Viel Rauch um Nikotin in der Corona-Pandemie

Raucher konnten nur kurz aufatmen: Eine Studie legt nah, dass Nikotin Corona-Verläufe milder machen könnte. Pneumologen halten dagegen. Und jetzt auch noch der lange Weg zum nächsten Zigarettenautomaten.

Zigarettenautomaten wie hier in Weiden sind rar geworden.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Für ein Amberger Pärchen wurde es vor einigen Tagen richtig teuer: Weil sie sich nach 21 Uhr auf die Suche nach einem Zigarettenautomaten gemacht hatten, müssen sie bezahlen. Verstoß gegen die nächtliche Ausgangssperre. "Sie wussten um die gesetzliche Regelung", erklärt ein Polizeisprecher, "aber das Verlangen nach Zigaretten war anscheinend größer." Das Paar muss mit einem Bußgeld von 1000 Euro rechnen.

Das wäre früher, als noch an allen Ecken und Enden Zigarettenautomaten aufgestellt waren, womöglich nicht passiert. "Wir haben die Zigarettenautomaten vor etwa sieben Jahren an den Tabakwarengroßhändler Schmidt in Amberg verkauft", sagt dessen Weidener Kollege Stefan Schöner. "Miserable Umsätze in Grenznähe seit der Wendezeit von 1989/90 und die aufwendige und teure Umrüstung wegen des Jugendschutzes waren die Gründe."

Diese Kombination führte bundesweit dazu, dass die Automatenanzahl von damals 820.000 auf heute 280.000 annähert gedrittelt wurde. Auch ein Anlauf, mit dem Automatengeschäft in Tschechien Fuß zufassen, sei gescheitert. Unklare gesetzliche Regelungen und die fehlende Preisbindung erschwerten das Geschäft. "Und dann ging mein tschechischer Partner insolvent", erzählt Schöner. Heute arbeitet der Weidener als Softwareexperte für die ehemaligen Kollegen.

Wegen Grenzschließung: 60 Prozent mehr Umsatz

Die Grenzschließung zu Tschechien wirke sich derzeit allerdings positiv aufs Geschäft aus: "Die allermeisten Zigaretten werden heute über Tankstellen verkauft", sagt Schöner, "da stiegen die Umsätze um etwa 60 Prozent." Aus dem eigenen Bekanntenkreis weiß der Tabakfreund, dass der Zigarettentourismus in Grenznähe erheblich ist: "Die fahren miteinander rüber und holen gleich immer zehn Stangen." Das rentiere sich dann trotz Spritkosten. Immerhin betrage trotz Preissteigerungen im Nachbarland der Unterschied pro Schachtel noch immer rund zwei Euro.

Seit zehn Jahren gilt das Rauchverbot

Bayern

Auch unterscheide sich die Qualität der Zigaretten längst nicht mehr, wie das früher einmal der Fall war: "Tankstellen verkaufen das gleiche Produkt wie bei uns – Lucky Strike wird für den gesamten europäischen Markt sowieso nur noch in Polen hergestellt." Früher hätten die Staatskonzerne in den ehemaligen Ostblockstaaten noch einen bestimmten Anteil einheimischen Tabaks verwenden müssen. Und auch einst üblichen Fälschungen seien inzwischen rar geworden.

Drei Aufbrüche in der Woche

Der Tabakhändler Peter Götz mit Niederlassungen in Regensburg, Kelheim, Weiden und Bayreuth hat das Automatengeschäft schon in den 1980er Jahren abgestoßen. "Damals war der Jugendschutz noch kein Thema, aber wir hatten in der Woche drei Aufbrüche", erinnert er sich. "Schon damals kostete ein Automat 12.500 Mark." Außerdem verdrängten immer mehr Innenstädte die Automaten aus dem Stadtbild.

Die Erfolgsmeldungen der Politik im Kampf gegen das Rauchen sieht der Oberpfälzer nicht nur aus geschäftlichen Gründen skeptisch: "Nach den Grenzschließungen sieht man, wie beträchtlich der Anteil der Raucher ist, die sich ihre Zigaretten aus Tschechien holen." Raucherfamilien könnten sich ihr Laster sonst schlicht nicht mehr leisten: "Die kommen bei uns im Monat auf 600 Euro." Zudem sei das Selberdrehen wieder populär geworden: "Da kosten 20 Zigaretten die Hälfte, also so 3,50 Euro." 2020 habe er trotz Lockdowns seinen Umsatz auch in Weiden halten können. "Weil wir auch Zeitungen führen, durften wir einen Notdienst einrichten."

Genuss-Zigarre gegen Corona?

Götz sieht seine Nische allerdings ohnehin eher im Genussrauchen: "Zu uns kommen Leute, die drei gute Zigarren in der Woche rauchen." Bis nach Kapstadt verschickt der Regensburger Händler seine wertvolle Ware – gerne auch mit einer passenden Flasche Whiskey dazu. Selbst der Polizeipräsident von Florida bestellt Schmauchwerk in der Domstadt.

Info:

Zahlen rund um den blauen Dunst

  • In Deutschland gibt es (2019) etwa 150 mittelständische Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller mit 4500 Beschäftigten.
  • Jahresumsatz an Tabakwaren in Deutschland laut Statistischem Bundesamt: 22,49 Milliarden Euro.
  • Tabaksteueraufkommen: 14,3 Milliarden Euro (netto).
  • Die 280.000 Zigarettenautomaten in Deutschland sind mit einem Techniksystem ausgestattet, um Kinder und Jugendliche vom Kauf am Automaten auszuschließen.
  • Seit 1.1.2009 können nur noch Personen über 18 Jahren dort kaufen.
  • Anteil der 18-59-jährigen Raucher: 1995 Männer: 42,8, Frauen: 29,3 Prozent; 2006 Männer: 37,3, Frauen: 28,8 Prozent. 2018:Männer: 24,2, Frauen 18,5 Prozent.

 

 

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