19.10.2018 - 12:32 Uhr
AmbergOberpfalz

Demo mit Gänsehaut-Faktor

Vom Opa bis zum Kind gehen die Menschen bei der Demo für Toleranz und Menschenrechte auf die Straße. 3000 Leute ziehen durch die Stadt. Für die Organisatoren hat der Bürgermarsch auch eine Woche nach der Veranstaltung noch Gänsehaut-Faktor.

Die Demo "Herz statt Hetze" führt von der Fußgängerzone zum ACC. 3000 Menschen nehmen teil - mit dabei sind Leute aus allen Teilen der Zivilgesellschaft.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Tanja Dandorfer, Hanna Regina Uber und Hans Lauterbach ziehen Bilanz über das Mega-Ereignis, das Tausende mit Bannern, Trommeln und Pfeifen auf die Straße brachte. Die Organisation begann mit dem Bekanntwerden der im ACC geplanten AfD-Versammlung mit Alice Weidel.

Drei Wochen vor der Veranstaltung versammelten sich in einer Whats-App-Gruppe, die von der Künstlerin Uber und Anna Kuchler (Arbeitskreis Flüchtlingshilfe) ausging, knapp 50 Leute. "Wenn wir es nicht angepackt hätten, dann wären 100 andere darauf gekommen", zeigte sich Uber überzeugt. Es sei ein breites Bündnis aus vielen unterschiedlichen Akteuren entstanden. Allen sei wichtig gewesen, ein klares Statement abzugeben. Bei einem Treffen im Ring-Theater wurde die Richtung vorgegeben. "Wir stehen ein für eine humanistische Weltanschauung, für ein friedliches Miteinander, ohne Vorurteile", sagte Dandorfer. Deshalb sei es den Akteuren wichtig gewesen, vor dem ACC zu stehen und dort eine Kundgebung mit musikalischem Statement zu geben. In Kombination mit dem Fest "Wir sind Amberg", das sich das unpolitische Feiern auf die Fahnen geschrieben hatte, sei es eine runde Sache gewesen. Die Rückmeldungen der Demo-Besucher an die Veranstalter waren gigantisch: "Viele Leute haben gesagt, dass sie endlich gespürt hätten, dass sie nicht mehr allein mit dem Hass sind", erzählte Lauterbach.

Das Gefühl "Herz statt Hetze" als Motto der gesamten Demo sei laut Uber ganz klar bei den Teilnehmern angekommen. Und sie stammten aus allen Gesellschaftsschichten: Familien mit Kindern, Senioren, Menschen mit Behinderungen, Jugendliche, Vereinsvertreter, Ehrenamtliche, Politiker: Es habe keinerlei Probleme untereinander gegeben. Und die Organisatoren loben: "Die Kommunikation mit der Polizei war top."

Während auf der AfD-Facebookseite darüber gemunkelt wurde, dass linke, gewaltbereite Gruppierungen Einsätze von THW und Helikoptern erforderlich gemacht hätten, ist vonseiten der Polizei davon nichts zu hören. "Wir haben den Einsatz mit Augenmaß und in engem Kontakt mit Versammlungsbehörde begleitet", sagte Polizeisprecher Hans-Peter Klinger. Passiert sei "bis auf ein paar Flaschenwürfe" nichts.

Und überhaupt: "Wir sollten nicht über zehn Prozent AfD reden, sondern über 90 Prozent Zivilgesellschaft. Und das Feeling auf der Demo war: Wir haben uns alle zusammen selten so wohlgefühlt wie hier", gab Hans Lauterbach die Devise aus.

Als Tanja Dandorfer sich während des Demozuges ein wenig zurückfallen ließ, um ihre Ordnertätigkeit auszuführen, sei ihr erst das Ausmaß der Beteiligung aufgefallen. "Ich habe mir gedacht, das gibt's doch nicht und Gänsehaut bekommen." Hanna Regina Uber realisierte die Masse an Menschen "als wir auf den Kurfürstenring eingebogen sind und das Ende des Zuges nicht zu sehen war". Es sei ein wahnsinniges Zeichen für Amberg gewesen - vor allem auch, weil das Statement des Stadtrats vorausging. "So wurde deutlich: Hier geht es um Werte. Um Werte aus dem Grundgesetz."

5000 Euro nahmen die Organisatoren an Spenden während, vor und nach der Kundgebung ein. Sie sollen künftig für politische Bildungsarbeit ausgegeben werden. Hans Lauterbach: "Ich stelle mir andere Formate vor: Zum Beispiel ein Referent, der auf einer Couch auf dem Mariahilfberg sitzt und interviewt wird." Es gibt noch viele Ideen. Aufklärungsbedarf ist vorhanden.

"Wir wollten positive Gefühle ausstrahlen. Wir sind nicht die verteufelten Gutmenschen. Wir sind einfach nur gute Menschen." Tanja Dandorfer
Das Banner "Nazis raus aus Amberg" ist eine Wiederverwertung aus den 80er Jahren.
Kommentar:

Geschichte geschrieben

Mit der „Demo für Toleranz und Menschenrechte“ haben die Organisatoren und alle Beteiligten Geschichte geschrieben. Selbst altvordere Aktionisten erinnern sich nicht an vergleichbare Märsche, die ähnlich viele Leute zu Pfeifkonzerten innerhalb der Amberger Altstadt animierten. Dabei lag die Besonderheit der Stimmung, die diese Mauern erzittern ließen, weniger an den Krawallmachern. Es war genau andersherum: In der Ruhe des Marsches lag die Kraft eines besonderen Gemeinschaftserlebnisses.
Die fantasievollen Sprüche auf den zur Schau gestellten Bannern waren gespickt mit Spitzen auf die AfD und hatten vor allem auch Witz. So zum Beispiel „Die einzige braune Flasche, die wir akzeptieren“ – und mit auf dem Bild die Bierflasche einer örtlichen Brauerei.
Das Banner „Nazis raus aus Amberg“, das vorweg am Kopf des Demo-Zuges getragen wurde, musste dagegen nicht neu geschrieben werden. Das gab es schon. Es schlummerte im Keller des Vaters von Tanja Dandorfer und stammte aus den 80er Jahren. Eine Wiederverwertung, die kaum Anlass zur Freude gibt.

Andrea Mußemann

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