18.10.2017 - 18:42 Uhr
NittendorfOberpfalz

Bischof Bucher bekämpfte in Südafrika die Apartheid Missionar der Menschlichkeit

Wenn Kirche wie Bischof Hubert Bucher ist, ist sie ganz nahe bei Papst Franziskus. Der Regensburger Missionar bekämpfte mit seinen Mitteln das Apartheid-System in Südafrika und rückte dabei sogar mit Franz Josef Strauß zusammen - unsere Zeitung berichtete damals. Heute lebt der 86-Jährige bei seiner Schwester in Nittendorf.

Bischof Hubert Bucher (Mitte) als Basotho-Häuptling: Zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Diözese Bethlehem und seines 25-jährigen Jubiläumsals Bischof 2002 wird der Oberpfälzer ausstaffiert wie ein Einheimischer zur Festversammlung gefahren - flankiert von Erzbischof Buti Tlhagale und einem Laienprediger. Bilder: exb
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein wenig verloren sieht er aus, wie er leicht gebeugt im Garten steht. Einen alten Baum verpflanzt man eben nicht. Und nach einem halben Jahrhundert Südafrika fühlt sich der emeritierte Bischof wohl mehr wie ein Affenbrotbaum als wie eine Oberpfälzer Eiche. "Wenn's nach mir gegangen wäre", sagt Hubert Bucher offen, "wäre ich nicht mehr zurückgekommen." Die Schwester habe vor zwei Jahren ihren Mann verloren, musste allein in dem großen Haus leben. "Also bin ich halt in Gottsnamen gekommen."

Vor 60 Jahren empfing der Geistliche die Priesterweihe und trat die erste Stelle als Kaplan in Teublitz an - Zeit für eine Lebensbilanz: Seine Erinnerungen hat er in einem Buch zusammengefasst, das zeigt, wie nah Kirche den Menschen sein kann. Eine Institution ist nur so gut, wie die Charaktere, die sie prägen. Bucher taugt zum Vorbild. Er predigte Wein und trank das Wasser selbst. Und der frühere Bischof des Bistums Bethlehem in der südafrikanischen Provinz Freistaat redete den Mächtigen nicht nach dem Mund. Er vertrat die Interessen der Entrechteten.

Afrikanische Klicklaute

Der Mann im neunten Lebensjahrzehnt hat auch heute noch etwas zu sagen. Die Wohnung im schwesterlichen Haus ist noch nicht fertig eingerichtet. Aber von Äußerlichkeiten lässt sich Bucher nicht ablenken. Auf seiner Couch im ersten Stock doziert er wie auf der Kanzel - überlegt, konzentriert, fast druckreif. Aus ihm spricht der gebildete Weltmann mit großem Sprachtalent - ohne Mühe flicht der Mann, der auch in Oxford studierte, englische Zitate ein oder demonstriert afrikanische Klicklaute.

Im täglichen Leben Südafrikas war Bucher konfrontiert mit der rassistischen Apartheidspolitik: "Die Polizei wurde missbraucht, um diese Politik durchzusetzen." Ständig seien Wagen mit Arrestkästen durch die Straßen gefahren. "Und es gab Hunderte von möglichen Vergehen." Seine Kirche habe sich klar und deutlich gegen das Regime ausgesprochen. "In einem großen Hirtenschreiben wurde es als ,intrinsically evil' beschrieben, ein System, dem das Böse innewohnt." Ein Teil der weißen Minderheit sei überzeugt gewesen: "Die einzige Überlebenschance sei es, die Schwarzen in Schach zu halten."

Der Bischof hat sein Gewissen auch nicht bei seinem Rücktrittsgesuch abgegeben, das Papst Benedikt XVI. am 31. Dezember 2008 annahm. Jemand, der Armut und Elend nicht nur aus dem Fernseher kennt, blickt anders auf die Flüchtlingskrise. "Abschotten wird auf lange Sicht nicht möglich sein", vergleicht er die Situation mit seiner Wahlheimat. Dort hatten viele Weiße versucht, ihre Privilegien brutal gegen die Bevölkerungsmehrheit zu verteidigen. Vergeblich. Im Nachhinein zeigt sich: Nicht der bekennende Botha-Freund Franz Josef Strauß, sondern Menschenfreund Bucher behielt Recht. In Südafrika gelang ein weitgehend gewaltfreier Regimewechsel.

