08.11.2018 - 11:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Ambergs zähe Revolutionäre

Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert: Die Haare etwas dünner, die Falten etwas dicker, aber der müde Blick immer noch entschlossen: 50 Jahre nach der künstlerischen 68er Revolte "Amberg progressiv" sitzt die Clique im Casino-Biergarten zusammen.

Winni Steinl (links), Achim Hüttner (Mitte, mit Sonnenbrille), Christine und Gabi Volke sowie Hans Cash Märten (rechts) haben eine neue Mission: Sie wollen die Altstadt und die Kastanien im Casino-Biergarten retten.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Vietnam-Krieg, der die Generation prägte, ist vorbei. "Es war das erste weltpolitische Ereignis, das bei uns über die Mattscheibe ins Wohnzimmer flimmerte", taxiert Steinl den Stellenwert dieses postkolonialen Krieges. Friedlicher ist die Welt trotz aller Proteste nicht geworden. Nicht auf der Weltbühne und nicht im beschaulichen Amberg. Fassungslos nehmen die Alt-Linken den Aufstieg der neuen Rechten wahr: "Beim Sommermärchen 2006 hatte ich gedacht, jetzt haben wir's kapiert, jetzt sind wir ein tolerantes Land", sagt Steinl grimmig. "Und heute kann im Netz wieder jeder jeden rassistischen Unsinn sagen", assistiert Hüttner. "Die Tabus fallen täglich."

Aber auch die Amberger Welt ist für Kunstlehrer Achim keine heile. Zornig deutet er auf die großen Kastanien im Biergarten: "Die sollen weg", presst er kopfschüttelnd hervor. "Das haben wir so nebenbei erfahren." Überhaupt die Stadtpolitik: "Der Cerny ist ja ein netter Kerl", hat Hüttner persönlich nichts gegen den Oberbürgermeister, "aber die haben nicht viel dazu gelernt." Das Amberger Ei mit seinem überschaubaren Umfang von 4,3 Kilometern, einem Radius von 1300 Schritten sei immer zugeparkt. "Wofür braucht jeder in der Altstadt ein Auto? Statt umzusteuern bauen sie noch ein Parkhaus."

Beatles, Hendrix, Santana, Stones, Dylan und vieles mehr: Hans Cash
Märten (rechts) & Company reproduzieren den Sound von 1968.

Monsterbau in der Altstadt

Dazu der Frevel des geplanten Investorenprojekts in der Keimzelle Ambergs: "Das Spital ist seit Jahrhunderten eine Stiftung für Arme - in der Spitalkirche haben sie 700 Jahre gebetet für ihre Gönner." Neue Architektur dürfe modern sein, aber kleinteilig, kein Monsterbau: "Die ruinieren die Altstadt noch komplett", schimpft Hüttner, "die setzen sich über alles hinweg." Immobilieninvestor Ten Brinke will zwischen Spitalkirche, Wirtschaftsschule und Ring-Kino einen viergeschossigen Komplex für Läden, Büros und Wohnungen errichten. Dazu gehört eine Tiefgarage mit 172 Parkplätzen.

Dazu plant die städtische Gewerbebau GmbH Ersatz für das ehemalige Kaufhaus Forum - auch mit einem Mix aus Geschäften, Büros und Wohnungen. Der historische Innenhof soll überdacht, das Untergeschoss Tiefgarage werden. "Laut Generalkonservator Mathias Pfeil ist das Forum denkmalgeschützt, es steht in der Haager Liste." Doch die Stadt mache die Neubau-Rechnung ohne die Protest-Wirte: "Das Denkmalnet macht den Skandal bayernweit bekannt und wir haben eine Unterschriftenaktion laufen - Cerny ist unruhig, es gibt enormen Gegenwind."

Fast wie in den alten Tagen, als die Amberger 68er ihr erstes Happening planten und der gesamte Stadtrat in einer Sondersitzung über den Skandalfilm "Kollisionen" der Genossen Winni Steinl, Uli Renner und Wolfgang Schönfelder beriet: "Wir wollten einen alten Fiat verschrotten", erzählt Steinl, "und daraus ein Happening am Markt machen." Das schien den politischen Vordenkern aber etwas zu dünn - die Idee vom Film war geboren: "Uli, der Sohn von Foto Frey, war fürs Filmen zuständig, ich habe das Drehbuch geschrieben."

