07.07.2019 - 14:24 Uhr
Deutschland & Welt

Wilde Entschlossenheit im Angesicht der Angst

Wenn eine Inszenierung nachdenklich macht und Gänsehaut hervorrufen kann, dann hat sie viel erreicht. In einer leidenschaftlichen Premiere zeigt das Landestheater Oberpfalz (LTO) die Menschen hinter der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose".

Die Mitglieder der „Weißen Rose“ sind fest entschlossen, etwas gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus zu unternehmen. Das bewegende Stück über den studentischen Widerstand hatte am Freitag in einer Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz in Vohenstrauß Premiere.
von Autor HLLProfil

"Natürlich habe ich Angst", sagt Sophie Scholl gefasst, "doch ich würde verrückt werden, wenn ich nichts tun würde". Es herrscht Angst, ja. Immer wieder auch Zweifel. Mitleid, das im Angesicht eines unmenschlichen Regimes zur Mitschuld zu werden droht. Schmerz. Es gibt kein Zurück. "Wohl ist der Mensch frei", schreiben die Mitglieder der "Weißen Rose" in einem ihrer Flugblätter, "aber er ist wehrlos wider das Böse". Doch dieser Gruppe von jungen Menschen bleibt gar nichts anderes mehr übrig, als sich zu wehren, schreiben mit Teerfarbe das Wort "Freiheit" meterhoch an die Wände der Münchner Universität.

Große Worte und noch größere Taten. Und doch ist dies nicht alles, was das Leben und Wirken der Widerstandsgruppe im Dritten Reich ausmacht. Abseits von großen, einschüchternden Kulissen des Nazi-Terrors findet sich ein leises, aber doch kraftvolles Echo dieser "braven, herrlichen jungen Leute", wie Thomas Mann sie nannte, am Freitag beim Landestheater Oberpfalz in der Friedrichsburg Vohenstrauß wieder, zur Premiere des Stücks "Die weiße Rose - Aus den Archiven des Terrors", einem Schauspiel von Jutta Schubert.

Meisterlich umgesetzt

Die Autorin möchte in diesem Stück nicht so sehr die Helden zeigen, sondern die Menschen dahinter. Die kammerspielartige Atmosphäre der Friedrichsburg bringt diesen Gedanken dem Publikum noch ein weiteres Stück näher. Und natürlich auch die Arbeit von Regisseurin Doris Hofmann, welche diese Idee von der ersten Minute an meisterlich umsetzt: Noch unangetastet von kommendem Schrecken werden wir Zeuge eines nur allzu menschlichen zarten Zanks der Geschwister Scholl (Julian Kühndel und Antonia Striegan), ob denn nun in einer eben angefertigten Porträt-Skizze die Nasen-Ausmaße des einen wirklich so gewaltig sein müssten oder besser nicht.

Unschuldiger Alltag im Deutschen Reich, erfüllt von Hoffnung, jugendlicher Unbeschwertheit. Und doch: Unausweichlich sind die Protagonisten bereits hier gefängnisgleich umgeben von überhohen, zwar transparenten aber auch unüberwindlichen Archiv-Wänden der Geschichte. Wie Fliegenpapier, klebrig und unabschüttelbar, haften im Bühnenbild von Tanja Jackwerth unzählige Zettel an diesen Wänden - zeitgeschichtliche Protokolle, Parolen oder zum Nachdenken und schließlich Handeln ermutigende Zitate aus der Literatur. Vor diesen meterhohen Manuskript-Monstern gibt es kein Entrinnen, keine unvorhersehbare Wendung, denn schließlich ist alles schon geschehen.

Die Menschen davor bleiben aber Menschen, nicht nur historische Figuren, auch dank der Kostüme von Eva Schwab, da es ihr gelingt, vor allem bei der Figur des Alexander Schmorell (Oliver Reinhardt), den gemeinhin erwarteten Aspekt einer im Mantel historischer Ereignisse gewandeten verstaubten Verkleidung als Tarnung des wahren Lebens von damals abzuwerfen und vielmehr einen lebenslustigen, künstlerischen jungen Studenten zu zeigen, wie er war: wild, leidenschaftlich und lebenslustig, dabei ungekämmt sowie eben auch manchmal ein wenig abgerissen, der Bequemlichkeit halber.

Die Leidenschaft ist es auch, welche die Studenten Hans Scholl und Alexander Schmorell einander näher bringt. Die Liebe zu mittlerweile unerwünschten Büchern, von Stefan Zweig etwa oder Dostojewski. In der Begegnung dieses ungleichen Paares nimmt alles seinen Anfang und veranschaulicht die Verschiedenartigkeit der Menschen, welche sich unter dem Namen der "Weißen Rose" gefunden haben. Der ungestüme Schmorell, der nachdenkliche Hans, welcher vielleicht auch gerne etwas von der scheinbar unbeschwerten Intensität seines Freundes hätte, jedoch im Angesicht der Umstände von einer gefassten Ernsthaftigkeit übermannt wird.

Ruhig und stoisch

Ergänzt werden diese beiden in einer bewegenden Ensemble-Leistung des Landestheater durch den gravitätischen, aber aus Angst um seine Familie zweifelnden Christoph Probst (Saskia Lang), den unschuldig-liebenswürdigen Willi Graf (Barbara Kießling) sowie Traute Lafrenz (Sophie Huber), die schließlich gar nicht anders kann, als sich der Sache anzuschließen. Und schließlich ist da Sophie Scholl, welche, trotz der eingangs erwähnten Angst, ruhig und stoisch das tut, was getan werden muss und mit ihrer Hinwendung zum Widerstand die letzte Erscheinung der Jugendlichkeit innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft verschwindet.

Kontrastiert wird der juvenile Furor und manchmal auch Leichtsinn durch das gemessene Auftreten des Universitäts-Dozenten Kurt Huber, gespielt von Uli Scherr, welcher überzeugend die innere Zerrissenheit und Verzweiflung eines Mannes mittleren Alters porträtiert, über die schier hoffnungslosen und zugleich empörenden Umstände im Antlitz des übergroßen Gegners.

Keine Feigheit

Zerrissen auch deshalb, weil ihm als ständiger Schatten seine Frau Clara (Carmen Puhane) folgt, als Inkarnation des vielleicht wissenden, aber doch von der Angst überwältigten deutschen Volkes, dem nichts übrig bleibt als der Wunsch, die derzeit herrschende Lage möglichst unbeschadet zu überstehen. Doch ob zerrissen, zweifelnd oder schicksalsergeben von Mut und Entschlossenheit erfüllt, am Ende gibt es kein Zurück. Keine Feigheit unter dem Mantel der Klugheit, wie es die Mitglieder der "Weißen Rose" formuliert haben.

Mit dieser leidenschaftlichen, einfühlenden Inszenierung hat es das Landestheater Oberpfalz (LTO) einmal mehr geschafft, sich ins Pflichtprogramm der regionalen Bühnenlandschaft zu spielen, ganz und gar nicht allein der historischen Relevanz des historischen Stoffes wegen, sondern der Leistung, einen unverwechselbaren, unverbrauchten Blick auf eine bereits bekannt geglaubte Geschichte zu gewähren.

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