22.09.2020 - 15:21 Uhr
Wernberg-KöblitzDeutschland & Welt

Marianne Schieder zur Endlager-Suche: "Wo soll das Zeug hin?"

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Die Oberpfälzer Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder ist Gegnerin von Kernenergie. Trotzdem findet sie, dass die bayerische Staatsregierung ihre Haltung zu einem möglichen Atommüll-Endlager ändern muss.

Umweltschützer demonstrieren für Transparenz bei der Endlagersuche.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Marianne Schieder aus Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf) kam über den Widerstand gegen die in Wackersdorf Wiederaufbereitungsanlage zur Politik. Als Bundestagsabgeordnete für die SPD beschäftigt sie sich nun viele Jahre später erneut mit Atommüll.

Die Oberpfalz könnte von den beiden Projekten doppelt betroffen sein: Das Fichtelgebirge und bei Flossenbürg gibt es Granit, der für den Bau eines Endlagers geeignet ist. Tschechien ist bei der Suche schon etwas weiter: Dort sind nun vier Standorte in der engeren Auswahl, einer davon liegt grenznah zu Cham.

Im Interview erläutert Schieder, wie sich die Bevölkerung bei der Suche beteiligen kann und welchen Einfluss aktuelle Bundestagsabgeordnete haben, wenn die Entscheidung für ein Endlager erst 2030 gefällt werden soll.

ONETZ: Frau Schieder, eigentlich hatte sich die Politik schon auf Gorleben geeinigt. Warum entsteht dort nicht das Endlager?

Marianne Schieder: Bei Gorleben hat es immer wieder Probleme gegeben. Es gab auch Proteste gegen das Endlager, auch wegen der Frage, ob der Salzstock der richtige Ort dafür ist. Nicht unbegründet. Schließlich hat man sich darauf geeinigt, die Standortauswahl nochmals aufzumachen wird und darüber nachzudenken, wo ein Endlager infrage käme und wie man dieses Problem am besten löst. Es ist ein neues, gesetzlich festgelegtes Verfahren in die Wege geleitet worden. Am 28. September erscheint der erste Zwischenbericht dazu.

ONETZ: Wie hoch sind denn die Chancen oder das Risiko, dass ein Atommüll-Endlager in die Oberpfalz kommt?

Ich kann das überhaupt nicht einschätzen. Im Zwischenbericht stehen die endgültigen Endlagerstandorte noch nicht drin, es wird veröffentlicht, wo kein Endlagerstandort möglich ist.

ONETZ: Es droht massiver Widerstand gegen alle möglichen Standorte. Können Sie die Ängste der Menschen verstehen?

Freilich kann ich das verstehen. Ich bin über den Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf in die Politik gekommen. Ich war schon immer Gegnerin der Kernenergie. Ich muss mich nur wundern über so manchen, auch über die bayerische Staatsregierung. Da ist jahrzehntelang das Hohe Lied auf die Atomenergie gesungen worden. Und jetzt will man nichts mit dem Problem der Entsorgung zu tun haben. Wir Bayern müssen uns auf Bundesebene schon vorwerfen lassen, dass die CSU der Hauptunterstützer der Atomenergie war.

ONETZ: Wie kann man sich denn dagegen wehren, wenn im Bericht die Region als geeignet beschrieben wird?

Es wird eine intensive gesellschaftliche Diskussion stattfinden müssen. Es ist Sinn und Zweck des ganzen Verfahrens, dass man einen transparenten Diskurs in der Gesellschaft führt, warum ein möglicher Standort infrage kommt oder nicht. Wo am Ende das Endlager landen wird, weiß keiner.

Marianne Schieder kommt aus Wernberg-Köblitz und ist Bundestagsabgeordnete für die SPD. Sie bezeichnet sich als Gegnerin der Kernenergie.

ONETZ: Ist es richtig, sich gegen ein Endlager vor der Haustür zu wehren? Das erinnert an den Schwarzen Peter, den man an andere weitergibt.

Es ist wie mit so vielen Dingen: Niemand möchte es bei sich haben. Selbst wenn man die Einsicht hat: Wir können ja nicht über Jahrzehnte gedacht haben, die Atomenergie nutzen zu können, aber mit der Entsorgung des Abfalls nichts zu tun haben zu wollen. Ich bin sicher, dass es so schnell keinen Ort geben wird, an dem es keinen Widerstand gibt. Es ist aber auch immer sinnvoll, über die Vorschläge, die kommen, zu diskutieren.