Wie kam es zum öffentlichen Disput mit dem CSU-Idol? "Ich war 1987 auf einer Vortragsreihe in der Oberpfalz." Dabei sei er auch vom "Neuen Tag" interviewt worden. "Der Redakteur wollte wissen, was ich davon hielt, dass Franz Josef Strauß Präsident Botha gratulierte." Darauf habe sich ein offener Briefwechsel entsponnen, bei dem er erklärt habe, dass er die Gratulation als unsinnig empfand: "Dass Botha die Wahl nicht verlieren würde, war systemimmanent - aber er erlitt Einbußen. Damals zeigte Strauß klar, wo er stand."

Anders als der barocke Bayer glaubte, kam es nicht zum Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Systems durch die Beteiligung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Dennoch ist Südafrika kein Hort der Glückseligkeit. "Man kann nicht zufrieden sein mit der rasanten Korruption", sagt Bucher, "aber wir haben eine so gute Verfassung, dass man keinen Militärcoup befürchten muss."

Afrikanisch-bayerische Ruhe

50 Jahre Afrika haben nicht nur äußerliche Spuren hinterlassen: "Jeder Missionar, der mit Leib und Seele wirkte, wird mitgeprägt von der anderen Kultur, in der er lebte", fühlt sich Bucher auch ein Stück weit afrikanisiert. "Wir sprechen von der königlich-bayerischen Ruh", schwärmt er selig, "sofern's die heute noch gibt. Wenn man in so einer Kultur lebt, bringt man Ruhe und Gelassenheit in eine schnelllebige Zeit."

Im April will der katholische Abenteurer seine alte Wirkungsstätte wieder besuchen. Vielleicht denkt er dann zurück an eine Anekdote, die er 1966 beim Besuch des damaligen Bischofs erlebte: "Plötzlich sprang ein wild aussehender Mann auf das Podium und stürmte mit erhobenem Kurzspeer auf den Bischof zu." Im Staccato-Ton habe er laute Rufe ausgestoßen. Dem armen Bischof sei angst und bange geworden: "Es war das erste Mal in der Geschichte der Diözese, dass der Bischof mit einem traditionellen Preisgesang empfangen wurde."

______________________________________________________________________________________ Interview mit Bischof Bucher

Der Bischof und das Böse

Herr Bischof, Sie besuchten ein paar Jahre früher als ich die Wolfgangskirche und das Goethe-Gymnasium – wenn man Regensburg mit dem touristischen Weltkulturerbe von heute vergleicht, wie war die Atmosphäre damals in der NS-Zeit und den ersten Jahren nach dem Krieg?

Bucher: Regensburg war eine Provinzstadt, die den großen Zeiten nachtrauerte. Der Immerwährende Reichstag führte nach dem Mittelalter zu einer zweiten Blüte. In meiner Kindheit war in der Stadt vieles heruntergekommen, 30 000 Menschen lebten im Altstadtkern unter beengten Verhältnissen. Mir hat das gefallen, ich war an der Geschichte interessiert, ich habe gerne gezeichnet, besonders viele alte Tore (schmunzelt). Man hatte den Eindruck, die Stadt ist etwas aus der Zeit gefallen. Nach dem Krieg war der Eiserne Vorhang nicht weit. Als ich viel später hierher auf Heimaturlaub kam, habe ich mit mit Freude erlebt, wie sich Regensburg machte, sich Industrie ansiedelte, die Bevölkerung wuchs und neue Siedlungen entstanden.

War das verschlafene Regensburg, das Hitler nicht mochte, etwas immuner gegen die Nazi-Ideologie?

Bucher: Ich würde sagen, die Partei hat es in Kürze verstanden, sich auch in Regensburg zu etablieren. Damals fand alles wegen der sich überstürzenden Kriegsereignisse äußerst verdichtet statt – mit zehn Jahren erlebte ich innerhalb eines Vierteljahres die Heilige Erstkommunion, die Firmung und ich wurde als Pimpf einberufen. Mein Vater hat sich als 21-Jähriger 1916 für den Ersten Weltkrieg gemeldet. Er hatte den Zusammenbruch des Kaiserreichs miterlebt, die Abdankung des Königs. Viele haben es so empfunden, dass mit der Machtergreifung wieder Ordnung einkehrte. Es hat uns alle schwer getroffen, dass wir schon 1939 in den von Hitler angezettelten Krieg mussten. Die Kindheit ist uns geraubt worden, es herrschte eine Markenwirtschaft. Wir mussten 22 Luftangriffe in Regensburg über uns ergehen lassen. Die Angst blieb lange zurück.

