10.07.2020 - 16:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Chöre und Corona: Singen mit Einschränkungen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Mit Maske zur Probe, Singen mit viel Abstand und 3,50 Meter Höhe im Probenlokal: Corona gibt beim Chorgesang momentan den Takt vor. Viele sind froh, dass sie überhaupt wieder singen dürfen, andere aber bedürfen eines besonderen Schutzes.

In den Kirchenbänken, mit großem Abstand zu den anderen und noch größerem zur Chorleiterin Andrea Eichenseer: Nach Monaten des gesanglichen Lockdowns probt der Schnaittenbacher Kirchenchor seit dieser Woche zum ersten Mal wieder.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Auflagen über Auflagen: Damit ist Andrea Eichenseer derzeit konfrontiert. Die Berufsmusikerin aus Sulzbach-Rosenberg leitet drei Chöre: seit 1999 den Gesang- und Orchesterverein Sulzbach-Rosenberg, seit 13 Jahren Happy Voices in Schnaittenbach und seit drei Jahren den Schnaittenbacher Kirchenchor. Doch sie hat Verständnis, dass wegen Corona zunächst gar nicht und jetzt nur mit strengen Regeln gesungen und geprobt werden darf.

„Das ist total vernünftig“, sagt die 41-Jährige. Denn gerade der Gesang birgt angesichts von Tröpfcheninfektion und Aerosolen ein enormes Risiko für eine mögliche Verbreitung des Coronavirus. „Jeder hat es absolut verstanden, dass über Monate keine Proben waren“, weiß die passionierte Musikerin von ihren Sängern. Seit kurzem dürfen die Chöre wieder. Angesichts der Ankündigung durch die Staatsregierung sei die Euphorie groß gewesen: „Juhu“, hätten sich viele gefreut. Nicht ohne sind aber die Auflagen und Regeln. Ohne Hygienekonzept geht – wie in allen anderen Bereichen – gar nichts: Kontaktdaten, Anmeldungen, Teilnehmerlisten, mit Maske kommen und gehen, Händedesinfektion und feste Sitzordnung. „Bevorzugt soll im Freien geprobt werden“, so die Sulzbach-Rosenbergerin. Als Abstand zwischen den Teilnehmern werden zwei bis drei Metern im Kreis vorgegeben, ungefähr sechs Quadratmeter pro Sänger. Sie selbst muss noch weiter von ihren Sängern entfernt sein: „wenigstens vier Meter“, sagt Andrea Eichenseer. Maximal darf die Probe 60 Minuten dauern. „Vor Corona hatten wir immer 90 Minuten“, erklärt die 41-Jährige. Drinnen muss nach 20 Minuten für zehn Minuten durchgelüftet werden. Problematischster Punkt der Vorschriften ist die Raumhöhe: mindestens 3,50 Meter. „Das geht höchstens in einer Kirche oder in einem großen Saal.“

Schutz der Risikogruppen

In regulärer Stärke werden die Chöre kaum proben können, denn an erster Stelle steht der Schutz der Risikogruppen. Doch gerade Kirchenchöre und Gesangsvereine sind es, die häufig ältere oder vorerkrankte Menschen – und damit die Risikogruppe – in ihren Reihen haben. Happy Voices, ein gemischter Chor mit Frauen- und Männerstimmen, altersmäßig vom Teenager bis zum 60-Jährigen, hat mit Andrea Eichenseer schon wieder losgelegt. „Wir haben es einfach mal ausprobiert“, sagt die Leiterin. 13 Sänger nahmen an der Premiere nach Corona teil. „Alle waren regelrecht ausgehungert nach all den Monaten, in denen wir nicht singen konnten“, sagt sie über die Stimmung im Chor. Gemeinsamer Gesang sei für die meisten nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, „sondern auch ein großer Bestandteil ihre sozialen Lebens“.

Chorleiterin Andrea Eichenseer.

Der Schnaittenbacher Kirchenchor traf sich vor Corona wöchentlich mittwochs zum Singen. Altersmäßig sind es 40- bis 80-Jährige, wobei der Jüngste erst 21 ist. „Gerade im Kirchenchor sind viele ältere Menschen“, sagt Andrea Eichenseer. „Und bei ihnen muss man sehr, sehr vorsichtig sein.“ Lange überlegte sie, bot dann doch eine Probe an. 20 der 38 Mitglieder meldeten sich für diesen Mittwoch an. Sie treffen sich künftig in der Pfarrkirche. „Nicht auf der Empore, da können wir den Abstand nicht einhalten, sondern im Kirchenschiff“, erklärt die Leiterin. Ein Vorteil: Wegen der Gottesdienste sind die Abstandsmarkierungen schon vorhanden. Bleibt nur noch die Frage des Lüftens. „Es wird darauf hinauslaufen, alle Türen aufzureißen.“ Im Sommer sei das kein Problem, aber was wird im Winter sein, wenn es kalt wird?!

