26.04.2020 - 17:04 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

"Es ist vorbei, der Krieg ist zu Ende"

Offizielle Unterlagen zum Kriegsende gibt es in Altenstadt nicht, doch die verstorbene Anni Blecha und Maria Greiner hatten eigene Aufzeichnungen gemacht.

Anni Blecha erzählt in der Altenstädter Schule die spannende Geschichte vom Kriegesende im Ort.
von Rainer ChristophProfil

Nur zwei Bomben schlugen neben dem Gemeindewald im Flurstück "Zeilacker" ein, viele Jahre waren die Trichter zu erkennen. Dank der verstorbenen Altenstädterinnen Anni Blecha, geborene Füssl, und Maria Greiner, Mutter des Altbürgermeisters Manfred Greiner, gibt es jedoch Aufzeichnungen von zwei Zeitzeuginnen.

Recht intensiv erlebte Anni Blecha die Kriegszeit von 1939 bis 1945. Sie war die älteste Tochter des damaligen Bürgermeisters und Gastwirts Georg Füssl. Erst 65 Jahre später hat sie ihre Erlebnisse handschriftlich in chronologischer Reihenfolge aus der Sicht einer damals rund 13 Jahre alten Bürgermeisterstochter aufgeschrieben. Hautnah erlebte sie, wie ihr Vater die Befehle und Anordnungen der NS-Regierung ausführen musste und oft nicht glücklich dabei war.

Anni Blecha erzählt

Von der Schule in Altenstadt bekam Anni Blecha vor etlichen Jahren die Einladung, über diese Ereignisse zu sprechen. Atemlos lauschten die Schüler ihrem Bericht. Die ersten Flüchtlinge, eine große Bauernfamilie vom Niederrhein, wurde bei ihren Eltern und der Familie Hausner (Hausname Winterbartl) einquartiert. Wegen drohender Fliegerangriffe war die Familie ausquartiert worden. Ende 1944 kamen bereits die ersten Flüchtlingstrecks aus Pommern an. Wieder war ihr Vater gefragt, um Unterkünfte im Ort zu besorgen. Der Volksempfänger meldete die ersten Fliegerangriffe, diese kamen immer näher. Dresden versank in Schutt und Asche, ein paar Tage später klopfte ein Ehepaar an die Wirtshaustür. Die Frau, eine französische Journalistin und ihr Ehemann, ein Jude, was sie erst später erfuhren. Total am Ende, baten beide flehentlich aufgenommen zu werden, sie blieben bis zum Kriegsende in Altenstadt. Dankbar kehrten sie einige Jahre später nochmals an ihren Fluchtort zurück.

Schule im Wirtshaus

Im April 1945 zog die Altenstädter Schule in die Wirtsstube des Vaters um. Das Schulhaus in der Hauptstraße (jetzige Sparkasse) wurde zur Frontleitstelle und zur Sanitätsstelle umfunktioniert. Vormittags wurden die 1.bis 4. Klassen vom Fräulein Kreuzer unterrichtet, nachmittags von Oberlehrer Mühlbauer die restlichen Schüler. Ihr Schulentlasszeugnis erhielt Anni Blecha im Wirtshaus überreicht. Immer wieder ertönte nun Fliegeralarm und alles lief verstört in die Keller, einmal passierte dies an einem Schulvormittag, weinend und schreiend rannten die Kinder in den Füsslkeller.

Bürgermeister Füssl musste einen Volkssturm aufstellen. Junge und Alte - von 16 bis 60 Jahre - wurden verpflichtet. Tiefe Niedergeschlagenheit ergriff die Menschen, ungenügend bewaffnet und kaum ausgebildetet sollten sie dem Feind trotzen. Am 15. April 1945 kam der Befehl der Waffen SS, die Neustädter Brücke zu sprengen. Füssl wollte sich widersetzen, doch der SS-ler brüllte, er soll sich raushalten, sonst werde er sofort erschossen. Darauf rannten allen in die Keller. Ein Knall folgte und die Brücke sackte in sich zusammen. "Jetzt ist der Krieg auch in Altenstadt", flüsterte sich die Leute zu.

