19.11.2018 - 15:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Alles ganz normal

Nicht immer werden Menschen mit Behinderungen wahrgenommen. Auch, weil eben diese Einschränkungen auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Beim Kennenlernfest von Wundernetz 2 spielen Ungleichheiten keine Rolle.

Bernd Gerlang von der OTH, Bettina Hahn vom Evangelischen Bildungswerk Oberpfalz, Sabine Reithmaier von der Katholischen Erwachsenenbildung, Projektleitung Hildegard Legat (hintere Reihe von links) und Projekt-Mitarbeiterin Monika Ehrenreich, Evi Donhauser von der VHS Amberg, Julia Wolfsteiner und Tanja Kellner von der VHS Amberg-Sulzbach, Christian Irlbacher von der Katholischen Erwachsenenbildung, sowie Franziska Rupprecht von der VHS Amberg (vordere Reihe von links) haben keine Mühen gescheut, einen gemeinsamen Tag des Kennenlernens für viele unvergesslich zu machen.
von Dagmar WilliamsonProfil

Strahlende Gesichter ziehen von einem Raum in den nächsten: hier ein Schnupper-Englisch-Kurs, dort Pezziball-Trommeln. Übungen für die Sinnesorgane und eine beruhigende meditative Klangreise. Es wird sich umarmt, geratscht und gelacht. Menschen mit körperlichen Einschränkungen, deren Angehörige und Freunde können an diesem Tag des gemeinsamen Kennenlernens unbesorgt sein, wie sie möchten, ohne um Respekt und Akzeptanz fürchten zu müssen.

Dass so viele Gäste der Einladung in die Jura-Werkstätte folgen, überrascht selbst das Team rund um das Projekt "Wundernetz 2 - gemeinsam stärker". Was bedeutet, dass das koordinative Netzwerk unentbehrlich für die Stadt und den Landkreis ist.

Während Ulrike Maas die Kursleiterin ganz genau beobachtet, trommelt sie auf den Pezziball. Perfekt im Takt. Andere wiederum konzentrieren sich beim Schlagen lieber auf das runde Instrument und hören die gegebenen Anleitungen. Ulrike Maas hingegen ist taub. Als Gehörlose kann sie ein Gebärden-Lied davon singen, wie Menschen mit Behinderungen, oft unbewusst, ausgegrenzt werden. Gerne würde die Ambergerin auch an Vorträgen, wie bei den Erlanger Unitagen, teilnehmen. Da fehlen dann die Dolmetscher.

Oder eine Film-Premiere im Kino sehen - aber ohne Untertitel versteht sie nichts. Taxi rufen? Pech gehabt. Das geht nur telefonisch. Auf Durchsagen am Bahnhof kann Ulrike Maas nicht reagieren. "Aber wenigstens kapitulieren die meisten Polizisten bei Verkehrskontrollen", gebärdet sie mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Dolmetscherin Kathleen Entrich aus Regensburg weiß um die Notwendigkeit der Inklusion. Ihre Dienstleistung ist heiß begehrt. Sie übersetzt bei Behördengängen, gerichtlichen Terminen oder beim Arztbesuch. Vier Jahre dauert das Studium, um als anerkannte Dolmetscherin agieren zu können. "Meistens ist es wirklich schön, aber es gibt auch sehr Privates und traurige Schicksale", sagt die Überbringerin von guten und schlechten Nachrichten.

Im Wundernetz arbeiten Menschen mit körperlichen Einschränkungen, mit Sinnesbehinderungen, psychischen Handicaps oder mit Lernbehinderungen gemeinsam mit Menschen ohne Behinderungen. "Wichtig ist uns auch, die Mitarbeitenden von Wohnheimen zu sensibilisieren, ihren Nutzern die Teilnahme zu erleichtern. Und wir wollen möglichst viele Eltern erreichen und ihnen Mut machen, ihre, oft erwachsenen, Kinder aus den gewohnten Schonräumen in die größere Vielfalt der freien Angebote zu entlassen", erklärt die Projektleiterin Hildegard Legat. Das ermöglicht zum Beispiel die Volkshochschule Amberg und Amberg-Sulzbach mit Kursangeboten - ausgerichtet auch auf die Bedürfnisse von Behinderten.

Inklusion bedeute aber nicht nur Barrierefreiheit. Hildegard Legat hofft, dass es auch bald in Deutschland möglich ist, alle Kinder in einem Raum zu unterrichten: "In vielen anderen Ländern ist es bereits normal, dass immer ein Sonderpädagoge im Klassenzimmer anwesend ist." Dass gesunde Kinder dadurch in ihrem Lernfortschritt geschwächt würden, habe sich nicht bestätigt. "Im Gegenteil. Fürsorge, Empathie, gegenseitige Akzeptanz sind natürliche Folgen von Inklusion", ist sie sich sicher. Denn echte Inklusion sei nur möglich, wenn Menschen mit Behinderung eine Wahlfreiheit haben, welche Angebote sie wahrnehmen möchten - und dazu müssen sie eben auch neue Bereiche kennenlernen.

Farben, Zahlen und Objekte in englischer Sprache benennen: Dabei hilft Verena Kandziora, die unter anderem auch einen Englisch-Kurs an der Volkshochschule anbietet.
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