03.11.2017 - 16:52 Uhr
KemnathOberpfalz

Übung bei Audi Zersägen um zu retten

Verschiedene Antriebstechniken, neue Karosserien, immer bessere Sicherheitsausstattung: Was Insassen beim Unfall zu Gute kommt, bedeutet für Helfer Gefahr. 14 Kemnather Feuerwehrleute übten an werksfrischen Audis, wie sich die Gefahr vermeiden lässt.

von Michael DenzProfil

Autofans müssen nun stark sein: Was die Kemnather Feurwehrleute mit den fabrikneuen A6 und Q7 anstellen, lässt ihnen vermutlich das Herz bluten. Aber alles geschah zur Sicherheit für Autofahrer und Einsatzkräfte.

Denn kommt es zum Unfall, bei dem Menschen im Auto verletzt und eingeklemmt sind, zählt jede Sekunde. Fahrzeuge mit Gas- oder Elektroantrieb bergen besondere Gefahren. CFK-Komponenten, hochfeste Verstrebungen und Alu-Karossen bringen Rettungsgeräte an Grenzen. Rettungsdatenblätter helfen, indem sie etwa die Lage der Batterie, der Gasdruckdämpfer, Airbags und Verstärkungen der Karosserie aufzeigen. Wo Spreizer und Schere angesetzt werden müssen, muss je nach Schaden vor Ort entschieden werden. Helfer müssen wissen, worauf es zu achten gilt, und bei welcher Karosserie welches Gerät wie einzusetzen ist.

14 Feuerwehrleute aus Kemnath bildeten sich bei Audi weiter. Ein Ausbilder der Werksfeuerwehr betreute sie und zeigte, wie bei der Unfallrettung aus modernen Fahrzeugkarossen vorgegangen werden soll. Besonderes Augenmerk wurde auf Antriebstechnik, Sicherheitsausstattungen und Karossiere gelegt. Ein Audi Q7 und ein Audi A6-L standen zur Verfügung. Geübt wurde die Rettung von eingeklemmten Personen nach einem Verkehrsunfall. Zum Einsatz kamen nebst hydraulischer Rettungsschere auch -spreizer und -zylinder. Besonders bei der Alu-Karosse des Audi A6 zeigten sich die Vorteile der "Twin-Saw". Die Rettungssäge der Feuerwehr Kemnath ist für Pkw-, Lkw-, Bus-, Zug- und Flugzeugunfälle konzipiert. Direktes Schneiden größerer Öffnungen in fast alle Materialien durch reaktionsfreien Schnitt der gegenläufigen Sägeblätter ist ein großer Vorteil. Spreizer und Schere sind bei Aluminiumkarossen problematisch, Alu reißt schneller als Stahl.

Überall Airbags

Ergänzende Rückhaltesysteme und Airbags sind bei neuen Fahrzeugen immer häufiger verbaut. Neben Fahrer- und Beifahrerairbags gehören Seitenairbags in Sitz oder Seitenverkleidung sowie Kopfairbags oft zur Serienausstattung. Auch Sitz- und Knieairbags werden immer häufiger installiert. "Crashsensoren" gleichen die Daten ab und berücksichtigen die Sitzbelegung. "Frontairbags werden etwa 15 Millisekunden nach dem Aufprallbeginn gezündet. Bereits nach 50 Millisekunden sind die Airbags voll entfaltet und gefüllt. Ein Fahrerairbag fasst rund 60 Liter Luft. Nach 150 Millisekunden sind die Airbags wieder entleert", erörterte Georg Zeitler. Der Kfz-Meister hat Airbagschulungen und einen Lehrgang für Sprengstoffkunde besucht. In mehreren Vorführungen zeigte der aktive Feuerwehrmann die Wucht der Airbagauslösung.

Besondere Gefahr für Einsatzkräfte besteht, wenn Airbags im Unfallfahrzeug noch nicht ausgelöst haben. "Auch wenn es zur Trennung der Stromversorgung von der Fahrzeugbatterie gekommen ist, können Airbags noch auslösen." Unkontrolliert auslösende Airbags können Einsatzkräfte gefährden. Daher müssen die Retter entsprechenden Schutzabstand halten und zur Erkundung die Innenverkleidungen abnehmen. "30-60-90" lautet die Regel. So sollten zu Seitenairbags 30, zu Fahrerairbags 60 und zu Beifahrerairbags 90 Zentimeter Abstand gehalten werden.

