Wurstskandal zieht Kreise bis in die Oberpfalz

Der hessische Wurstskandal zieht an der Oberpfalz nicht spurlos vorüber. Großhändler haben Waren der Firma Wilke auch hier ausgeliefert. Betroffen sind rund 500 Kantinen, Kitas, Seniorenheime, Imbisse, Schulküchen, Vereine und Gaststätten.

Wassertropfen hängen am Zaun vor dem Logo des nordhessischen Wurstherstellers Wilke. Die Waren von Wilke werden mit zwei Todesfällen und 37 weiteren Krankheitsfällen in Verbindung gebracht.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

In Ware des Herstellers waren Listerien nachgewiesen worden. Drei Todesfälle stehen laut Robert-Koch-Institut nachweislich mit Wilke-Produkten in Verbindung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Geschäftsführer wegen fahrlässiger Tötung.

Seit 2. Oktober erfolgt deutschlandweit fieberhaft der Rückruf - vorsorglich - sämtlicher Waren der Wurstfabrik: von Currywurst bis Frikadellen, vertrieben unter verschiedensten Markennamen. Basis sind Kundenlisten der Großhändler, die ihre Abnehmer selbst informieren sollen. Die Listen hat die Regierung parallel an die kommunalen Lebensüberwacher geschickt, die prüfen sollen, dass der Rückruf läuft.

"Wir haben uns nicht mit der Rückrufaktion begnügt", sagt Hans Prechtl, Sprecher des Landkreises Schwandorf. Alle 87 Einrichtungen auf der Abnehmerliste (Gemeinschaftsverpflegungen, Gaststätten, Kantinen, Imbisse, Vereine) seien zusätzlich von den eigenen Kontrolleuren angerufen worden. Dabei stellte sich heraus, dass "nur" knapp über die Hälfte im fraglichen Zeitraum überhaupt Wilke-Wurst bezogen hat. Prechtl bricht eine Lanze für das System: Der vorsorgliche Rückruf belege, dass "unsere Überwachung funktioniert und deutsche Lebensmittel qualitativ hochwertig sind".

Für den Landkreis Neustadt/WN bestätigt Sprecherin Claudia Prößl, dass „41 Gaststätten und Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung betroffen sind“, in Weiden nach Auskunft von Roswitha Ruidisch 38. Im Landkreis Tirschenreuth war es laut Sprecher Walter Brucker nur ein Betrieb. In Amberg sind nach Auskunft von Sprecherin Susanne Schwab 13 vom Rückruf betroffen: Großhändler, Gaststätten, Altenheime, Imbisse. Im Landkreis Amberg-Sulzbach waren Wilke-Wurstwaren in 41 Betrieben im Umlauf (34 Gastronomie, zwei Kantinen, zwei Seniorenheimen und drei Großküchen), informiert Sprecherin Christine Hollederer. Etwa 270 Betriebe waren es in Neumarkt, Regensburg und Regensburg-Land.

Nicht tangiert sind die Kliniken Nordoberpfalz. "Wir kaufen aus der Region für die Region", sagt Karl Wittmann, Leiter der Wirtschaftsbetriebe. Wurstwaren bezieht man bei Metzgereien in Rehau und Grafenwöhr, Milch über die örtliche Milchunion bei regionalen Landwirten.

Die Wilke-Produkte (Kennung "DE EV 203 EG") sind inzwischen vernichtet, so das Landesamt für Lebensmittelsicherheit in Erlangen. Die Ware sei nicht überprüft worden. Es bleibt damit offen, ob tatsächlich verkeimte Wurst nach Bayern gelangt ist. Neue Listeriose-Fälle wurden nicht gemeldet. Bayernweit waren es in diesem Jahr 58, was auch andere Ursachen haben kann. Listeriose wird nicht immer erkannt. Gesunde bekommen Fieber, Erbrechen und Durchfall. Gefährdet sind Schwangere, Senioren und Patienten mit geschwächter Abwehr. Kommentar

Kommentar:

Erst nach drei "Wurst-Toten" die Notbremse gezogen

Die Wurstfabrik Wilke warnte am 2. Oktober selbst vor den Folgen einer Listeriose. „Bei Schwangeren kann, sogar ohne Symptome, das ungeborene Kind geschädigt werden“, heißt es in einer Pressemitteilung, die mit dem Satz schließt: „Die Firma Wilke entschuldigt sich bei allen Kunden für die entstandenen Unannehmlichkeiten.“ Seit 2. Oktober läuft deutschlandweit fieberhaft der Rückruf sämtlicher Wurstwaren aus der hessischen Gammelbude. Anders lassen sich die Umstände nicht beschreiben, auf welche die nordhessischen Lebensmittelkontrolleure schon am 5. September (!) gestoßen waren. Das Verwaltungsgericht Kassel lehnte am Montag einen Eilantrag gegen die Schließung ab und zitierte den Prüfer: „Der Raum war gefüllt mit völlig vergammelter Ware, Schimmel, Fäulnis, Gestank. Am Boden war eine stinkende Flüssigkeit.“ Gab es Versäumnisse bei der Information der Bevölkerung? Aber ja. Es liegt nahe, dass dem Landkreis Waldeck-Frankenberg mehr am Erhalt der 200-Mitarbeiter-Firma lag als an einem handfesten Skandal. Wie jetzt bekannt wurde, hätten bereits bei der September-Kontrolle Vertreter des Regierungspräsidiums Kassel und des Landeslabors Hessen dabei sein wollen. Als sie eintrafen, war die Kontrolle schon gelaufen. Das hessische Verbraucherschutzministerium verspricht Klärung.

Christine Ascherl

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