09.11.2018 - 11:07 Uhr
AmbergOberpfalz

Aktion Pomoc: Das Christkind mit dem Ford Transit

Kein Navi, kein Handy, aber eine gehörige Portion Mut, Idealismus und das Bedürfnis, Kindern im Kriegsgebiet eine Weihnachtsfreude zu bereiten. 1996 spielt die Aktion Pomoc erstmals Christkind auf dem Balkan. Und seitdem Jahr für Jahr.

Vor dem ACC, damals gerade frisch eröffnet, stellen sich die Freiwilligen der Aktion Pomoc vor der Abfahrt zum Gruppenfoto auf. Links im Bild der rote Ford Transit, den ein Privatmann aus Kümmersbruck zur Verfügung gestellt hatte. Das Auto hatte es in sich.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

1993, als ein mörderischer Bürgerkrieg auf dem Balkan tobte, wollten junge Menschen aus der Region nicht länger tatenlos zusehen, sondern den dort lebenden und unter dem Blutvergießen leidenden Menschen helfen. Mitglieder der Landjugend Freudenberg gründeten die Aktion Pomoc, um Hilfsgüter ins ehemalige Jugoslawien zu bringen.

Bei einer ersten Tour brachten die jungen Oberpfälzer den vor dem Krieg geflüchteten Menschen auf dem Balkan vor allem Kleidung, Bettwäsche und Nahrungsmittel in die Notunterkünfte. "Das war der klassische Hilfstransport", erklärt Uli Iberer aus Hahnbach, der 1995 bei der Aktion Pomoc einstieg und seitdem fast jedes Jahr dabei ist, wenn die Pakete verteilt werden. Schnell spürten die Jugendlichen, dass viele der Menschen, insbesondere die Kinder, unter einer großen emotionalen Verlassenheit litten.

Und da es hierzulande Brauch ist, dass man an Weihnachten Geschenke bekommt, kam ihnen schnell die Idee, dass sie dies auch für die Kinder im Kriegsgebiet organisieren könnten - um ihnen zu zeigen, dass sie eben nicht vergessen sind. "Auch heute noch spüren die Kinder, wenn sie die Weihnachtspäckchen bekommen, mit welcher Liebe sie gepackt wurden", erzählt Uli Iberer von den unzähligen Begegnungen in Bosnien. "Diese Freude dann zu sehen, das ist schon Wahnsinn", gesteht er.

Die Päckchen-Aktion ist im Prinzip seit den Anfängen gleich geblieben. Leere Kartons stellt die Aktion Pomoc zur Verfügung, sie werden von der Firma Conrad gespendet. Was ins Paket kommt, ob Spiel- oder Schulsachen, kleine Bekleidungsstücke wie Socken oder ein Halstuch, bleibt denjenigen, die es packen, selbst überlassen. Gesetzt sind nur zwei Tafeln Schokolade ("Die gibt es zwar dort auch, aber das kann sich kaum einer leisten") sowie Zahnbürste und -creme. "Gerade im ländlichen Raum sind Zahnkrankheiten noch weit verbreitet", weiß Iberer.

Für die erste Tour sammelten die jungen Leute nur Weihnachtspäckchen in ihren Wohnorten Freudenberg, Hahnbach, Ursulapoppenricht und Rosenberg. So kamen damals 500 bis 600 Päckchen zusammen, die die Freiwilligen in zwei Kleinbussen, davon einer mit Anhänger, nach Kroatien brachten. Ein Fahrzeug hatte die Firma Milde aus Gebenbach kostenlos zur Verfügung gestellt, das andere - einen roten Ford Transit älteren Baujahres - ein Privatmann aus Kümmersbruck. "Der Transit ließ sich nicht volltanken. Wir konnten immer nur 30 Kilometer weit fahren." Mitte der 90er-Jahre sei das auf dem Balkan schon eine Herausforderung gewesen. Die Fahrtzeit hat entsprechend lange gedauert: "Das war eine 50-Stunden-Tour ohne Übernachtung." Heute bringt eine bosnische Spedition die Weihnachtsfreude auf den Balkan, der große Truck ist randvoll mit Päckchen, 4000 und 5000 Stück. Knapp zehn junge Leute fuhren 1996 zum ersten Mal los - nicht wissend, was sie erwartet. "Es war in der Woche vor Weihnachten, am Nachmittag sind wir los", weiß Iberer noch. "Ohne Navi, ohne Handy." Für den Fall, dass sich die zwei Kleinbusse auf der Strecke verlieren sollten, wurde vereinbart, dass alle immer bei einem bestimmten Telefonanschluss anrufen würden.

