanden als Analphabeten zu outen."

Jeder zehnte Berufstätige

60 Prozent der Analphabeten seien erwerbstätig, damit seien im Schnitt 7 bis 10 Prozent einer Belegschaft betroffen. Doch oft falle es über Jahre oder Jahrzehnte gar nicht auf, dass jemand kaum lesen und schreiben kann. Analphabeten seien häufig sehr geschickt darin, ihr Handicap zu überspielen, erzählt Vitzthum. "Ich habe meine Brille gerade nicht zur Hand", laute eine beliebte Ausrede. Dann fülle der Arbeitskollege eben den Urlaubsantrag aus.

Oft seien Analphabeten sogar besonders gewissenhaft, pünktlich und könnten sich viel merken, um über ihre Schwäche hinwegzutäuschen. "Das wird zum Problem, wenn der Chef so jemanden wegen seiner guten Leistung zum Vorarbeiter machen möchte", sagt Vitzthum. Dann müssten Dienstpläne und ähnliches ausgefüllt werden - Betroffene würden einen solchen Karriereschritt dann häufig ablehnen. "Das ist sehr schade."

Eine spezielle Herausforderung hat Bernhild Rastetter zu meistern: Sie unterrichtet Analphabeten, die nicht einmal Deutsch sprechen können. An der VHS Weiden-Neustadt bringt sie erwachsenen Flüchtlingen, die schon in ihrer Heimatsprache kaum lesen und schreiben konnten, die deutsche Sprache in Wort und Schrift bei. Ihre Schüler kommen aus Eritrea, Afghanistan, dem Irak, aus Syrien und Russland. Je provinzieller ihr Herkunftsort, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie schlecht lesen und schreiben können, sagt Rastetter. Manchen falle es schon schwer, einen Bleistift richtig zu halten.

"Wir fangen bei null an", erklärt sie. Die Unterrichtsmethoden seien vergleichbar mit der ersten Klasse Grundschule: Mit Schwungübungen lernen ihre erwachsenen Schüler, die Buchstaben zu malen, erst auf der großen Tafel, später auf dem Papier. Rastetter nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen, kommuniziert mit Bildern, Tanz, Gestik und Mimik. Die Schüler würden unterschiedlich schnell lernen, berichtet sie. Die einen würden die hier gebräuchlichen lateinischen Buchstaben bereits aus dem Englischen kennen und seien in etwa zwei Jahren so weit, dass sie mit ihren Sprachkenntnissen einem Beruf nachgehen können. Andere würden sich noch nach einem Dreivierteljahr mit einfachen Sätzen schwertun. Besonders Ältere hätten Schwierigkeiten, bestimmte Laute zu verstehen. "Ä", "Ö" oder "Ü" gibt es in ihrer Muttersprache nämlich nicht.

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