16.01.2019 - 15:41 Uhr
AmbergOberpfalz

Bauhausjubiläum strahlt bis nach Amberg

Das Bauhaus gab es gerade mal 14 Jahre lang. Dennoch hat die legendäre Kunstschule mit ihren avantgardistischen Konzepten die Moderne weltweit geprägt. Nun wird groß 100. Geburtstag gefeiert. Auch Amberg beteiligt sich mit am Jubiläum.

Die Amberger „Glaskathedrale“ von Walter Gropius wird heute als eines der bedeutendsten Industriebauwerke der 1960er Jahre geführt und steht unter Denkmalschutz.
von Agentur DPAProfil

Wer heute ein Stück Bauhaus will, stellt sich zum Beispiel die Kugellampe ins Wohnzimmer. Oben rundes Glas und unten ein Metallfuß. Die Wagenfeld-Leuchte ist eines der Designbeispiele für das Bauhaus, ebenso der Stahlrohrstuhl Freischwinger. Mit der Gründung der Kunstschule hat Architekt Walter Gropius vor 100 Jahren Geschichte geschrieben. Gerade hört und liest man wieder viel davon. Am Mittwoch (16. Januar) wird in der Berliner Akademie der Künste das Jubiläumsjahr eröffnet. Aber Bauhaus, was war das eigentlich?

"Ich finde es immer extrem schwierig, von "dem Bauhaus" zu sprechen", sagt Architekt Philipp Oswalt, der an der Universität Kassel unterrichtet. Das Bauhaus habe zwar nur 14 Jahre bestanden, bis es unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen wurde. "Aber die Entwicklung ist sehr dynamisch gewesen." Heute denkt man an klare Linien und Grundfarben. Die Kinderwiege von Peter Keler etwa besteht aus Kreisen, Dreiecken, Rechtecken. Das typische Bild von Wohnsiedlungen zeigt weiße Fassade und Flachdach. Dass vor allem solche Beispiele in den Köpfen geblieben sind, ärgert manchen Experten. Aber dazu später mehr.

Als Gropius 1919 in Weimar das "Staatliche Bauhaus" gründet, haben die Menschen gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich. Und Deutschland schafft seine erste Demokratie, die nur kurz währen soll. Die neue Kunsthochschule in Thüringen soll Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden - quasi als Versuchslabor für eine neue, humanere Gestaltung der Gesellschaft. Lehrer wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy machen sie im Laufe der Zeit zum Treffpunkt der Avantgarde.

"Eine neue Einheit"

"Die Schule will natürlich auch Gestalter ausbilden", sagt Oswalt. Aber es habe die Idee gegeben, den Alltag und die Gesellschaft zu verändern. "Das ist etwas, was man mit dem Bauhaus sehr stark verbindet: Die Erwartung, dass der Gestalter in die Gesellschaft hineinwirkt und zur Verbesserung der Alltagswelt beiträgt."

1923 komme der Slogan "Kunst und Technik - eine neue Einheit" auf. Dort schwinge wiederum die Vision einer "technisch-künstlerischen Elite" mit, einer "Expertokratie", sagt Oswalt. Hat die Gruppe wirklich Design für den Alltag von vielen gemacht? "Die Bauhäusler haben zwar versucht, die Dinge in Kooperation mit der Industrie seriell aufzulegen und einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen", erklärt Kuratorin Nina Wiedemeyer, die für das Bauhaus-Archiv Berlin eine Jubiläumsausstellung plant. Aber man dürfe das aus ihrer Sicht nicht am heutigen Maßstab messen.

"Die uns heute am meisten bekannten Bauhaus-"Ikonen", wie Breuers Stahlrohrsessel oder die Wagenfeld-Lampe, sind schon damals recht teuer gewesen", erklärt Wiedemeyer. "Der Grund war natürlich das teure Material, das verarbeitet wurde, die kleine Auflage und die Handanfertigung. Es gab keine industrielle Massenproduktion." Aus ihrer Sicht wirkt aber vieles nach. "Alleine die Tatsache, dass die Ideen des Bauhauses bis heute wirken und so viele Designer auf der Welt inspirieren, zeigt doch, dass das Versprechen, Design für den Alltag und für viele zu machen, eingelöst wurde", schreibt sie.

Einen Bestseller habe es später auch gegeben. Die Tapete. Das erklärt auch Architekt Oswalt. Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer habe das Ziel "Volksbedarf statt Luxusbedarf" verfolgt. Die Tapeten seien viel produziert worden. "Es ist noch nicht Ikea, aber kurz davor."