Mit viel Abstand miteinander singen ist eine große Herausforderung. Wie hören die Sänger ihre musikalische Leitung, die ja den größten Abstand zu ihnen hat, und wie hören sie sich selbst innerhalb des Ensembles? Schließlich ist es der Gesamtklang, der einen Chor ausmacht. Umso wichtiger sei es jetzt, dass jeder seine eigene Chorstimme intensiver erfahre, sagt Musik-Expertin Andrea Eichenseer aus Sulzbach-Rosenberg. Schließlich stehe oder sitze man nicht mehr Schulter an Schulter mit seinem Nebenmann. „Dadurch trainiert man die Sicherheit für jede einzelne Stimme.“ Wenngleich es natürlich eine große Umstellung sei. Deshalb werden anfangs nur bekannte Stücke geprobt, „da kennt jeder seine Stimmlage“. Neues könne man erlernen, „wenn sich alle an die veränderte Situation bei den Proben gewöhnt haben“. Andrea Eichenseer freut sich, dass viele Chormitglieder die Herausforderungen annehmen und zu den Singstunden kommen. „Es sind viele, die sich darauf einlassen und es mit den Proben versuchen wollen.“

Leidenschaft für den Chorgesang

Anneliese Pilarski (62 Jahre) aus Neuersdorf bedeutet das Singen im Schnaittenbacher Kirchenchor sehr viel. "Zum einen, dass wir das Singen als unser gemeinsames Hobby pflegen. Zum anderen, dass ich mich einbringen kann in den Chorgesang und damit in die Gestaltung verschiedener Gottesdienste". Für sie ist der Chor eine echte Bereicherung. "Ich liebe Musik und freue mich, dass ich im Chor in der Gemeinschaft mit anderen mein Hobby pflegen kann." Die gesanglose Zeit während des Corona-Lockdowns erlebte sie anfangs als nicht so schlimm. "Es war ja so vieles, auf das man verzichten mussten, zum Beispiel auch auf viele familiären Kontakte." Allmählich aber habe sie den Chor dann immer mehr vermisst. Das sei ihr bewusst geworden, als der Chor die Karfreitagsliturgie nicht singen durfte, dann auch nicht im Ostergottesdienst. Zuletzt war es dann Fronleichnam. "Ehrlich gesagt, da fehlt mir einfach sehr viel. Und natürlich auch die Gemeinschaft, mit anderen Menschen zu singen."

Anneliese Pilarski (62) aus Neuersdorf singt seit fünf Jahren im Kirchenchor Schnaittenbach.

Mit 62 Jahren gehört sie zur Risikogruppe. Dennoch kommt sie zu den Chorproben. "Ich habe natürlich schon überlegt, ob ich wieder gehen soll oder nicht." Sie habe sich dafür entschieden – unter gewissen Voraussetzungen: Dass es Schutzmaßnahmen gibt und die Hygienevorschriften eingehalten werden. Jetzt freut sie sich darauf, dass es wieder los geht. "Dass die Sänger so weit auseinander stehen müssen, da muss man schauen, wie das funktioniert." Das müsse man einfach ausprobieren, findet sie. "Ich habe mehrere Ehrenämter, für die ich mich gerne einbringen: Das will ich auch in Coronazeiten beibehalten."

Corona macht erfinderisch, vieles wird in die virtuelle Welt verlagert. Doch Berufsmusikerin Andrea Eichenseer ist bei Chorproben, die per Skype als Videokonferenz abgehalten werden, sehr skeptisch. „Das ist enorm schwierig“, so die Einschätzung der Sulzbach-Rosenbergerin, die drei Chöre in der Region und seit kurzem noch das Vokal-Ensemble 1Klang mit ehemaligen Regensburger Domspatzen leitet. Bei Proben per Skype sei die Störkulisse sehr groß, sagt die Musiklehrerin und Chorleiterin über die Erfahrungen, die ihre Kollegen gemacht haben. Hinzu käme die Zeitverzögerung bei der Übertragung. Klang und Stimme seien verzerrter, „das ist ein einziges Gewirr.“ Lange vor Corona hat Andrea Eichenseer mit ihren Chören Auftritte für November und Dezember geplant, dafür müsste im Vorfeld intensiv geprobt werden. Ob das machbar ist? Die Musikerin weiß es nicht. „Das ist alles mit einem großen Fragezeichen versehen“, sagt sie. Deshalb wartet sie erst einmal ab. „Abgesagt habe ich die Konzerte noch nicht.“

Auflagen schrecken auch ab

Neustadt an der Waldnaab

Die Singstunden des Gesang- und Orchestervereins Sulzbach-Rosenberg, dessen Mitglieder zwischen 60 und 88 Jahre alt sind, hingegen liegen nach Angaben von Leiterin Andrea Eichenseer immer noch auf Eis. „Da lässt sich nichts machen“, bedauert sie. Die Abstandsregeln und die Vorschrift zum Durchlüften kollidieren mit den Gegebenheiten im Probenlokal, eine Ausweichmöglichkeit existiert nicht.Generell sieht Andrea Eichenseer die Gefahr, dass einige der Gesangvereine und Männerchöre angesichts ihrer Altersstruktur eventuell die Coronakrise gar nicht überleben werden. Das fände sie schade. „Das sind alteingesessene Vereine, die die Tradition aufrecht erhalten.“ Doch teilweise seien die Sänger, die mehrheitlich zur Risikogruppe gehören, verängstigt und würden auf die wöchentlichen Proben verzichten – wenn auch schweren Herzens. „Wenn der Chor ein Jahr oder länger auf Eis liegt, dann stellen sich viele die Frage, wie es danach überhaupt weitergehen wird.“

Andrea Eichenseer verweist auch auf den geselligen Part, der wegen der Coronavirus-Pandemie ebenfalls wegbricht: Vereinsfeste, Fahrten und Chorfreizeiten. Häufig sitze man nach der Probe noch gesellig beisammen. Oder kehrt gemeinsam auf ein Gläschen ein. „All das fördert den Zusammenhalt“, weiß die Chorleiterin aus Erfahrung.

All das vermissten auch die Happy Voices. Sie waren so richtig happy über ihre erste Probe nach dem gesanglichen Lockdown. Mit viel Abstand und im Halbkreis stellten sie sich hernach zusammen, um noch ein paar Takte zu plaudern. Eichenseer erzählt von der Flasche Sekt, die man angesichts des Endes der langen Chor-Abstinenz geköpft habe. „Wir waren so voller Freude, uns wiederzusehen.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.