16.05.2018 - 15:50 Uhr
Oberpfalz

Israelischer Historiker Tom Segev liest in Weiden aus seiner Biografie über David Ben Gurion Auch nach 70 Jahren kein Frieden möglich

Die Teilungspläne für das historische Palästina, die zwei Nationalstaaten einen für die Israelis, den anderen für die Palästinenser vorsehen, führt nicht zum Frieden. Der israelische Historiker Tom Segev hat 70 Jahre nach dem denkwürdigen 14. Mai 1948 eine neue Biografie des Staatsgründers und ersten Ministerpräsidenten des jüdischen Staates vorgelegt. Am Dienstag präsentierte er das umfangreiche Werk in Weiden in der Buchhandlung Rupprecht.

Tom Segev stellt sein neues Buch in Weiden vor. Bild: Lukas Meiser
von Rudolf BarroisProfil

Noch in der Nacht nach der Unabhängigkeitserklärung griffen die Truppen von sechs arabischen Nachbarn und ein Freiwilligenverband der Arabischen Liga den neugeborenen Staat Israel an, dem es gelingt, die unkoordinierten arabischen Verbände zu schlagen und West-Jerusalem und weitere große Gebiete zu erobern. Die Israelis sprechen von einem Unabhängigkeitskrieg, die 700 000 Araber, die aus ihrem bisherigen Territorium vertrieben wurden, nennen es "Nakba" (Katastrophe). Auch in den Tagen des Jubiläums bricht sich der blutige Protest Bahn.

Als Kind Zionist

In seinem Buch räumt Segev auf mit der Vorstellung, dass das Palästina-Problem lösbar sei. Er weist darauf hin, dass Ben Gurion ein starkes Israel mit einer klaren jüdischen Mehrheit als unabdingbar betrachtete, der Konflikt letztlich allenfalls verwaltet, gemanagt werden könnte. Es ist Gurion ohne Zweifel gelungen, aus den unsicheren und gefährlichen Anfängen einem beachtlichen Gemeinwesen den Weg zu bereiten, das als einzige Demokratie in der Region bis heute seinen Platz behauptet. Das wird Gurion als historische Leistung gut geschrieben.

Der Autor erzählt erstaunliche Geschichten von dem Mann, der schon als Kind ein konsequenter Zionist gewesen sein will. Auf jeden Fall animierte er Gleichaltrige, die zum Teil nicht einmal zehn Jahre alt waren, zum Erlernen der hebräischen Sprache. Später machte er es zu seinem Credo, die 3000-jährige Diaspora seines Volkes zu beenden und mit einer Staatsgründung auf der Basis einer sicheren Mehrheit zu überwinden. Dabei kam es ihm auch auf scheinbar unbedeutende Schritte an, die später nach der Gründung des Staates, wichtig wurden. Gurion bestand darauf, arabische Farmarbeiter durch jüdische auszuwechseln.

Ganz und gar nicht konfliktfrei waren seine Äußerungen zum Holocaust. Segev bestätigt, dass Gurion die Ermordung der Juden während der NS-Zeit vor allem als gegen den Staat Israel gerichtet beurteilte noch bevor es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.

Hintergrund war der Plan, mit diesen europäischen Juden einen Staat Israel zu gründen. Nach der Ermordung dieser Menschen entdeckte man die Juden in der arabischen Welt, mit denen man die erforderliche Mehrheit schuf. .Im übrigen stellte Gurion die Frage, warum die Holocaust-Opfer sich nicht gewehrt haben. Der Satz ist verbürgt: "Uns wäre das nicht passiert." Das Verhältnis zu den Holocaust-Juden blieb zwiespältig. Man fragte sie, warum in Europa geblieben waren und nicht rechtzeitig nach Israel ausgewandert seien.

Der Staatschef war - so sagt Segev - ein starker Mann, konsequent als Arbeiterführer, als Premier auch. Meist erreichte er bei Wahlen aber nicht mehr als ein Drittel der Stimmen, wenn auch seine Landsleute letztlich keine Alternative zu seiner Person und Leistung sahen.

Aufmerksamer Beobachter

Ausführlich hat sich Segev mit den Tagebüchern des Politikers beschäftigt, die neben unzähligen kleinen Geschichten auch weiche und romantische Seiten zeigen. So hatte er ein ausgesprochen beachtliches schriftstellerisches Talent. Er war ein aufmerksamer Beobachter.

Ben Gurion wäre, so meint der Historiker, stolz, wenn er das heutige Israel sehen könnte. Das Land hat sich - obwohl von Gegnern umgeben und auch von Krisen geschüttelt, als Demokratie bewährt. An Frieden mögen die Menschen wie vor 70 Jahren auch heute nicht glauben. Die Siedlungspolitik im Westjordanland, der internationale Konflikt im Zusammenhang mit Syrien und nicht zuletzt auch Korruption trüben das Jubiläum.

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