Klänge, die ins Gemüt gehen

Ein Teil der Zuhörer sitzt im Pfarrhof, der große Steinway-Konzertflügel steht im Marstall, in dem weitere Anwesende sich auf das Spiel von Natalie Ehwald freuen. Zu Recht, wie sich von Beginn an herausstellt.

Natalia Ehwald interpretierte in Wurz klassische und romantische Klaviermusik.
von Reinhold TietzProfil

Die Pianistin eröffnet ihre Vortragsfolge mit der „Klaviersonate Nr. 27 e-moll“ op 90 von Ludwig van Beethoven. Dieses Werk bildet den Übergang von der mittleren zur späten Schaffensperiode des Komponisten im Bereich Klaviermusik. Es ist mehr von lyrischen als von dramatischen Inspirationen geprägt.

Großer Beifall

Schwungvoll und zugleich sensibel erklingt der erste Satz mit der Kennzeichnung „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“. Natalia Ehwald gelingt es, die musikalischen Gedanken genau in diesem Rahmen darzustellen und sie damit den Zuhörern wunderschön nahezubringen. Auch der zweite Satz mit der Bezeichnung „Nicht zu geschwind und sehr singbar vorgetragen“ berührt das aufmerksame Publikum sehr intensiv mit seiner Lieblichkeit. Die Pianistin trägt sowohl das lyrisch klingende Hauptthema wie auch das „dolce“ zu vermittelnde Antwortthema sehr ausdrucksvoll vor, wobei die Triolenbegleitung immer vorwärts orientierend wirkt. So ist der Beifall nach diesem zweisätzigen Werk schon sehr groß.

Es folgen die sechs „Intermezzi“ op 4 von Robert Schumann. Ein romantisches Jugendwerk des Komponisten, in dem dieser scharf gegensätzliche Ausdrucksweisen einander gegenüberstellt. Zwar ist Liedform angedacht, darin sind jedoch in polyphonen Abschnitten etliche unterschiedliche Motive miteinander verwoben. Nachvollziehbar ist das in dem schriftlichen Hinweis „Meine Ruh ist hin“ am Ende des zweiten Intermezzos. Wie eng die Gedanken zusammenhängen, zeigt sich auch darin, dass bei einigen Stücken am Ende steht „attacca“, also „sofort weiterspielen“. Das alles bewältigt Natalia Ehwald tadellos und macht ihre Zuhörer damit auf ein äußerst selten gespieltes Werk glaubhaft aufmerksam.

Nach der Pause ertönt die „Klaviersonate Nr. 21 B-Dur“ D.960 von Franz Schubert. Diese letzte Klaviersonate Schuberts, zwei Monate vor seinem Tod komponiert, bringt zeitlich weit angelegte melodische Entwicklungen zu Gehör, denen es gelingt, aus den vielfältigen Stimmungen der Musik heraus ein gemeinsames Erleben zu gestalten. Das „Molto moderato“-Hauptthema im 1. Satz strömt leise wehmütig in weitem Bogen vorüber, auch die zweite Themengruppe ist nicht dramatisch, sondern entwickelt die Melodik der Themen weiter. So melodienreich klingt der ganze Satz. Im „Andante sostenuto“ klagt erst eine Terzmelodie, dann fällt ein unsteter Rhythmus im Bass auf, bis letztlich alles im dreifachen Pianissimo verklingt. Wie die Pianistin das vorträgt, dem kann man nur gebannt lauschen.

Kunstfertig vermittelt

Das Scherzo trägt die Bezeichnung „Allegro vivace con delicatezza“ und dementsprechend delikat spielt Natalia Ehwald den rhythmisch schnell dahin huschenden Satz. Das Finale, überschrieben mit „Allegro ma non troppo“, führt ausgedehnte thematische Perspektiven vor, die nicht so rasch wie die des vorherigen Satzes vorgestellt werden und damit intensiver wirken. So kann sich der Zuhörer voll in die jeweilige Stimmung der Musik einbringen – und das vermittelt die Pianistin mit großer Kunstfertigkeit. Insgesamt also ein wunderschönes musikalisches Erlebnis.

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