Haben sich bei Ihrem Stipendiumsaufenthalt in Moscow/Idaho die Erwartungen an die USA als Land der Freien bewahrheitet – immerhin gab es dort damals auch noch Apartheid?

Bucher: Ich war sehr interessiert, wie sind denn die Amerikaner so, deren Demokratie bei uns so verteufelt worden war. Da, wo ich war, im Norden der Rocky Mountains, habe ich ein einziges Mal einen schwarzen Studenten gesehen. Ich bin nur ein bisschen in den Süden gekommen mit Verwandten, da konnte man schon sehen, dass sie in ärmlichen Behausungen leben mussten. Als ich wegging, kam gerade Eisenhower an die Regierung, die Civil-Rights-Debatte kam auf. Wir waren als Deutsche eingesperrt. Es gab vier Besatzungszonen, die amerikanische war am ehesten zu ertragen. Ich habe die Möglichkeit mit Freude ergriffen, hier rauszukommen. Ich hoffte, ich könnte ein Visum für ein Studium der Tiermedizin bekommen. Rückblickend war es ein Wink der Vorsehung, weil ich da zu denken anfing: Ist die Laufbahn wirklich das, was der liebe Gott von dir will? Ich habe auch begriffen, wie hundsgemein wir betrogen wurden.

Wie gut war denn eigentlich Ihr Englisch und später Ihr Xhosa?

Bucher: Ich erlebte meine große Überraschung am Hafen von New York. Da verstand ich fast nichts, als mich ein irischstämmiger Polizist anredete: „Go back further.“ Erst in meinem Orientierungskurs kapierte ich, dass das Amerikanische eine ganz andere Form ist. Später in Afrika habe ich oft zu den Missionaren gesagt, wenn sie stöhnten, dass sie sich so schwer tun mit der Sprache: „Wenn du zum ersten Mal einen Traum in der neuen Sprache hast, hast du das Schlimmste überwunden.“ Aber Xhosa war schon harte Arbeit – kss (der Bischof macht einige Klicklaute vor …).

Würden Sie aus heutiger Sicht, wo man einen Kampf der Kulturen befürchten muss, immer noch sagen, dass Mission eine Aufgabe der Weltkirche ist oder muss sie eher einen Ausgleich der Religionen wie in Lessings Ringparabel leisten? Sie schreiben ironisch, dass manche Mission heute so verstünden, aus einem Buddhisten einen besseren Buddhisten zu machen?

Bucher: Was mich angetrieben hat zur Mission, war die Botschaft Christi aus dem Evangelium nach Matthäus, 28. Kapitel. Ich wollte sie Menschen, die von ihm nicht gehört hatten, näherbringen. Erstausstrahlung des Samens ist eine ständige Herausforderung für die Missionierung, die ich erlernt habe. Das hat auch bei uns in Europa lange gedauert. Du brauchst Vorbilder, Heiligengestalten. Wie oft begegnet einem in Deutschland der Hl. Martin von Thur. Der hat für viele Zeitgenossen scheinbar etwas Unsinniges gemacht. Er gab einem Bettler die Hälfte seines Mantels. Ein normaler Mensch würde sagen, der ist doch eh halbtot, der kann sich da ein bisschen wärmen, aber er hat nichts zu essen. Diese Idee war damals umwerfend, und es dauerte lang, bis sie ins Bewusstsein drang. In Südafrika hatten wir unter den armen Leuten viele heiligmäßige Menschen, die in keinem Kalender stehen. Zum Beispiel Mütter, die selbst schon 6 bis 8 Kinder hatten und dennoch Aids-Waisen ins Haus nahmen, obwohl sie selbst kaum über die Runden kamen.
Sie berufen sich auf die Enzyklika "Evangelium der Freude" von Papst Franziskus, derzufolge jeder Christ die Aufgabe zur Mission hat – können Sie das Unbehagen verstehen, wenn man an die Blut-und-Boden-Missionare der Kolonialmächte denkt?