Samstag, 20. April, des Führers Geburtstag, ging in Altenstadt das Gerücht herum, die Amis ständen bereits in Erbendorf. Bürgermeister Füssl stand am Dachboden des Beutler Hauses und blickte angespannt in Richtung Süßenloher Weiher. Als der erste Panzer anrollte, radelte er heim. Kurz darauf reckten sich die Panzerrohre drohend an der ehemaligen Gasolin Tankstelle, Ecke Parksteiner Straße/Hauptstraße auf den Ort. Ein Parlametär mit weißer Fahne in der Hand rief: "Bürgermeister Füssl, kommen sie und übergeben sie den Ort!" Woher er nur den Namen des Vaters wusste? Langsam und mit schweren Schritten verließ Georg Füssl das Haus, und Anni schlich hinter ihrem Vater her. "Moidl geh hoam!", sagte der Vater.

Versteck im Backofen

Doch sie ging weiter und versteckte sich im alten Backofen an der Straße. Dort hörte sie jedes Wort. Ein Soldat forderte die kampflose Übergabe des Ortes, der Vater reagierte mit einem kräftigen Ja. "Wenn nur ein Schuss fällt, dann Dorf kaputt!", warnte der Soldat. Den Hinweis, dass in der Sandgrube, wo heute die Jet-Tankstelle ist, SS-ler lägen, ignorierte er.

Die ersten Worte des Vaters nach der Rückkehr waren: "Es ist vorbei, der Krieg ist für uns zu Ende." Überall hingen weiße Betttücher aus den Häusern, ab 18 Uhr mussten die Straßen leer sein. Eine unheimliche Stille lag über dem Ort, nur das Brummen der Panzermotoren war zu hören. In Richtung Neustadt fahrend kehrten sie um, da die Brücke fehlte.

Alles durchsucht

Plötzlich gab es ein Geschrei vor dem Wirtshaus. Ein farbiger Soldat sprang vom Panzer und fuchtelte drohend mit seinem Gewehr herum. Neben der Wirtshaustüre hing ein Blechschild der Tucherbrauerei mit einem damals typischen "Negerkopf", das den Soldaten erregt hatte. Nun ging der Einmarsch rasch vonstatten. Jedes Haus wurde mit gezückter Pistole untersucht. Viele mussten ihre Häuser verlassen, unter anderem auch die Lehrerin aus dem Schulhaus. Immer wieder kam der Befehl: "In einer Stunde muss das Haus geräumt sein!" Umzüge in Ställe, Scheunen oder zu Nachbarn waren die Folgen, es gab genaue Angaben über die Ausgehzeiten.

Nur tagsüber raus

In den ersten Nachkriegstagen durften sich die Bewohner nur zwischen 7 Uhr früh und 19 Uhr abends im Freien aufhalten. Als Lichtquelle diente am Abend eine Karbidlampe, Strom gab es nicht. Am Abend musste die Familie Füssl mit all den Einquartierten ihr Haus verlassen, 25 Personen übernachteten bei der Nachbarfamilie Hausner. Es wurde eine lange Nacht, als sie am 21. April zurückkamen, war das Innere des Hauses verwüstet. Dann zogen die Amerikaner ab.

Bald bekam das Wirtshaus das Emblem "Off Limits" und an den Abenden saßen ehemalige Soldaten oder zurückgekehrte Gefangene am Biertisch, um von ihren Erlebnissen zu berichten. Ein ehemaliger Soldat aus Augsburg schaute nach Kriegsende im Wirtshaus vorbei und berichtete, dass keiner von seiner Kompanie mehr lebte.

In die Kraus Villa, dem Wohnhaus des Bleikristallfabrikanten zog die Militärregierung ein und überwachte das Leben in der Kommune. Wie alle Bürgermeister wurde Georg Füssl abgesetzt, aber nicht verhaftet. Die Militärregierung bescheinigte ihm jedoch Mut, sich in der Hitlerzeit der Anweisung die Kreuze im Schulhaus abzunehmen, widersetzt hatte. Auch die Französin im Haus dürfte ein gutes Wort eingelegt haben.

Natürlich hatten alle zunächst große Angst vor den Besatzungstruppen, wenn auch manche beruhigten und meinten, es gäbe "gute und schlechte Amerikaner". Negative Erfahrungen hatte man in Altenstadt nicht mit ihnen gemacht. Besonders den Kindern gegenüber waren sie freundlich. Gegen zehn Eier gab es eine ganze Schürze voll Schokolade. Flugblätter und Plakate wurden zur Information aufgehängt oder verteilt.

Über 150 Gefallene wurden in der kleine Gemeinde Altenstadt beklagt.
In die Kraus Villa, dem Wohnhaus des Bleikristallfabrikanten - später war hier das Rathaus untergebracht, zog die Militärregierung ein.
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