24.03.2019 - 12:21 Uhr
WindischeschenbachDeutschland & Welt

Ein Leben zwischen Egoismus und Altruismus

Musikkabarettist Henning Schmidtke dreht sich bei der "Futura '87" um sich selbst und geht doch Symbiosen ein

Auf einen höchst amüsanten Trip ins "Egoland" hat Henning Schmidtke das Futura-Publikum mitgenommen.
von Hans PremProfil

Bin ich nun Egoist oder Altruist? Steht bei mir das Ich im Vordergrund oder das Wohl der anderen? Was fühlt sich besser an, der Genuss am eigenen Ego oder die Selbstlosigkeit bei Spendenaktionen? Oder geht das eine nicht ohne das andere? Henning Schmidtke seziert in seinem Programm „Egoland“ beide Charakterzüge satirisch höchst wertvoll und aufschlussreich.

Dem Futura-Publikum wird allerdings mitunter einiges abverlangt, dem schlaksigen Kabarettisten auf der Bühne in seinen Interpretationen und Fakten zu folgen. Den musikalischen Humortest haben die Zuhörer zu Beginn seines Programms auf jeden Fall erfolgreich bestanden. Schmidtke hat sein Publikum schnell im Griff. Wie in einer Diktatur: Er gibt den Ton vor, das Volk singt mit. Schließlich geht es ja um sein Ego, sein Ich, um ihn, denn mit ihm kennt er sich aus. Das gemeinsame Mitsingen ist Gemeinschaft, ohne die es selbst im Egoland nicht geht. Vielfach werden, ohne es zu wollen, trotz allem Ich Symbiosen und Kooperationen eingegangen, wie bei den Darmbakterien und dem Darm. Sein Motto: „Wenn man Gutes tut, tut es gut.“

Patenschaft gegen Einbruch

Doch manches scheint nur gut, ist es aber nicht. Schmidtkes Ich will keine Billigprodukte aus Billiglohnländern, sondern Qualität. KiK bezeichnet er als „Kleiderkammer, die von Ehrenamtlichen in Bangladesch geschmissen wird“. Ungewollt unterstützten unsere Ärmsten dadurch das Kapital. „Das Billige macht die Welt kaputt“, stellt der Künstler fest. Das Einzige, das nie kaputtgehe, sei die Mülltonne. Alles andere habe eine Sollbruchstelle.

Deshalb setzt Schmidtke trotz allen Egos auch auf effektiven Altruismus: wenig Geld zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen. Für 30 Euro im Monat übernimmt er die Patenschaft für ein rumänisches Waisenkind, ist dadurch „Kar-Patenonkel“. Dies sei gleichzeitig die beste Einbruchssicherung für ihn selbst. Er tut auch seinem Nachbarn Gutes. Der hat nie Zeit für seine Familie, und wenn doch einmal, sitzt er beim Steuerberater. Die altruistische Abhilfe: Seit er ihn beim Finanzamt angezeigt hat, gibt es Kuchen am Nachmittag, und die Kinder freuen sich immer, wenn er Freigang hat.

„Trump up your life“

Nach der „Trump up your life“-Therapie verfällt Schmidtke aber urplötzlich in den „Du bist geil“-Modus und mutiert zu einer Mischung aus Egoist und Narzist, zum Egozisten. Lässig und zufrieden sieht er sich als größten und einzigen Kabarettisten. Den Zeugen Jehovas, die mit ihm an seiner Haustüre über Gott sprechen wollen, sagte er: „Sehr gerne“. Dann erzählt er erst einmal zwei Stunden über sich selbst. Beim Nachbarn fragen die Zeugen dann, ob dieser Zeit habe, um über Henning Schmidtke zu sprechen. Willkommen im „Egoland“. Höchst musikalisch philosophiert der Musikkabarettist dann an seinem Klavier über das Ich und die Liebe, seine erste Liebe, die Musik, die ihn trotz Pickelgesicht in der Pubertät nicht von sich stieß. Er will den Abend aber nicht mit so viel Gefühl enden lassen.

Deshalb kommt er in der lang erklatschten Zugabe noch einmal zum Geld – und auf die Tatsache zu sprechen, dass 10 Prozent der Deutschen 50 Prozent des deutschen Privatvermögens halten. Kann man 40 Milliarden Vermögen noch fühlen? Nein. Zwei Jahre müsste das Publikum in der Alten Schwimmhalle sitzen bleiben, wenn er jede Sekunde einen 500-Euro-Schein unters Volk werfen würde. Zwei Minuten tut er das dann.

Henning Schmidtke überzeugt mit bitteren und teilweise bösen Wahrheiten und haut hin und wieder auch einen Kalauer raus. Der Ego-Trip des Kabarettisten begeistert letztlich alle, denn wenn alle auch an andere denken, wird immer an alle gedacht.

Auf einen höchst amüsanten Trip ins "Egoland" nimmt der Musikkabarettist Henning Schmidtke das Futura-Publikum mit. Er seziert satirisch bittere Wahrheiten einer Ellbogengesellschaft, in der der eine aber trotzdem nicht ohne den anderen kann.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.