Bucher: Manche Deutsche hören nie auf, ständig zu vergleichen. „Bei uns ist das anders ...“. Solche Leute sind lernunfähig. Die Aufgabe des Missionars ist nicht, andere zu Deutschen zu machen.

Mit welchem geistigen Rüstzeug reist ein junger Priester nach Afrika, der von seinen Schulkameraden die Schimpfwörter Zulu-Kaffer und Kongo-Express aufgeschnappt hatte? Jetzt waren Sie wirklich beim kriegerischen Volk der Zulus angekommen ...

Bucher: Als es sich ergeben hat, dass ich nach Südafrika in die Mission gehe, habe ich mich eingehend mit der Geschichte des Landes befasst. Ich kam an, habe mich bemüht, mich einzufügen. Ich war im täglichen Leben konfrontiert mit der furchtbaren Apartheidspolitik, mit getrennten Eingängen in Postämtern. Die Polizei wurde missbraucht, um diese Politik durchzusetzen. Ständig fuhren Wägen mit Arrestkästen durch die Straßen – und es gab Hunderte von möglichen Vergehen. Die Kirche hat sich klar und deutlich gegen dieses Regime ausgesprochen. In einem großen Hirtenschreiben wurde das als „inthrinsically evil“ beschrieben, ein System, dem das Böse innewohnt. Es gab auch unter Katholiken Befürworter der Apartheid, die sich in der „Catholic Defense League“ organisierten, eine relativ späte Entwicklung. Da steckten vor allem Einwanderer aus Holland und Italien dahinter, die sehr schnell das Gift der Apartheid aufgenommen hatten. Ein Teil der weißen Minderheit war überzeugt, die einzige Überlebenschance wäre es, die Schwarzen in Schach zu halten.

Wie unterscheidet sich das Bischofsamt in der Mission der Diözese Bethlehem vom Bischof von Regensburg? Bucher: Das Amt ist das gleiche, die Vorbedingungen zur Wahl sind die gleichen, aber natürlich in einem viel kleineren Maßstab. Religion leidet unter der Möglichkeit der Bürokratisierung. Franz von Assisi musste das leidvoll erfahren. Seine großartige Idee, arm zu leben, wurde schon zu Lebzeiten etwas moderiert. In der Mission sind für solche Phänomene der Organisation wenig Ansatzpunkte.

Apropos Franz und Armut: Wie sehen Sie den Konflikt zwischen Papst Franziskus und Kardinal Müller?

Bucher: Kardinal Müller ist ein hochgradig fundierter Dogmatiker, der Angst hat, dass Glaubenswahrheiten verwässert werden.

Wie war ihr erster Eindruck von Aliwal North – ein Oberpfälzer in Afrika mit seinen bedrohlichen Krankheiten, wilden Tieren und ungewohnten Sitten. Wurden auch Sie umgekehrt kulturell missioniert?

Bucher: Ich glaube, innerlich war ich vorbereitet. Ich wusste, was ich verlasse, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, was mich erwartete, die andere Umgebung, ein anderes Klima, ich wusste, was die Apartheid beabsichtigte. Die Wahl 1948 gewannen die Nationalisten mit dem Motto „Keep South Africa white“ – haltet Südafrika weiß. Wir Missionare waren auf der Seite der Schwarzen, der unterdrückten Mehrheit. Wir waren beeindruckt davon, dass diese Menschen keinen Hass kannten, obwohl sie auf so grausame Weise unterdrückt wurden. Nelson Mandela forderte lediglich für seine Mitbürger das gleiche Recht.

Wie gut vorbereitet waren Sie praktisch auf die Mission – hat Sie der Krieg furchtlos gemacht und profitierten Sie von Ihrer landwirtschaftlichen und bautechnischen Erfahrung und ihren tiermedizinischen Kenntnissen – etwa als das „Wasser brannte“?

Bucher: Sie spielen darauf an, dass unser Haus wegen eines undichten Kabels unter Strom stand und die Kinder, die Wasser vom Behälter am Dach stiebitzen wollten, sahen, wie es rot wurde – Sie haben dann geschrien, „das Wasser brennt“. Ich habe die undichte Stelle gefunden und repariert. Je mehr einer von Haus aus weiß, wie man einen Nagel in die Wand schlägt, desto besser weiß man sich zu helfen. Mein Papa war ein großer Bastler. Auch auf der Fuchsfarm meines Onkels habe ich aus Leibeskräften mitgearbeitet. Ich kann das Praktische und das Geistige gut vereinen. Was war Ihr Ziel?

