21.02.2018 - 15:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bürgerkrieg in Syrien Hilferuf der Jesuiten aus Damaskus

Nürnberg/Vatikanstadt/Damaskus. (KNA) Der Nuntius in Syrien, Kardinal Mario Zenari, hat wegen heftiger Kämpfe in der Region um die syrische Hauptstadt Damaskus Alarm geschlagen. Besonders die christlichen Viertel von Damaskus seien von den Zusammenstößen betroffen, sagte Zenari dem vatikanischen Nachrichtenportal "Vatican News" am Mittwoch. Die Hauptstadt erleide ein "Wiederaufleben des Krieges".

Ein Mitarbeiter der Organisation Syrischer Roter Halbmond geht durch ein Viertel der Stadt im syrischen Rebellengebiet Ost-Ghuta nahe Damaskus, das von Angriffen der syrischen Luftwaffe getroffen wurde. Foto: Samer Bouidani/dpa
von Agentur KNAProfil

Durch die schweren Bombardements der syrischen Regierungstruppen in und um Damaskus hat sich die Lage der Zivilbevölkerung erneut dramatisch verschlechtert, berichtetet die katholische Hilfsorganisation Misereor am Mittwoch. Ihr Partner "Internationaler Flüchtlingsdienst der Jesuiten" (JRS) musste seine Arbeit in Damaskus zwischenzeitlich immer wieder einstellen. "Es ist die schlimmste Phase der Gewalt seit Beginn der Kämpfe 2011. Männer, Frauen und Kinder stehen massiv unter Schock, weil sie erneut Opfer und Zeugen blutiger Angriffe auf Zivilisten geworden sind", berichtet Pater Nawras Sammour von JRS am Mittwoch. Die Arbeit des JRS wird seit Jahren von der Jesuitenmission in Nürnberg unterstützt.

Die Stadtviertel Dscharamana, Dweela und Bab Tuma, die an die massiv umkämpfte Region Ost-Ghouta angrenzen und in denen die Jesuiten sind, stehen unter Beschuss durch Mörsergranaten. Angesichts der akuten Lebensgefahr musste JRS seine Hilfs-Aktivitäten dort zwischenzeitlich komplett einstellen. "Es ist schrecklich, kommt uns doch angesichts des unermesslichen physischen und psychischen Leidens der Bevölkerung, das seit 2011 kein Ende nimmt und von dem Damaskus erneut betroffen ist, eine besondere Verantwortung zu", berichtet Pater Nawras, JRS-Regionaldirektor.

Wegen des fast täglichen Abfeuerns von Raketen und Mörsern müssten viele christliche Schulen in Damaskus geschlossen bleiben. Zwar sei die ganze Stadt von diesen Bombardements betroffen, doch konzentrierten sie sich stark auf die Altstadt, wo sich die christlichen Viertel befinden. Der Beschuss der Altstadt sei eine Reaktion der Rebellen auf das Vorgehen der Regierungstruppen im Gebiet von Ghouta, sagte Zenari.

Krankenwagen unter Beschuss

"Die Massivität der Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Damaskus kommen für uns, unsere Partner und die Menschen selbst völlig unerwartet. Krankenwagen und Rettungskräfte geraten unter Beschuss, Schulen, Gesundheitseinrichtungen sowie die Strom- und Wasserversorgung sind erheblich betroffen. Die kurzzeitige 'Normalisierung' des Alltags der letzten Monate ist wieder vollkommen zerstört. Für die Menschen in Damaskus stellt sich nun wieder täglich die Überlebensfrage", so Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Der psychische und physische Druck sei enorm, denn die Menschen hätten nach andauernder Gewalt und Unsicherheit keinerlei Kraftreserven mehr. Mit eigenen Augen hat er dies zuletzt im Jahr 2017 in verschiedenen Städten Syriens sehen und erleben können.

"In diesem Augenblick wissen wir nicht, wo und wann die nächste Bombe fallen wird, ob und wann die Feindseligkeiten eingestellt werden", sagte Pater Nawras, "doch wir bleiben". JRS bietet in seinen Zentren, die zwischen den Vierteln von Christen, Sunniten, Schiiten und Alawiten liegen, Bildung- und Sozialdienste, Basisgesundheit und psychosoziale Betreuung an. Sofern möglich, setzt die Organisation ihre Arbeit auch in den kommenden Wochen fort und passt sie der aktuellen Lage an, indem sie beispielsweise die Akutversorgung Verletzter sichert.

Hauptstadt zieht Binnenflüchtlinge an

Zehntausende Binnenflüchtlinge waren zuletzt in die syrische Hauptstadt Damaskus gekommen, wo sich die Versorgungslage zunächst zu verbessern schien. "Die versperrten Grenzen zu den Nachbarländern Syriens zwingen die Menschen erneut dazu, illegale Fluchtwege zu suchen, auf denen sie sich in permanenter Lebensgefahr befinden. Im siebten Jahr des Syrienkonflikts werden die Lebensbedingungen noch schwieriger, als sie ohnehin schon sind", sagte Bröckelmann-Simon.

"Angesichts der erneuten Eskalationen im Kriegsgebiet muss die internationale Gemeinschaft unverzüglich ihre Anstrengungen verstärken, die Kriegsparteien zur Einstellung aller Kampfhandlungen zu bringen. Die Bemühungen auf UN-Ebene reichen bei weitem nicht aus". Zudem sei jede Diskussion zur Rückführung syrischer Flüchtlinge inhuman und fehl am Platz

Ghouta hatte in dieser Woche eine der blutigsten Angriffswellen seit Beginn des Kriegs erlebt. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben innerhalb von 48 Stunden mindestens 250 Menschen. Mehr als 200 seien verletzt worden, viele davon schwer.

Wegen der Eskalation der Kämpfe in Syrien wächst auch international die Besorgnis. UN-Generalsekretär Antonio Guterres zeigte sich "zutiefst beunruhigt" über die Lage im Rebellengebiet. Die Vereinten Nationen hätten wiederholt ein Ende der Kämpfe gefordert, um die Lieferung humanitärer Hilfsgüter zu ermöglichen sowie Kranke und Verwundete aus der Region schaffen zu können. Der Generalsekretär drängte darauf, die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur zu schützen.

Auch das US-Außenministerium zeigte sich über die jüngsten Berichte aus Ghouta beunruhigt. Die "Belagern-und-Aushungern"-Taktik der syrischen Regierung verschlimmere das humanitäre Desaster vor Ort, sagte Sprecherin Heather Nauert am Dienstag (Ortszeit) in Washington.

Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf unter Beschuss

Der Dauerbeschuss Ghoutas gefährdet auch die Helfer der örtlichen SOS-Kinderdörfer. Mitarbeiter seien unter Beschuss geraten, teilte die Hilfsorganisation am Mittwoch mit. Mehr als 200 Menschen seien bei den jüngsten Angriffen ums Leben gekommen, darunter viele Kinder.

Der Bürgerkrieg in Syrien hatte im März 2011 mit Protesten gegen die autoritäre Regierung von Machthaber Baschar al-Assad begonnen. Der Osten der Region Ghouta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Dominiert werden sie von islamistischen Milizen.

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