Die "AUTO-Regel"

Um die Antriebsart oder -arten von Unfallfahrzeugen schnell feststellen zu können, stützen sich die Einsatzkräfte auf die "AUTO-Regel". A -ustretende Betriebsstoffe wie Benzin oder Gas können vernommen werden. Werden am U -nterboden des Fahrzeugs orangene Kabel, ein Auspuff oder ein Gastank gesichtet, so liefert dies weitere Anhaltspunkte. Durch das Öffnen des T -ankdeckels oder der Nachsicht, ob eine Ladesteckdose vorhanden ist, werden weitere Erkenntnisse gewonnen. Sucht man die O -berfläche ab, verraten eventuelle Typenkürzel, Anschlüsse oder Aufkleber die Antriebsart. Sind Brandschutz sichergestellt, Geräteablageplatz mit Rettungsgeräten aufgebaut, der Verkehr gesichert und die Verletzten durch einen "Inneren Retter" betreut, kann die eigentlichen Rettung beginnen. Dazu wird das Fahrzeug stabilisiert. Gegebenenfalls müssen Scheiben entfernt werden, um die Gefahr durch Splitter zu beseitigen.

Ob eine "Sofortrettung", eine "Schnelle Rettung" oder eine "Schonende Rettung" durchgeführt wird, entscheidet der Notarzt. Dieser legt die Verletzungsmuster fest und definiert die Dringlichkeit. In Absprache mit dem "Leiter der technischen Rettung der Feuerwehr" folgt die Rettung durch Mannschaft. Früher war es üblich, die Fahrzeugbatterie vor der Patientenrettung abzuklemmen. Da viele Fahrzeuge elektrische Sitzverstellungen oder weitere zur Rettung unterstützende Einrichtungen haben, und durch das Abklemmen der Batterie die Gefahr vor einer plötzlichen Airbagauslösung dennoch besteht, muss dies der Situation angepasst entschieden werden.

Neue Technik

"Vorteil bei der Übung an den Audis war die umfangreiche Erfahrung im Umgang mit neuen Fahrzeugtechnologien", betont Norbert Weismeier , der Leiter der Fachgruppe "Technische Hilfeleistung" der Feuerwehr Kemnath. Mit einer Alu-Karosse hatten die Feuerwehrleute bislang "keinen direkten Kontakt im Einsatzgeschehen". "Umso wichtiger ist daher die Vorbereitung und praxisgerechte Übung. Neue Technik auf den Straßen bedeuten auch neue Vorgehensweisen und durchdachte Taktiken.", erörtert Kemnaths Kommandant Peter Denz .

"Durch das Angebot der Audi AG, an neuen Modellen zu üben, eröffnete sich eine große Möglichkeit in der Weiterbildung. Besonders wichtig ist regelmäßige und praxisnahe Fortbildung", fügt Denz hinzu.

Mit der alten hydraulischen Rettungsschere sei man an Grenzen bei der technischen Rettung gestoßen. Erfolgreich ging jeder Einsatz vonstatten. "Durch die Anschaffung neuer hydraulischer Rettungsgeräte und weiterer Maschinen und Geräte eröffneten sich neue und schnellere Möglichkeiten zum Schaffen von Rettungsöffnungen zur Personenrettung bei Unfällen."

Bei der Übung zeigten sich aber auch die "Grenzen der neuesten Rettungstechnik". Ohne Rettungssäge, deren Sägeblätter gegenläufig rotieren und alte Materialien schneidet, wäre eine zügige Rettung nicht möglich. "Um unsere Leute über die Gefahren unkontrolliert auslösender Airbags aufzuklären, war besonders die Übung am Standort wichtig." Zur unkontrollierten Auslösung von Airbags kam es bislang bei Rettungsaktionen nicht. Dennoch bestehe immer mehr Gefahr. (mde)

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