Bucher: Das Evangelium denen bringen, die es noch nicht kannten. Die holländisch reformierte Kirche hat aus der Bibel herausklamüsiert, dass Gott den Schwarzen angeblich vorherbestimmte, ihr Leben als Diener der Weißen zu fristen – Sie kennen die Geschichte aus dem Alten Testament? In Teilen der afrikanischen Communitys wird immer noch der „Ham-Mythos“ diskutiert. Im Alten Testament verflucht Noah seinen Sohn Ham wegen einer Respektlosigkeit. Von nun an sollen er und seine Nachkommen seinen Brüdern dienen. Hams Sohn Kanaan wurde später als Vorfahre der Schwarzen interpretiert. Das gilt den Rassisten als Beleg der gottgewollten Ungleichheit.

Wie schwierig war das Verhältnis zum Apartheid-Regime?

Bucher: Vertreter der katholischen Kirche waren von Haus aus nicht gern gesehene Einwanderer – im Gegensatz zu dringend benötigten Handwerkern. Es war Ehrensache des einzelnen Missionars, wo er seinen Schwerpunkt legt. Wir wurden als Kaffer-Predikanten beschimpft. Wenn sich ein Mensch in eine Politik begibt, die falsch ist, wird es immer schlimmer. Das Parlament war verdammt, ständig neue Löcher zu stopfen, weil die Weißen immer überzeugt waren, "die Schwarzen sind uns feindlich gesinnt". Es war ein Weg in die absolute Unterdrückung, das Regime war bis auf Zähne bewaffnet.

Wie müssen wir uns den Alltag, den Sie dort erlebten, vorstellen?

Bucher: Noch das kleinste Städtchen hatte seinen weißen Kern und eine sogenannte Location für die Schwarzen – später gab es einen anderen Ausdruck dafür. Dort gab es keine Geschäfte, sie mussten weit laufen, um ihr weniges Geld an Weiße auszugeben. Bei ihnen wurde nichts investiert, der Regen wusch alles aus. Die Leute, die dort wohnen durften, mussten einen Arbeitsnachweis erbringen. Wer das nicht konnte, wurde in sogenannte Homelands verfrachtet, Überbleibsel der Landnahme, wo wenig zu holen war. 1913 wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Verkauf von „weißem Land“ an Schwarze verbot. Umgekehrt sollten Schwarze an Weiße verkaufen – so wurde selbst das Weideland für die Ziegen immer knapper. Minen – Diamanten und Gold – waren noch bis lange nach dem Weltkrieg Haupteinnahmequelle. Die schwarzen Arbeiter durften keine Frauen in die Siedlungen mitbringen. Sie wurden gut gefüttert, aber äußerst schlecht dafür bezahlt, dass sie sich in sehr gefährliche Situationen begaben.

Waren Sie selbst oder andere Kirchenvertreter staatlicher Willkür ausgeliefert?

Bucher: Priester wurden eingesperrt, der Generalsekretär wurde wiederholt eingesperrt und gefoltert. Zehntausende Jugendliche und Kinder waren interniert. 1984 war die Jugend nicht mehr gewillt, das zu ertragen.

Wie kam es zum öffentlichen Disput mit Franz Josef Strauß?

Bucher: Ich war 1987 auf Heimatbesuch in der Oberpfalz. Der damalige Leiter des Referats Weltkirche im Bischöflichen Ordinariat hat organisiert, dass ich einige Vorträge halten konnte. Da wurde ich auch vom "Neuen Tag" interviewt. Der Redakteur wollte wissen, was ich als aktiver Missionar davon hielt, dass Franz Josef Strauß Präsident Botha gratuliert hat. Darauf entspann sich ein offener Briefwechsel, bei dem ich erklärte, warum ich es als unsinnig empfand, in einer Situation zu gratulieren, die einer Gratulation nicht würdig war. Dass Botha die Wahl nicht verlieren würde, war systemimmanent, aber er hatte trotzdem Einbußen. Zu diesem Zeitpunkt, 1987, hat Strauß deutlich gezeigt, wo er politisch stand.