Uli Iberer erinnert sich auch noch an die Grenzabfertigungen. "Da standen wir in der selben Spur wie die 40-Tonner-Lkw, vor uns waren welche, hinter uns genauso." Geschafft, aber glücklich erreichten die Oberpfälzer Zagreb und luden dort ihre Fracht ab. Die örtliche Caritas übernahm das Gros der Pakete und verteilte sie an Mädchen nd Buben in ihren Waisenhäusern und Kinderheimen. Die restlichen Pakete brachte die Organisation selbst nach Bosnien und beschenkte damit Kinder bedürftiger Familien. Die Gruppe kam in entlegene Dörfer. "Was wir da gesehen haben, war schon ein Schock. Wir fühlten uns um 100 Jahre zurückversetzt." Die Spuren des Krieges, den 1995 offiziell das Dayton-Abkommen beendete, waren überall präsent. Die jungen Oberpfälzer sahen plötzlich live, was sie sonst nur über den Fernsehbildschirm verfolgt hatten. "Das war aufwühlend und hat uns wahnsinnig geprägt."

Von Anfang an legten die Akteure der Aktion Pomoc größten Wert darauf, dass ihre Hilfe grenzenlos ist, über Ethnien und Volksgruppen hinweg. Schon immer werden Mädchen und Buben aller Religionen und Volkszugehörigkeit beschenkt, erklärt Uli Iberer. „Christliche Kinder genauso wie orthodoxe und muslimische.“ Auch zu Familien der Sinti und Roma bringen die Oberpfälzer ihre Weihnachtspäckchen. Die allerersten Fahrten zwischen 1993 und 1996 führten nach Kroatien. Doch auch schon während des Krieges, den das Abkommen von Dayton 1995 offiziell beendete, und danach kamen die Päckchen auch in einige Regionen Nordbosniens, damals von bosnischen Kroaten verwaltet. Ethnische Konflikte gibt es heute noch, allerdings subtiler. „Zum Beispiel, bei wem man einkauft oder wer in der Schule welche Noten bekommt“, erzählt Uli Iberer.

Kriegsspuren sind bis heute sichtbar: eingestürzte Häuser, vermintes Gelände. Für alle, die beim ersten Päckchen-Express dabei waren, stand laut Iberer sofort fest: "Nächstes Jahr machen wir das wieder." Bei der zweiten Tour wurde dann schon übernachtet, berichtet er. "Dass wir aber 20 Jahre später immer noch fahren würden, das hätte damals keiner von uns gedacht." Und deshalb werden auch 2018 wieder Oberpfälzer auf den Weg machen, um die Geschenke zu verteilen - auf das Christkind aus Deutschland freuen sich auch heute noch viele Kinder.

Info:

Wer Päckchen für die Aktion Pomoc befüllen will, kann dafür die zur Verfügung gestellten Kartons nutzen. In jedes Päckchen sollen eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta sowie zwei Tafeln Schokolade. Die Kinder freuen sich – je nach Altersgruppe – aber auch über Schul- und Schreibsachen (Hefte, Lineale, Bleistifte), Süßigkeiten aller Art wie Kaugummi, Gummibärchen, Sport- und Spielsachen (Bauklötze, Kuscheltiere, Bälle), Hygieneartikel und Körperschmuck (Kämme, Seife, Lippenstifte) oder Socken, Mützen, Hausschuhe.

Nicht ins Paket dürfen abgegriffene, schmutzige oder unvollständige Spielsachen oder Kleidung, offene Lebensmittel (Obst oder Plätzchen), Babynahrung und Medikamente. Auf den Packlisten sind Vordrucke, die auf das in Geschenkpapier eingehüllte Paket aufgeklebt werden können. Darauf kann die Altersgruppe (Kleinkind, Schulkind oder Jugendlicher) und das Geschlecht angekreuzt werden. An verschiedenen Annahmestellen können die Päckchen abgegeben werden, letztmöglicher Termin ist Sonntag, 2. Dezember, um 12 Uhr in Amberg-Atzlricht bei Familie Graf (Maria-Schnee-Weg 6). (san)

Ein kleines Mädchen hilft in der Nähe von Zagreb (Kroatien) beim Entladen der Weihnachtspäckchen. Die Freude der Kinder über die Geschenke ist auch heute noch ungebrochen groß.

Die im Essensraum deponierten Pakete warten darauf, geöffnet zu werden. Für die neun Helfer gibt es ein Dankeschön-Abendessen, danach fahren sie nach Deutschland zurück.

Uli Iberer mit ein paar der Kartons, die die Menschen in der Region abholen und befüllen können.1996, als die Weihnachtspäckchen-Aktion startete, brachte die Aktion Pomoc zwischen 500 und 600 Geschenkpakete auf den Balkan, inzwischen sind es 4000 bis 5000 pro Jahr.

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