10.09.2018 - 16:07 Uhr
WindischeschenbachDeutschland & Welt

Gehirnjogging auf höchstem Niveau

Die Kleinkunstbühne der Futura startet vielversprechend in die Herbstsaison. Der „Hirnschrittmacher des deutschen Kabaretts“, HG. Butzko, und der neue Interims-Veranstaltungsort in der Alten Schwimmhalle kommen beim Publikum bestens an.

Mit seinem "Kumpelkabarett", das rüber kommt wie ein Gespräch an der Theke begeistert der Gelsenkirchener HG. Butzko bereits zum achten Mal das Futura-Publikum. Seine Vorpremiere zum neuen Programm "echt jetzt) ist mehr als gelungen.
von Hans PremProfil

Als Glücksgriff bezeichnet so mancher Zuhörer und auch Verantwortlicher auf der Veranstalterseite den Ausweichspielort in der Alten Schwimmhalle. Die zum Kabarettsaal umfunktionierte Ausstellung von Malermeister Heinrich Popp ist gedämpft beleuchtet. Gegenüber der Bühne unterhalten sich die Gäste zwanglos an der Bar. Die Stuhlreihen sind großzügiger gestellt. Ob wohl der eine oder andere Künstler die enge „Schrankgarderobe“ angesichts der neuen Garderobe vermissen mag, kann nur vermutet werden. Auf jeden Fall hat, trotz der Größe des Raums, die von den Künstlern und Freunden des Kabaretts gleichermaßen geliebte Wohnzimmeratmosphäre der Veranstaltungen nicht darunter gelitten.

Das ist deutlich bei der Vorpremiere des neuen Programms „echt jetzt“ von Kumpel HG. Butzko zu spüren. Der Gelsenkirchener fühlt sich wohl, liebt die Futura-Gastspiele und stellt dort alle zwei Jahre sein neues Programm in einem „Welturaufführungstest“ auf den Prüfstand. Und dies bereits zum achten Mal. Den Test hat er bestanden. Er kommt beim Publikum hervorragend an.

1997 betrat er zum ersten Mal in seinem Leben mit einem selbst geschriebenen Programm eine Bühne, um seiner Leidenschaft für das politische Kabarett ein Ventil zu bieten. Heute, über 20 Jahre später, gilt er als einer der besten politischen Kabarettisten Deutschlands und zieht in seinem neuen Programm eine Art Zwischenfazit. Kein „best-of“, sondern eine frische Bestandsaufnahme: Wie war es damals, wo stehen wir heute, wo sind wir hingekommen und wer ist eigentlich schuld daran? Sein Fazit: Wir selbst natürlich.

Land der unmöglichen Begrenztheiten

Butzko hangelt sich in seinem 10. Kabarettsolo in seinem ihm ganz eigenen Stil, das Politische und das Private, den Alltag und den Bundestag, die große Welt und den kleinen Geist gekonnt und humorvoll miteinander zu verbinden, vor allem an der Frage entlang, was sich in den letzten 20 Jahren geändert hat. „Die USA entwickelten sich vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum Land der unmöglichen Begrenztheiten, Schröder und Trump fanden Platz in der Zäpfchenpackung von Putin, Merkels Aussage, „die Einlagen sind sicher“ galt nur für Slipeinlagen und eine Ansammlung von Europäern darf man heute wohl als Scheiterhaufen bezeichnen“.

Seine Drohung zu Beginn, er sei anstrengend, wird zum Programm. Butzko animiert sein Publikum zum Gehirnjogging auf höchstem Niveau, bröselt komisch und bisweilen nachdenklich Fakten und Zusammenhänge dergestalt auf, als würden sie um die Ecke stattfinden, als hätte sie schon jeder einmal erlebt. An die eigene Nase fassen heißt es beim Thema Alltagsrassismus oder Digitalisierung, die vor allem im zweiten Teil seines Programms einen breiten Raum einnimmt.

Algorithmen der „Anfixer“ aus Silicon Valley und nicht Gefühle bestimmen den Alltag mittlerweile, das Handy wird vor allem bei den Jugendlichen zum Suchtproblem. Nicht die Mächtigen, sondern Microsoft, Google und Co. verändern die Welt. In Zukunft werden auch Männer überflüssig, Frauen übernehmen die Herrschaft: "Erst mal Alexa fragen“. So besteht die Gefahr, nicht im Hier und Jetzt, sondern in der Parallelwelt des „Zewa wisch und weg“ zu leben.

Für HG. Butzko ist Kabarett Hirnprostitution, Moralverkehr auf dem Gedankenstrich. Der Hirnschrittmacher des Deutschen Kabaretts entblättert sich in seinem neuen Programm einmal mehr in einer sehr humorvollen Mischung aus schonungsloser Zeitanalyse, Infotainment und treffsicheren und sitzenden Pointen. Wobei der Spaß natürlich nicht zu kurz kommt, den das Publikum zweifellos hat und am Ende mit großem Beifall honoriert.

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