Zeugnisse kulturellen Erbes

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ist die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte, die reich ist an Ereignissen, in eine neue Zeit getreten. Eine Austellung in Weiden zeigt das, was übrig geblieben ist.

Die Ausstellung „Vergessene Orte “ ist ein Ergebnis des Projektes „Präsentation des Kulturerbes in der Grenzregion Tachau“. Sie wurde in Anwesenheit von Andrea Königsmarkova (Lehrstuhlleiterin für Germanistik und Slawistik an der Westböhmischen Universität Pilsen) und Weidens Bürgermeister Lothar Höher eröffnet.
von Rudolf BarroisProfil

Weiden/Tachau.Diese Ausstellung "Vergessene Orte des Grenzgebietes - 50 Jahre Landschaftsentwicklung aus dem Blickwinkel der Archäologie" im Neuen Rathaus Weiden zeigt die Ergebnisse archäologischer Erforschung der deutsch-tschechischen Nachkriegszeit. Sie fasst zusammen, was sich in 40 Jahren - und darüber hinaus - im Boden erhalten hat. Denn das nehmen die Archäologen für sich in Anspruch: Der Boden lügt nicht. Er offenbart die Wahrheit.

Ein paar Fundamente

Diese Wahrheit ist einer Reihe von Fotografien festgehalten, die vor allem die Ereignisse ab 1945 dokumentieren: Da fahren wieder Bulldozer auf, die die Dörfer an der Grenze niederwalzen und dem Erdboden gleichmachen. Sie zeigen einerseits glänzende Fassaden prallen bäuerlichen Lebens und unmittelbar daneben die mühsam ergrabenen Reste derselben Häuser. Es ist kaum mehr übrig als ein paar Fundamente, die die Bilder liefern sollen von der Entwicklung in den Ansiedlungen, die 1946 in Erfüllung der Benesch-Dekrete zwangsgeräumt wurden. Drei Millionen Deutsche wurden oft bei Nacht und Nebel fortgejagt, die Häuser weitergegeben an slawische Bevölkerungsteile. Man wollte das gerade Entleerte wieder beleben - vergeblich, wie sich gezeigt hat.

Denn der tschechische Staat hat seine eigenen Pläne boykottiert und zunichte gemacht, als er nach einer beispiellosen Demolierung ehemaliger Ansiedlungen im Grenzegebiet eine militärische Sperr- und Sicherheitszone einrichtete, die zwei bis sechs Kilometer der Demarkationslinie entlang den Eisernen Vorhang errichtete. Die Archäologen, die sich zunächst auf das Gebiet in der Grenzregion Tachau beschränkten, mussten nicht lange suchen: Sie fanden die Überreste von Höfen, konnten sich ein Bild machen wie die Menschen dort gelebt haben. In Wolsant beispielsweise, wo der ehemalige Suttner-Hof bis auf das Fundament geschleift wurde, ebenso wie alle Gebäude in Waldheim. Man ist mit schwerem Gerät angerückt.

In den Wäldern und in der Flur fanden sich Zeugnisse von Grenzbefestigungen, die die tschechischen Grenzsoldaten bauten: Unterstände, Schützenlöcher, Stationen für Maschinengewehre und Geschütze, Doppelzäune für die Hunde, die Tag und Nacht die Grenze abliefen. Nicht alles ist beseitigt worden. In der Nähe des ehemaligen tschechischen Horchpostens auf dem großen Rabenberg, der heute Havran heißt, sind die Reste einer Hundelaufanlage erhalten geblieben. Da und dort sind auch noch Posten und Drahtreste im Wald zurückgeblieben. Unweit von Georgenberg hat sich auf tschechischer Seite der Rest eines eisernen Tores erhalten, das schon für die erste tschechische Republik in den Wald hineingebaut war.

Gemeinsames Erbe

Besucher der Ausstellung sehen, was die Wissenschaftler zum Beispiel in dem Dorf Paulushofen gefunden haben. Dokumentiert sind dabei auch die Hinterlassenschaften der SS, die Hunderte von Häftlingen auf den Todesmärschen tötete, die durch das Tachauer Gebiet zogen. So verbinden sich noch einmal die Verbrechen der Nationalsozialisten in Tschechien mit den schrecklichen Erlebnissen Vertriebener zu einem gemeinsamen Erbe, von dem man nicht weiß, wie man es eigentlich abgelten soll.

Freilich leben wir hier an der Grenze jetzt in besseren Zeiten. Weidens Bürgermeister Lothar Höher freut sich über das Zusammenwachsen diesseits und jenseits der Grenze, ebenso Sebastian Schott vom Weidener Stadtmuseum. Das Zauberwort heißt Zusammenarbeit. Was die Archäologen der Universität Pilsen fanden , ist in Tachau ausgestellt. Einige Stücke werden auch in Weiden gezeigt. Hinterlassenschaften von Menschen, die Geschichte erlebt und wohl auch erlitten haben.

Die Ausstellung im Neuen Rathaus wird noch bis 21. Oktober gezeigt. Und im einen oder anderen Fall lohnt sich auch eine Fahrt ins Grenzgebiet - auch um Verbindungen zu schaffen, wo die Geschichte ihre Wunden geschlagen hat. Mit bei diesem Unternehmen sind Andrea Königsmarkova und Gabriele Fatkova von der Universität Pilsen. Sie alle ziehen an dem einen Strang, der in eine bessere Zukunft führt.

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