11.09.2018 - 08:26 Uhr
AmbergOberpfalz

600 Kilo Leichtigkeit des Seins

Kunst im öffentlichen Raum hat oft das Zeug zu Zankapfel-Diskussionen. Jean-Marc Gaillards "Gummiboot" macht es allerdings selbst hartgesottenen Banausen schwer, so richtig vom Leder zu ziehen.

Lieferung frei Ecke Schiffgasse/Zeughausstraße vor dem Landratsamt: Am Donnerstag vergangener Woche platzieren (von links) Luftkünstler Wilhelm Koch, Kulturamtsleiter Reiner Volkert und der Schweizer Bildhauer Jean-Marc Gaillard dessen Werk „Gummiboot“. Schon da stößt die Skulptur auf das Interesse neugieriger Passanten.

(zm) Dafür kommt dieses Werk auf viel zu leisen Sohlen der Kunst daher. Noch dazu an diesem Ort, in dieser Stadt, die sich das Prädikat Luftkunstort gegeben hat und die Einzigartigkeit des hiesigen Luftmuseums genießt. Eine realistische, fast schon naturalistische Nachbildung eines ganz banalen Schlauchbootes. Das erkennt jeder. Der Bruch kommt mit dem Material, aus dem das Boot ist: Stahl, rostender Cortenstahl - nicht Gummi.

Damit wird aus einem gewöhnlichen Gebrauchsgegenstand ein ästhetisches Objekt, ein Kunstwerk. Das Schlauchboot ist kein Schlauchboot mehr, es hat eine Metamorphose erfahren. Der ursprüngliche Nutzungscharakter als schwimmfähiges Transportmittel ist dahin. Diese 600 Kilogramm an rostigem Stahl gehen unter wie ein Senkblei. Gaillard inszeniert diese radikale Umkehr einer Sehgewohnheit in einem leisen, subtilen bildhauerischen Gestus. Er entlarvt Wahrnehmung: Ein Objekt, das aussieht wie ein Schlauchboot, entpuppt sich als untaugliches Abbild der Vorstellung von einem realen Exemplar.

Mehr als ein Trugschluss

Der Betrachter ertappt sich selbst bei diesem Vorgang, der Trugschluss genannt werden könnte. Doch dieser Begriff ist viel zu hart, zu ernst für dieses lustvolle Spiel mit den Sinnen und dem Geist. Es sollte mit der Leichtigkeit von Selbstironie beantwortet werden, dann macht es Spaß. Ein bloßer Spaß, ein Jux gar, ist das Werk deshalb nicht. Jean-Marc Gaillard hat das stählerne Schlauchboot 1994 geschaffen. Bisher lag es im Garten des Museums Tinguely in Basel vor Anker. Dort arbeitet Gaillard, der einst Schüler und Mitarbeiter von Jean Tinguely (1925-1991) war und heute als Restaurator von dessen Werken weltweit unterwegs ist.

Restaurator trifft es nicht ganz. Gaillard ist der Maschinist von Tinguelys Schaffen, er hält es am Leben. Der schweizerische Bildhauer-Großmeister baute skurril anmutende Maschinen, um die Welt zu erklären. Gaillard hegt und pflegt sie und wenn er sie anwirft, "schaue und höre ich mir an, wie es den Maschinen heute so geht", sagte er einmal in einen TV-Porträt.

Der richtige Ort

Seit 1994 hat das "Gummiboot" seinen Erbauer stets begleitet. "Überall, wo ich hin bin, habe ich es mitgenommen." Zuletzt in das Baseler Museum Tinguely, wo es der Amberger Luftkünstler Wilhelm Koch zufällig aufgestöbert hat. "Irgendwie muss es ja weitergehen", begründet Gaillard, weshalb er sich nun vom dem Werk trennt. Außerdem bescheinigt er dem neuen Standort für diese Arbeit gleich neben der Vils mitten im Altstadt-Ambiente 1 A-Qualitäten. "Das passt supercool hierher." Und noch ein Kompliment hat der eidgenössische Bildhauer parat: "Bayern ist eine schöne Alternative zur Schweiz."

Die "Gummiboot"-Skulptur hat die Stadt für 20 000 Euro angekauft. Das Geld stammt aus einem Etatansatz von jährlich 100 000 Euro, der dahingehend zweckgebunden ist, dass er den selbstgewählten und einzigartigen Titel Luftkunstort sichtbar und erlebbar macht. Gaillards Arbeit ist das erste Werk, das aus diesem Budget erworben wurde.

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