Genießen, entspannen, heilen: Musik

Unter dem Motto "Musik als Einstieg in die Selbstheilung von Traumen" begeisterte am Freitagabend das Ferrara Duo mit Annina Holland-Moritz am Fagott und Stefan Conradi an der Gitarre.

Dankeschön für das wunderschöne Konzert

Gleich vorweg: Dieses Kammerkonzert war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Erstens zählt das Ferrara Duo mit Fagott, dem tiefsten Instrument der Holzbläsergruppe, und Gitarre zu den ganz wenigen Ensembles in dieser Besetzung. Zweitens wurden die Komponisten der ausgewählten Stücke auch vor dem Hintergrund ihrer belastenden Viten zusammengestellt. Drittens erlebte das Publikum dank Professor Dr. Thomas Loew einen unterhaltsamen Vortrag über das gesellschaftlich immens wichtige Thema von posttraumatischen Belastungsstörungen. Und viertens waren Feuerwehrleute, Polizisten und Rettungskräfte zu dem Kammerzkonzert-Abend geladen. Vor dem Hintergrund der dramatischen Schicksale von Flüchtlingen, aber auch der Belastungen, die Polizisten, Feuerwehrleute und Einsatzkräfte erleben müssen, eröffnete Prof. Dr. Thomas H. Loew den Abend.

Loew, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiater und Psychoanalytiker, ist Chefarzt der Abteilungen für Psychosomatik am Universitätsklinikum Regensburg und der Klinik Donaustauf. Gewalt, Misshandlungen und Flucht führen zu ernst zu nehmenden neurobiologischen Reaktionen – nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für das Umfeld und die Gesellschaft. Umso wichtiger sind Methoden, die relativ „einfach und schnell“, auch von Laien, erfolgversprechend eingesetzt werden können. Professor Loew verstand es ausgezeichnet, die komplizierten Sachverhalte eingängig, anschaulich und leicht verständlich zu erklären. In seiner Einführung hob er hervor, dass gerade die Oberpfalz eine Geschichte der schweren Belastungen und Verzweiflung aufweist: Hier wütete die Pest, hier wurden die Kreuzzüge rekrutiert, hier tobten der verheerende 30-jährige Krieg, die Gegenreformation und die Schlachten Napoleons – all dies hat Spuren in uns hinterlassen. Loew betonte, „dass wir noch immer wie Steinzeitmenschen ticken, biologisch sind wir mit Handy und Co. noch nicht auf Augenhöhe.“ Geändert hat sich jedoch nicht, dass Musik entspannen und beruhigen kann, genauso wie rhythmische Bewegungen. Stichwort Musiktherapie. Die vom Ferrara Duo gespielten Musikstücke entstammen alle der Feder von Komponisten, die in der Musik eine Möglichkeit gefunden haben, die belastenden Zeiten zu überstehen. Stefan Conradi, 1960 in Istanbul geboren, spielt als Gitarrist und Kontrabassist in verschiedenen Ensembles und Orchestern. Seine Kollegin, Annina Holland-Moritz, geboren 1967 in Mannheim, begann mit elf Jahren Fagott zu spielen. Sie ist staatlich geprüfte Musiklehrerin und spielt in diversen Orchestern. Frau Holland-Moritz ist auch Polizistin. Sie hat sich intensiv mit posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandergesetzt und den Gästen in Wurz einen Einblick gegeben.

Das Spiel mit dem ruhigen Fagott, das zur Familie der Schalmeien gehört, beflügelte durch seinen weichen, vollen und sonoren Klang die Zuhörer. Conradis brillantes Gitarrenspiel vollendete die Darbietung, harmonisch durch das Rauschen der Blätter abgerundet. Als Auftakt der musikalischen Reise hörte das Publikum die „Sonate für Fagott und Gitarre op. 13“ von Karl Andreas Goepfert (1768-1818). Der Barockmusiker, der in der Meininger Hofkapelle Herzog Georg I als Klarinettist spielte, litt unter seiner Leibeigenschaft. Mit Fernando Sor (1778-1839), einem „Meister der Gitarre“ folgte ein virtuoses Solo von Stefan Conradi. Auch Sors Biografie ist gekennzeichnet durch Armut und Flucht - 1823 wurde mit seinem Ballett „Cendrillon“ das Bolschoi-Theater eröffnet. Von Ralph Vaughan Williams (1872-1958) folgten Stücke aus „Six Studies in English Folksong“. Der Sohn eines Geistlichen wurde im Ersten Weltkrieg so schwer verletzt, dass er später taub wurde. Am 13. Mai 1945 sendete die BBC sein in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs aufgenommenes Stück „Thanksgiving for Victory“ anlässlich eines Radio-Dankgottesdienstes. Manuel de Falla (1876-1946), bedrückt durch den Spanischen Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg, emigrierte 1939 nach Argentinien. Mit „Danza del Molinero“ erlebte das Publikum noch einmal Conradis meisterhafte Beherrschung der Gitarre. „Zum Abschluss gaben Annina Holland-Moritz und Stefan Conradi drei Stücke aus dem Habsburger Bereich von Josef Pécsi (1874-1958), Johann Wilhelm Ganglberger (1876-1938) und Julius Fučík (1872-1916 zum Besten. In allen drei Musikstücken spielt ein Bär die Hauptrolle. „Mein Teddybär“ von Ganglberger wurde als erster Radiohit berühmt. Fučík, der unter anderem Fagott studierte, ist einem breiten Publikum durch seinen „Einzug der Gladiatoren“, ohne den kaum ein Zirkus auskommt, bekannt. Apropos Militärmusik: Sie war in allen Zeiten so bedeutend, weil man hier das Wissen der körperlichen Psychotechniken nutzte. Marschieren und Singen reduziert den Stress, auf der anderen Seite schärft es die Aufmerksamkeit für die anstehenden Schlachten. Zwei Zugaben mit heiteren, Lebensfreude versprühenden Stücken mit der hawaiianischen Ukulele rundeten den Abend ab: „Over the rainbow“ und „Honolulu Baby“ aus Dick und Doof.

Unterm Strich: Ein unvergessener Abend, mit Stücken aus drei Jahrhunderten. Das Ganze vor der traumhaften Kulisse des Gartens im Wurzer Pfarrhof, der dem Cistercienser Stift Waldsassen als Sommersitz diente.

Annina Holland-Moritz am Fagott und Stefan Conradi mit Gitarre

Annina Holland-Moritz am Fagott und Stefan Conradi mit Gitarre

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