26.04.2019 - 08:40 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

20 Jahre mit dem Wolf

Der Wolf ist zurück in der Oberpfalz, aber er ist immer noch selten. So ähnlich war das auch in der Oberlausitz vor ein oder zwei Jahrzehnten. Ein Blick nach Sachsen könnte also auch ein Blick in die Zukunft sein.

Ein Wolf
von Agentur DPAProfil

Dichte Wälder, weite Felder und mittendrin Dörfer. Die Landschaft nördlich von Görlitz strahlt wie die Oberpfalz Ruhe aus. Doch seit die Oberlausitz eines der am stärksten von Wölfen besiedelten Gebiete Europas ist, ist die Ruhe gestört. Seit 20 Jahren haben sich die Wölfe mancherorts rasant vermehrt - von Ost nach West. Ihr Revier sind nicht mehr nur verlassene Gegenden. "Da, wo sie sind, machen sie Ärger", sagt Hans-Dietmar Dohrmann. "Jede Nacht hören wir Wölfe heulen, am alten Flugplatz sogar aus drei Richtungen", sagt der 68-Jährige. Und es werde immer stärker. "Im Oktober 2018 guckte ein Mann in der Dunkelheit aus dem Fenster, da standen auf seinem Hof zehn, elf Wölfe unter dem Schlafzimmerfenster." Die Tiere zögen im Rudel durch Orte. "Sie reißen nicht aus, gucken dich an, aber bleiben auf Distanz."

Vielen Einwohnern mache das Angst. Die Bevölkerung habe aber auch gelernt, damit umzugehen, sagt Dohrmann. "Wir sind einfach wachsamer als früher", erklärt eine Frau in Lodenau, einem Ortsteil von Rothenburg. "Wir haben uns an den Wolf gewöhnt." Ganz verschwinden soll er auch gar nicht. "Es sind zu viele Tiere geworden, und hier ist der Tisch jeden Tag gedeckt", sagt Dohrmann.

Folgen für die Wirtschaft

Folgen hat die Existenz des Wolfs auch für Wirtschaft und Wild. "Der Generationsaufbau bei einigen Wildarten ist gestört", beschreibt Jäger Dohrmann die Lage. Der Wolf habe das Muffelwild in der Region um Rothenburg ausgerottet. Hohe Schutzzäune mit Stacheldraht oder Gummigeschosse zur Vertreibung schreckten Wölfe nicht ab. "Wir erleben den Wolf täglich", sagt Hühnerzüchter Günter Prötzig aus Lodenau. In seinem Betrieb direkt an der Neiße-Aue leben 22 000 Legehennen draußen im Freien und müssen nachts in den Stall. Seit ein Angestellter in der Dämmerung einem Wolf gegenüberstand, weigern sich Kollegen, im Dunkeln zur Arbeit zu kommen und die Hühner in den Stall zu bringen.

Die Oberlausitz hat heute die größte Wolfsdichte Europas, der Bestand mit mehreren Rudeln auf vier Quadratkilometern ist dichter als es Experten für möglich hielten. Doch allen Erlebnissen zum Trotz: Dass es zu einem Wolfsangriff auf Menschen kommen könnte, halten Experten für sehr unwahrscheinlich. "Wenn wir in die Länder schauen, wo der Wolf schon immer war, können wir beruhigt sein", sagt Experte und Buchautor Frank Faß. "Übergriffe von Wölfen auf Menschen waren dort bisher extrem selten." Einer norwegischen Studie zufolge wurden in ganz Europa zwischen 1950 und 2000 neun Menschen getötet. Fünf der Wölfe seien tollwütig gewesen. Auch die Buchautorin und Fachjournalistin Elli H. Radinger warnt vor Panikmache. Wolfseltern brächten ihrem Nachwuchs bei, was sichere Nahrung sei. "Wir bewegen uns anders als ihre "normale" Beute.

Kein Totalabschuss

Solche Hinweise aus dem "sicheren Hinterland" beruhigen die Menschen in der Oberlausitz wenig: "Über den Wolf wird dort entschieden, wo er gar nicht oder nicht so verbreitet ist, dabei betrifft es unser Leben!" Die Menschen verlören die Geduld angesichts der Ignoranz gegenüber ihrer Situation und der Uneinigkeit im Bund, sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU). "Dabei geht es nicht um Totalabschuss, sondern um eine Regulierung."

Ab Ende Mai gilt in Sachsen eine neue Wolfsverordnung. "Wir sind dort auch an die Grenzen des Möglichen gegangen", sagt Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU). Künftig dürfen Wölfe verjagt werden, wenn sie sich einem Wohngebäude oder Menschen auf unter 100 Meter nähern. Wenn sie Schutzmaßnahmen für Nutztiere innerhalb von zwei Wochen zwei Mal überwinden oder Menschen auf weniger als 30 Metern nahekommen und eine Vergrämung erfolglos ist, dürfen die Tiere sogar abgeschossen werden.

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