Sie hatten anders als Strauß die Auffassung vertreten, dass die schwarze Bevölkerungsmehrheit demokratisch beteiligt werden kann, ohne dass es zum Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Systems kommen würde. Wie beurteilen Sie Südafrika heute? Bucher: Man kann nicht zufrieden sein mit der rasanten Korruption, aber wir haben eine Verfassung, die ist so gut, dass man nicht befürchten muss, dass ein Militärcoup stattfindet. Es ist noch eine junge Demokratie, getragen von einer Gesellschaft, die zum Großteil nie eine Demokratie erlebt hatte. Ich spreche da gerne von der Resilienz dieses Volkes, das sie so oft unter Beweis gestellt hat. Der jetzige Präsident kann leider nicht durch ein Misstrauensvotum vom Amt entfernt werden, aber spätestens 2019 ist das vorbei – und er hat einen guten guten Vize.

Wie erleben Sie als ein Kirchenmann, der einen armen Kontinent erfahren hat, die heutige Flüchtlingskrise? Bucher: Abschotten wird auf lange Sicht nicht möglich sein. Und hier in Europa haben wir eine zu kleine Kinderzahl, um allein die Wirtschaft in Gang halten zu können. Wir haben von außen auf das Land schauend Frau Merkel für ihre Haltung bewundert, haben aber auch gespürt: Sie hat zu schnell das Wort gesprochen, „wir schaffen das“! Aus Ihrer Erfahrung in der DDR hat sie Grundsätzliches ausgesagt – gerade wir Deutschen, die Millionen Heimatvertriebene aus dem Osten in einer wirtschaftlich verheerenden Situation nach dem Krieg aufnahmen, können das. Aber ein Volk hat auch ein Recht, seine eigene Identität aufrechtzuerhalten – wobei diese sowieso immer im Fluss ist. Wir haben als Deutsche Perioden erlebt, wo das Französische, das Spanische Einfluss hatte.

Ist die Angst vorm Islam begründet?

Bucher: Es könnte sich herausstellen, dass es für den Islam ein Glück ist, dass er in großer Zahl in Europa Fuß gefasst hat. Durchaus denkbar ist, dass sich der Prozess, der sich in der Kirche abspielte, auch im Islam wiederholt. Wir haben gelernt, die Texte, auf die wir uns berufen, auf Herz und Nieren zu prüfen, auf ihre geschichtlichen Zusammenhänge. Das erlaubt der Koran bislang nicht. Alles sei von Allah direkt gesagt worden. Es gibt keine allgemein gültige textkritische Methode, obwohl natürlich vor allem die Azhar-Moschee in Kairo mit ihrer Schule solche Interpretationen leistet.

Wurden Sie afrikanisch missioniert? Bucher: Jeder Missionar, der mit Leib und Seele wirkte, wird mitgeprägt von der anderen Kultur, in der er lebte. Wir sprechen von der königlich-bayerischen Ruh, so fern‘s die heute noch gibt. Wenn man in so einer Kultur lebt, bringt man Ruhe und Gelassenheit in eine schnelllebige Zeit. Man braucht viel Geduld, und erlebt, wie andere Leute eine andere Lebensauffassung haben, die sich stark abhebt. Auch das ist eine alte Kultur, anders als bei uns, wo alles getrieben wird von weiter, schneller, besser. Obwohl sich heute jeder einen Urlaub leisten kann, kommen die Leute nicht zur Ruhe. Bei Exerzitien haben mir Franzosen gesagt, ihr in Deutschland kommt mir arbeitsverrückt vor.

Würden Sie gerne wieder zurückgehen?

Bucher: Im April werde ich zurückfahren. Ich bin seit acht Jahre emeritiert und nur gekommen, weil mich meine Schwester bekniet hat. Sie hat ihren Mann verloren vor zwei Jahren, sagte, sie muss jetzt allein in dem großen Haus leben. Also bin ich halt in Gottsnamen gekommen.

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Hubert Bucher: Ein Leben für die Mission - Meine Erlebnisse in Afrika, Briefe, Tagebücher & Biografien, 368 Seiten, Pustet-Verlag 2017, ISBN/EAN: 9783791729244

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