Zeitgemäßer Jazz ohne doppelten Boden

Sie waren 2018 die Preisträger beim Bayerischen Jazzverband und sind auf der Gewinner-Tournee in den bayerischen Jazzclubs unterwegs. Auch beim Jazz-Zirkel-Weiden demonstrieren sie das hohe Niveau einer neuen Musiker-Generation.

„Tiktaalik“ bedeutet in der Sprache der Inuit „großer Süßwasserfisch“. Dieser nimmt in der Geschichte der Evolution der Tiere vom Wasser zum Land eine wesentliche Rolle ein. Im Bistrot Paris lieferen die LAG Jazzpreisträger 2018 am Freitag eine gelungene Verbindung von Tradition und Moderne. Luca Zambito (Klavier), Clemens Rofner (Bass), Oliver Marec (Saxofon), Simon Springer (Schlagzeug)
von Louis ReitzProfil
Vom lautmalerischen Klang des Namens "Tiktaalik"inspiriert, gründete der Saxophonist Oliver Marec 2015 ein Quartett, mit dem er traditionelle und moderne Jazz- Elemente verbindet.
Tiktaalik

Auf der Bühne vier junge Musiker am Anfang ihrer Karriere: Ein traditionell besetztes Quartett mit Saxofon, Piano, Kontrabass und Schlagzeug ist angesagt. Elektronik ist nicht ihre Sache. Sie verzichten auf Mikrophone und Lautsprecher, auf Effektgeräte und moderne Computertechnik. Lediglich der Bass verfügt über einen kleinen Verstärker, man setzt auf den natürlichen Klang der Instrumente und solide musikalische Ausbildung der Musiker.

Die Ära der Fusionmusik und des Freejazz ist an ihnen spurlos vorbeigezogen, sie punkten mit technischen Fähigkeiten, von denen früher die Jazzer nur träumen konnten. Sie beherrschen ihre Instrumente meisterhaft und haben auch die Tradition ausgiebig studiert. Sie verzichten bewusst auf die so beliebten Standards und greifen ausschließlich auf eigene Kompositionen zurück.

Oliver Marec (geb. 1992 in Freising) und Luca Zambito liefern dabei meist nur Skizzen über Akkorde und Themen, die dann in der Gruppe ausgearbeitet und bei den Konzerten auch spontan umgestaltet werden. Das unterscheidet Tiktaalik auch von anderen Formationen, die oft nur kurzfristig für wenige Konzerte zusammengestellt werden. In einem Kollektiv, das seit Jahren fast unverändert existiert, kann man eigene Konzepte besser verwirklichen.

Das Repertoire wirkt wie aus einem Guss, man spürt den Atem der Tradition, mit dem Neues entsteht. Vor allem rhythmisch sind die Stücke sehr ausgefeilt, ungewöhnliche Taktarten und abrupte Wechsel, aber auch Wiederholungen sind Stilmittel, die kompositorisch auch sehr akademisch ausgeführt werden. Ungewöhnlich auch die Titel, die sie ihren Kompositionen verpassen: „Pogonophile“, „Chronostatasis“ oder „Voltano“ unterscheiden sich deutlich von den gängigen Namen. Aber auch der Gruppenname ist eher aus einer spontanen Laune entstanden, wie Oliver Marec erklärt: „ Den Namen Tiktaalik habe ich irgendwo aufgeschnappt. Er gefiel mir, weil er rhythmisch und etwas sperrig klingt“.

Spuren aus der Cooljazz Ära

Oliver Marec spielt sein Altsaxofon mit einer Tongebung, die vor allem im Cooljazz angesagt war. Lee Konitz oder Paul Desmond verfügen über eine schnörkellose, spröde Klangsprache, Melodien und ausgefeilte Harmonik spielen eine wesentliche Rolle. Gelegentlich greift Marec auch zum Sopransax. Pianist Luca Zambito fasziniert vor allem durch sein gruppendienliches Spiel. Er untermalt mit Akkorden und Melodielinien und setzt Akzente. Er ist als Solist sehr einfallsreich und sorgt für oft unerwartete Entwicklungen.

Mit 31 Jahren ist Clemens Rofner der Senior im Quartett. Am Kontrabass überzeugt er durch nuancenreiches Spiel. Er bildet ein solides, rhythmisches Fundament, ergänzt aber auch oft die Melodielinien mit einer weiteren Stimme. Seine Soli entwickeln sich logisch und klingen auch in den hohen Lagen luftig und frisch. Simon Springer sorgt am Schlagzeug für den strammen Beat. Er prägt den Gruppensound durch harte, exakte Schläge und hat auch solistisch viel Freiraum. Manchmal erinnert er an Joe Morello, der zusammen mit Dave Brubeck in den 1950er Jahren unorthodoxe Metren im Jazz salonfähig machte und die Hörgewohnheiten der Fans entscheidend veränderte.

In der Zugabe hat Simon Springer noch einmal ausgiebig Gelegenheit, seine Trommeln und Becken in den Vordergrund zu stellen: Die Ballade „Tiktaalik“ beginnt mit leisen Klavierakkorden und sparsamer perkussiver Untermalung. Langsam steigert sich die Lautstärke und wächst zum Orkan an. Man hat den Eindruck, ein Düsenjäger jagt durchs Wohnzimmer. Vier junge Männer haben bewiesen, dass die Evolution auch im Jazz spürbar ist!

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