Nackte "Kollisionen"

Nouvelle vague mit beschränkten Mitteln nennt Steinl das: "Ein Individuum in einem Auto, das sich verselbständigt - auf Kollisionskurs mit der Gesellschaft." Ein Roadmovie durch alle Schichten der Gesellschaft: "Von einer Marschtruppe der Bundeswehr, bei der der Schwächste stirbt, bis zu einer Orgie der ehrenwerten Gesellschaft."

Die politische Botschaft erschien den städtischen Würdenträger wohl eher als groteske Petitesse, nicht so die nackte Brust einer jungen Frau: Von einer Riesensauerei ist die Rede. "Ist das mei Tochter?", soll der damalige dritte Bürgermeister Hans Seuß ausgerufen haben. Dass die Stadtspitze um OB Wolf Steininger und Rechtsrat Hans Wagner den Protestfilm dennoch durchwinkte, spricht für die Toleranz Ambergs - und die Neugier der Bürger: "Die Vorführung im November war gerammelt voll", freut sich Steinl, "wir mussten eine Zusatzaufführung geben."

Nicht nur in Amberg kennt man sie, die Muskelprotze von Günter Dollhopf, bunte, pralle, deftige Giganten mit „aufgeblasenen“ Körpern. Der renommierte Künstler verstarb am 28. April dieses Jahres.

General lädt ein

Und das Werk zeigt Wirkung: "Wir waren bei der Bundeswehr eingeladen", sagt Steinl, Brigadegeneral Gerhard Jacobi hat alle Unteroffiziere zum Filmschauen verpflichtet." In einer Zeit, als NS-Devotionalien noch als Folklore betrachtet wurden, sei eine tolle Diskussion zustande gekommen: "Die Vision vom Staatsbürger in Uniform zieht ein in eine Kaserne, die noch vom Geist alter Wehrmachtsoffiziere durchdrungen ist."

Auch die begleitende Kunstausstellung "Amberg progressiv '68" gibt sich revolutionär: "Ein Siemens-Ingenieur hat eine Malmaschine ausgestellt", erklärt Hüttner, "mit einer rotierenden Scheibe, in der Tradition der kinetischen Kunst Jean Tinguelys." Künstler Aki Zöllner habe Eisbatzen versteigert: "Das höchste Gebot lag bei 25 Mark", muss Hüttner lachen, "der reinste Dadaismus."

Und der renommierte Kunstprofessor Günter Dollhopf, im April dieses Jahres verstorben, begeisterte sich für Drachen eines unbekannten Genies, das er selbst entdeckt hatte: "Als wir aufbauen", erinnert sich Steinl, "da läuft einer rum, sagt ,ich mal' auch', holt seine Bleistiftzeichnungen von zu Hause - lauter Drachen." Oder wie Conny, dessen Nachname der Nachwelt verborgen bleibt, selber titelte: "Drachen-Deifi, sitznender (!) Feuerdrache ..." Für Dollhopf der Inbegriff eines proletarischen Künstlers. "Meine Frau Helga hat ihm eine Schachtel Buntstifte geschenkt, er darauf: ,oleck, da mal ich bunte Drachen' - die Kunstszene ist voll darauf abgefahren."

Revival des 68er Events im Amberger Kulturstift.

Amberg progressiv 1968/2018:

Hans Graf, Vorsitzender des Kulturvereins A.K.T., organisierte 50 Jahre später eine Retrospektive des Spektakels. „Wir leben in einem freien Land“, hieß das „Szenarium“ des verstorbenen Sesch Segerer. Winni Steinl inszeniert die Neuauflage mit seiner Gruppe Rampenfieber am 17. November, 19.30 Uhr, im Ring-Theater. Die Ausstellung mit Künstlern von damals ist noch bis 10. November im Kulturstift Amberg zu sehen, anschließend zeigen zeitgenössische Epigonen ihre Werke bis 1. Dezember – mit dem krönenden Abschluss einer Podiumsdiskussion am 30. November.

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