05.10.2018 - 17:09 Uhr
AmbergOberpfalz

Der Arbeit eine Kathedrale

100 Jahre Bauhaus, Walter Gropius' (1883 bis 1969) letztes Bauwerk. Besser hätte es Amberg nicht erwischen können, um ein großes Industriedenkmal aus dem Schattendasein zu führen. Zusammen mit anderen.

„Eines der wichtigsten Industriedenkmäler der Nachkriegszeit“ (Oberbürgermeister Michael Cerny) rückt ins Blickfeld des im nächsten Jahr anstehenden Jubiläums 100 Jahre Bauhaus: Geschäftsführer Armin Reichelt (vorne, Zweiter von rechts) und Baureferent Markus Kühne (vorne, links daneben) führen durch Walter Gropius’ letzten Bau, Ambergs Glaskathedrale.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Amberg. (zm) In der Stadt beginnen die 100 Jahre Bauhaus, die 2019 anstehen, eingebunden in ein dazu geknüpftes Netzwerk Selb/Amberg. Zehn Partner aus dem assoziativen Spektrum zwischen Rosenthal und dem Bauhaus bringen sich ein (Im Blickpunkt). Amberg macht den Anfang mit der Sonderausstellung "Gropius, Bauhaus und Rosenthal in Amberg", eröffnet wird sie am Sonntag.

Das wahre Juwel, das die Stadt in das Jubiläumsjahr einbringen kann, ist ein geschütztes Baudenkmal, aber beileibe kein museales: die Glaskathedrale im Südosten der Stadt. So heißt seit Jahrzehnten umgangssprachlich das ehemalige Rosenthal-Glaswerk. Heute firmiert der Standort als Kristall-Glasfabrik Amberg GmbH und gehört zu der Riedel-Gruppe. 150 Menschen (zu Hochzeiten 450) arbeiten dort, 28 Tonnen Rohglas werden dort täglich zu 60 000 bis 70 000 hochwertigen Trinkgläsern verarbeitet, 18 bis 19 Millionen Stück im Jahr.

Bestand gesichert

Diese Eckdaten nannte am Freitag Armin Reichelt, der technische Geschäftsführer der Produktionsstätte bei einer Führung für Medien zum Auftakt des Programms "Selb & Amberg feiern 100 Jahre Bauhaus". Bis zu 15 Millionen Euro investiere die Reichel-Gruppe derzeit in den Standort, der damit als gesichert gelte. Damit sei auch der Fortbestand dieses Baudenkmals, das Reichelt als "eine Perle, die leider sehr wenig bekannt ist", beschrieb. Das eigentliche Wichtige daran: der Fortbestand gemäß der ursprünglichen Bestimmung als Glasschmelze. Und die hat die Form dieses Komplexes bestimmt, der sehr schnell bei den Ambergern den Namen Glaskathedrale bekam.

Der letzte Entwurf von Gropius, so Ambergs Kulturreferent Wolfgang Dersch vor der Runde, wurde von 1968 bis 1970 umgesetzt, die Fertigstellung erlebte der 1969 verstorbene Bauhaus-Architekt nicht mehr. Voller Hochachtung beschrieb Baureferent Markus Kühne das Konzept, das er als ein Paradebeispiel für Gropius als "sozialer Architekt" charakterisierte. Damals seit die Produktion von Trink- und Gebrauchsgläsern noch kein hochautomatisiertes Verfahren gewesen. "Es war heiß, eng, stickig, dreckig, dampfig und sehr mühsam. Es war keine schöne Arbeit."

Diesem Umstand sei der Bauhaus-Planer mit einem "wahnsinnig genialen" konstruktiven Ansatz entgegengetreten. Nach einer Ägyptenreise, inspiriert von den Pyramiden, habe sich Gropius für das Dreieck als Grundform entschieden. An der Basis breit, nach oben sich verjüngend. Durch die Hitze im Innern seien bei voluminösen Lufteinlässen unten durch den sich natürlich ergebenden Kamineffekt nach oben Staub, Dampf und Hitze entwichen. Einfacher und besser habe die Belüftung im Sinne eines bis dahin nie dagewesenem Arbeitsschutzes in der Glasproduktion gelöst werden können.

Soziale Architektur

Hinzu kämen die Gropius-typische Lichtdurchflutung, Innenhöfe als Ruhezonen und fließende räumliche Übergänge zwischen Produktion und Verwaltung. Zudem sei die statische Spannbeton-Konstruktion "bis an die Grenze des Machbaren" reduziert worden, um Material zu sparen. "Ein völlig ökologisch und soziales Gesamtkonzept" im Sinne der Losung "baut der Arbeit Paläste".

Im Blickpunkt:

Neztwerk zum Jubiläum

Um die regionalen, in Nordostbayern verhafteten Bezüge zu dem 2019 anstehenden Jubiläum 100 Jahre Bauhaus in ein gebührendes Licht zu rücken, wurde das „Netzwerk Selb/Amberg“ geschaffen, das am Freitag bei einer Pressekonferenz sein Gesamtprogramm vorstellte. Unter der Federführung des Porzellanikon – Staatliches Museum für Porzellan Hohenberg an der Eger/Selb haben sich mit jeweiligen Beiträgen zusammengetan: Stadt und Stadtmuseum Amberg, Kunstverein Hochfranken Selb, Rosenthal am Rothbühl, Stadt Selb, Rosenthal-Theater Selb, Selb 2023 gGmbH, Staatliche Fachschule für Produktdesign Selb und das Walter-Gropius-Gymnasium Selb.

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