ONETZ: Welchen Einfluss können Sie bei der Standortwahl ausüben – die Entscheidung trifft der Bundestag ja erst 2030. Sind Sie da noch Abgeordnete?

Ich weiß nicht, ob ich dann noch Abgeordnete bin, ich glaube, eher mal nicht. Aber ich würde sagen: Machen wir mal den einen Schritt und dann den anderen. Schauen wir uns zuerst an was im Bericht steht, dann denken wir weiter. Auf jeden Fall müssen wir uns mit dem Thema intensiv befassen und fragen: Wo soll das Zeug hin?

ONETZ: Worüber sich viele wundern: Wie kann man überhaupt ein Gebäude so bauen, dass es nukleare Strahlung nicht durchlässt und etliche Tausend Jahre hält?

Das ist das Problem an der Sache. Man darf sich das nicht so vorstellen, wie man heutzutage ein Wohnhaus baut. Es muss ein Ort gesucht werden, der von der bestehenden Struktur, vom Gestein und anderen Faktoren, geeignet ist. Der Ort muss aufgrund vieler Eigenschaften, die dort zusammentreffen, verhindern, dass Strahlung austreten kann. Das ist nicht so einfach.

ONETZ: Auch Tschechien sucht nach einem geeigneten Standort, im Gespräch ist Manovice im Kreis Pilsen, grenznah zu Cham. Sie wollen auch die deutsche Bevölkerung beteiligen. Aber ist das fair? Tschechien ist ja ein souveräner Staat.

Tschechien ist so souverän wie wir. Wir brauchen auch nichts von den Tschechen fordern, was wir uns nicht gefallen lassen würden. In Tschechien sieht es gerade so aus: Von neun möglichen Standorten sind fünf übrig geblieben. Da ist einer dabei, der von der Oberpfalz nicht weit entfernt ist. Das allerwichtigste ist, dass es ein transparentes Verfahren gibt. Dass man die Wahl nachvollziehen kann – das gilt für uns auch – damit man weiß, warum soll es dorthin, wo sind die Probleme, wo die Gefahren, wie muss man diesen begegnen. Aber auch wenn es noch so gut erklärt wird: Wir haben das Problem bei Windkraft oder etwa bei Photovoltaikanlagen, dass es verbreitet ist, zu sagen: „Wir wollen immer grünen Strom, aber entstehen soll er nicht bei mir.“

ONETZ: Es gibt immer wieder Stimmen, die von einem Wiedereinstieg in die Atomkraft sprechen. Neue Kraftwerke könnten aus Atommüll noch Energie gewinnen. Braucht es dann überhaupt ein Endlager, wenn sich der Müll verheizen lässt?

Da sind wir bei der Wiederaufbereitungsanlage. Das hatten wir alles schon. Der, der sich dafür ausspricht, soll mir gleich seine Heimat als geeigneten Standort dafür vorschlagen. Es gibt in Deutschland allen voran auf der rechten Seite des politischen Lagers vehemente Befürworter der Atomenergie, aber auch in den Reihen der FDP und der Union. Es sind bei Weitem nicht alle gegen die Atomenergie.

ONETZ: Sie meinen: Wir brauchen ein Endlager, keine Wideraufbereitungsanlage.

Wenn wir jetzt wieder einsteigen, haben wir das Problem mit dem Müll auch nicht gelöst. Auch der Atommüll, der da rauskommt, muss irgendwo hin. Wenn wir schon wissen, dass ihn keiner haben will, sollten wir die Finger davon lassen, noch mehr davon zu produzieren und damit das Ganze noch weiter fortzuführen.

Info:

Atommüllendlager in Tschechien

Tschechien beschäftigt sich derzeit mit vier möglichen Standorten. Einer davon liegt nah an der Grenze zu Bayern: Brezovy potok (Birkenbach) erstreckt sich nach Angaben der dpa über die Gemeinden Chanovice, Manovice, Kvasnovice, Olsany, Pacejov und Velky Bor. Birkenbach (Kreis Pilsen) ist etwa 125 Kilometer von Regensburg entfernt, nach Cham sind es 75 Kilometer. 2025 soll in Tschechien die Entscheidung für einen Endlagerstandort fallen. Zudem soll ein Reservestandort benannt werden.

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