26.10.2018 - 20:54 Uhr

In der Zeit-Pressmaschine

"Zeit ist etwas, das in uns steckt, ohne dass man sie bewusst wahrnimmt", sagt Physiker Harald Lesch. Die Zeitumstellung ist keine Lappalie. Sie bringt unsere innere Uhr durcheinander, die viele Prozesse im Körper beeinflusst. Winter- und Sommerzeit sind aber nur ein Teil des Problems.

Das Drehen an der Uhr ist noch das geringste Problem bei der Zeitumstellung. Bild: Patrick Seeger/dpa
Das Drehen an der Uhr ist noch das geringste Problem bei der Zeitumstellung.

Im 19. Jahrhundert gab es mehr als 60 Zeitzonen in Deutschland. Städte legten ihre "Ortszeit" selbst fest - zwischen benachbarten Orten konnte die Zeit um mehrere Minuten differieren. Auf Drängen der Eisenbahngesellschaften führte das Deutsche Reich 1893 die "Mitteleuropäische Zeit" ein - die Bahn als Initiator der Zeitsynchronisation. In der Folge setzte sich die mechanische Bahnuhr durch. Nach der Bahn konnte man die Uhr stellen. Das wär doch mal wieder was!

Heute betreibt die DB rund 17 000 Uhren auf ihren Bahnhöfen: 6000 werden per Funksignal gesteuert. 2500 sogenannte Mutteruhren steuern eine bestimmte Zahl von Töchtern. An mehr als 3900 kleineren Bahnhöfen informieren 6600 Dynamische Schriftanzeiger (DSA) über Fahrplanabweichungen. Die Zeitumstellung am frühen Sonntagmorgen erfolgt bei diesen automatisch.

Juwelierin Bergmann: Noch keine Zeit

Automatisch stellen sich bei der Amberger Juwelierin Andrea Bergmann nur Funkuhren um: "Momentan haben wir so viel Arbeit, dass wir noch gar keine Zeit dafür hatten", sagt die Inhaberin. "Meine Mitarbeiter werden nächste Woche damit beschäftigt sein, alle Uhren umzustellen." Sie selber sähe es gerne, wenn künftig die Sommerzeit beibehalten würde: "Dann könnten wir abends noch etwas unternehmen, wenn wir unser Geschäft zumachen."

Wovon sich die Oberpfälzer Unternehmerin eine bessere Lebensqualität verspricht, hält Schlafforscher Hans-Günter Weeß aus schlafmedizinischer Sicht für fatal: "Die dauerhafte Sommerzeit wäre die falsche Lösung." Die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin setze erst spät ein, morgens müssten aber alle wieder früh raus, ins Büro oder in die Schule. Ausschlafen Fehlanzeige. "Mit der Zeit droht Schlafmangel, wir werden noch mehr zur chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft." Seine Empfehlung: "Die Winterzeit, die der natürlichen Zeit entspricht und an den Hell-Dunkel-Rhythmus gekoppelt ist."

Die Uhren der Installation «Zeitfeld» von Klaus Rinke in Düsseldorf. Bild: Federico Gambarini/dpa
Die Uhren der Installation «Zeitfeld» von Klaus Rinke in Düsseldorf.

Von Lerchen und Eulen

Nicht nur die Umstellung von Winter- und Sommerzeit bringt unser natürliches Zeitempfinden durcheinander. "Zeit ist schnell geworden", kritisiert Harald Lesch, Physikprofessor an der Ludwig-Maximiliansuniversität München, "unglaublich komprimiert." Zeit zerrinnt uns wie auf Dalis Gemälde zwischen den Fingern. Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs gelte die Maxime: "Zeit ist Geld." Für Lesch ein Irrweg. Der Erfolg einer Gesellschaft hänge maßgeblich von der Kreativität der Menschen ab: "Warum sind an englischen Eliteschulen Musik, Kunst und Theater so wichtig? Weil es um die Persönlichkeitsentwicklung geht." Ein Physiker, der sich für Kulturfächer stark macht? Die Probleme unserer Zeit löse man nicht mit sturem Auswendiglernen von Formeln.

Man sperre Kinder und Jugendliche in unnatürliche Systeme. Studien zeigen, dass frühes Aufstehen eine Qual für rund Dreiviertel der Schüler ist. Bei Jugendlichen tickt die innere Uhr anders als bei Erwachsenen. Die Leistungen sinken, die Unlust steigt - die Minderheit der "Lerchen" profitiert, die Mehrheit der "Eulen" vegetiert. Modellversuche in den USA dokumentieren: Schon ein um eine halbe Stunde späterer Schulbeginn führt zu besseren Leistungen. Franz Rechl, Weidener Facharzt für Nervenheilkunde, gibt in diesem Punkt Entwarnung: "Der Mensch verkraftet Abweichungen vom Biorhythmus." Kurze Tage im Winter, lange im Sommer, damit würden Skandinavier ja auch fertig. In seiner Praxis sei er aber mit Patienten konfrontiert, die sich von zunehmender Arbeitszeitverdichtung überfordert fühlen: "Arbeitnehmer müssen bei uns in sieben Stunden schaffen, was Japaner in zwölf erledigen."

Kritiker der Zeitverdichtung: Physiker und Moderator Harald Lesch im ZDF-Studio in München vor dem Logo seiner Sendung "Abenteuer Forschung". Bild: dpa
Kritiker der Zeitverdichtung: Physiker und Moderator Harald Lesch im ZDF-Studio in München vor dem Logo seiner Sendung "Abenteuer Forschung".

Psychologe: "Das muss zum Kollaps führen"

"Viele Patienten arbeiten am Band", erzählt er, "und bekommen jedes Jahr höhere Zielvorgaben." Nur durch stetige Steigerung der Produktivität könne der Profit vermehrt werden. "Das muss zum Kollaps führen." Dazu komme: "Deutsche haben zwar viel Freizeit, aber die diktiert die Freizeitindustrie: Fitnesswahn und Dauerbespielung Sozialer Medien führten zum Anstieg von Burn-Out und ADHS. "Junge Leute sitzen bis 3 Uhr an der Playstation, stehen um 5 auf, um weiterzuspielen, und gehen dann unkonzentriert in die Schule."

Eine Diagnose, der DGB-Regionalsekretär Peter Hofmann nur beipflichten kann: "Ich stelle fest, dass immer mehr Arbeitnehmer frühzeitig ausscheiden", sagt der Rentenberater. Bereits jeder Vierte gehe wegen psychischer Probleme in Erwerbsminderung: "Viele schaffen den Umstieg auf die Digitalisierung nicht." Der Beiratsvorsitzende der AOK Tirschenreuth konstatiert einen "brutalen Anstieg psychischer Erkrankungen". In Pflegeberufen sei die Überlastung so dramatisch, dass für viele ab 55 Schluss sei. In vielen Branchen seien Arbeitsplätze nicht adäquat besetzt: Ob Autozulieferer, Bau, Bäckereien, Geldtransportunternehmen oder Glasindustrie: "In auftragsabhängigen Betrieben werden Dienstleistungen outgesourct, Vorbereitungszeiten nicht mehr zur Arbeitszeit gerechnet oder, um den Mindestlohn zu umgehen, einfach die Anforderungen hochgeschraubt.

Fazit: Die Schlafkrise der Gesellschaft durch die Belastungen im durchgetakteten Alltag verursacht laut einer Studie der RAND Europe Cooperation von 2016 für die USA, Deutschland, Japan, Großbritannien und Kanada einen jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden von 48,54 Milliarden Euro.

 
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