Auch Architekten denken Wohnen neu, etwa mit der Siedlung Dessau-Törten oder dem Weimarer Musterhaus "Am Horn". Die Unesco zählt die Bauhaus-Stätten in Weimar, Dessau und Bernau zum Welterbe: "Die Bauwerke basieren auf dem Funktionsprinzip, die Form der Gebäude verweigert sich den traditionellen, historischen Repräsentationssymbolen."

"Entartete Kunst"

Das Bauhaus zieht im Laufe der Jahre mehrmals unter politischem Druck um. Von Weimar nach Dessau nach Berlin. Dort durchsucht die Polizei 1933 das Gebäude, Studierende werden festgenommen. Im Juli löst sich das Bauhaus auf. Die Nazis stufen Werke einiger Künstler später als "entartete Kunst" ein. Viele Künstler gehen ins Ausland. Heute findet man Bauhaus auch in Chicago oder in der "Weißen Stadt" von Tel Aviv. Das Bauhaus sei vielleicht "der bedeutendste deutsche Kulturexport in die Welt im 20. Jahrhundert", sagte Architekturhistoriker Winfried Nerdinger im "Deutschlandfunk".

Direktorin Claudia Perren befürchtete Demonstrationen vor der Tür, nachdem rechte Gruppierungen gegen das Konzert mobil gemacht hatten. Die Stiftung erklärte, die Schule als Unesco-Welterbestätte solle nicht zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Viele Kulturschaffende kritisierten die Absage. "Das Bauhaus ist ein politischer Ort und war ein politischer Ort", hatte Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs, betont.

Zum Jubiläum ist nun viel Programm geplant. Drei neue Museen entstehen in Weimar, Dessau und Berlin - 52 Millionen Euro gibt es dazu vom Bund. Auch der Einfluss auf Tanz, Theater, Film und Musik soll beleuchtet werden. Bei einer "Grand Tour der Moderne" können Fans 100 Orte erkunden. Der Reiseführer "Lonely Planet" empfiehlt Deutschland, auch eine TV-Serie und ein Fernsehfilm sind geplant.

Kuratorin Wiedemeyer sieht derzeit das Problem, dass vieles aus der Moderne automatisch mit dem Bauhaus gleichgesetzt wird. "Weil man mittlerweile glaubt, dass ein Haus mit flachem Dach schon Bauhaus ist." Damit machten viele auch Werbung. Das beschreibt auch Oswalt, der früher mal Bauhaus-Direktor in Dessau war, dessen Vertrag aber nicht verlängert wurde. Heute werde oft ein Mythos beschworen. "Es werden immer die gleichen Produkte hoch und runter gebetet." Das Interessante am Bauhaus seien aber die Suche und das Widersprüchliche, auch das Scheitern und die Krisen.

www.bauhaus100.de

Bauhaus-Veranstaltungen in Amberg:

„Gropius, Bauhaus und Rosenthal in Amberg“ (Sonderausstellung im Stadtmuseum Amberg, bis 17. März): Die Ausstellung widmet sich einerseits dem Industriedenkmal Glaskathedrale und ihrem Erbauer Walter Gropius. Zum anderen wird ganz besonders die Glasproduktion der Firma Rosenthal beleuchtet. Gezeigt werden die in Amberg produzierten Erzeugnisse aus Glas.

Von Gruppen können nach Voranmeldung Führungen mit sachkundigen Kunsthistorikerinnen gebucht werden. Die Museumspädagogik bietet für Kinder und Schüler spezielle Programme zur Ausstellung rund um die Themen Glas und Design an. Am 20. Januar, 17. Februar und 17. März finden Sonderführungen statt.

Dauerausstellung in der Glaskathedrale: Ab April wird in einem Ausstellungsraum in der Glaskathedrale eine multimediale Dokumentation zu folgenden Themen gezeigt: Der Architekt Walter Gropius und das Bauhaus / Philip Rosenthal und Walter Gropius / Die Glaskathedrale der Firma Rosenthal – hochwertige Produkte können nur in anspruchsvoller Umgebung hergestellt werden. Was oder wie wurde produziert. Die Ausstellung kann nur auf Anfrage und mit einer Führung besichtigt werden.

Fotoausstellung Alfeld-Amberg „Die erste und letzte Fabrik von Walter Gropius“ (Ausstellungseröffnung am Samstag, 9. November, im Fagus-Werk Alfeld): Die Fotoausstellung zeigt Impressionen der ersten und der letzten von Walter Gropius erbauten Fabrik, dem Unesco-Welterbe Fagus-Werk und der Glasfabrik Amberg.

In Ergänzung zur Ausstellung lädt das Fagus-Werk am 8. November (18 Uhr), zum Vortrag „Eine Kathedrale der Arbeit – die Glasfabrik in Amberg“ ein. Referent ist Markus Kühne. 2020 wird die Ausstellung auch in Amberg gezeigt.

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