05.07.2020 - 09:50 Uhr
AmbergOberpfalz

Dr. Joachim Rätzel: Darum hat er keine Lust mehr auf die Politik und Amberg

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Seit Mai sitzt Die Liste im Stadtrat. 2014 gelang das Amberger Bunt. Doch es gab schon einmal eine kleine Gruppierung, die das schaffte - die Unabhängigen Bürger, die aber längst von der Bildfläche verschwunden sind.

Joachim Rätzel heute: Vor vier Jahren hat er Amberg verlassen. Seitdem lässt er es sich am Bodensee in Vorarlberg (Österreich) oder wahlweise im französischen Nizza gutgehen, wo er sich ein Appartement gekauft hat.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Der Blick geht zurück ins Jahr 1996, als Helmut Kohl (CDU) noch Bundeskanzler war, die Deutschen mit D-Mark zahlten und Papst Johannes Paul II. im Vatikan das Sagen hatte. Damals, vor 24 Jahren, war Dr. Joachim Rätzel, ein gebürtiger Oberbayer, seit elf Jahren niedergelassener Allgemeinarzt, der es sogar bis zum Chefarztposten beim Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes geschafft hatte. Es war das Jahr, in dem in Amberg die Landesgartenschau stattfand und es war das Jahr, in dem die Amberger einen neuen Stadtrat wählten. Während bei den beiden großen Parteien mit einer erneuten Kandidatur von Oberbürgermeister Wolfgang Dandorfer (CSU) und der Nominierung von Roland Adler als Herausforderer der SPD alles seinen gewohnten Lauf nahm, hatte die FDP um Karl-Heinz Popp, ihrem Einzelkämpfer im Stadtrat, große Probleme damit, eine eigene Liste aufzustellen. Joachim Rätzel, damals 44 Jahre alt, schien ein potenzieller Kandidat zu sein: "Ich wurde gefragt, ob ich auf eine Liste der FDP gehe. Aber ich hatte in keinerlei Hinsicht politische Erfahrung und wollte partout nicht kandidieren. Ich habe nein gesagt."

"In Gottes Namen"

Hotelier Karl Trettenbach, der auf Platz drei ins Rennen gehen sollte, habe aber nicht aufgehört, zu fragen: "Er hat mich deswegen sogar in der Praxis angerufen und gesagt: ,Wir kriegen die Liste nicht voll'. Er wollte unbedingt, dass ich kandidiere." Rätzel ließ sich irgendwann breitschlagen: "Ich habe gesagt, in Gottes Namen, ich mache es. Aber bitte gebt mir den letzten Platz. Ich will auf keinen Fall reinkommen." Trettenbach und die FDP hielten Wort, Rätzel bekam wie gewünscht den letzten Platz, aber: "Ich war in keiner Partei, wollte in keine Partei und bin es bis heute nicht." Also trat er als Vertreter der Unabhängigen Bürger Ambergs an. Und siehe da, mit exakt 3000 Stimmen gelang dem Arzt auf Anhieb der Einzug in den Amberger Stadtrat. Alle anderen Kandidaten auf der Liste, darunter Urgestein Popp, der von 1980 bis 1983 sogar im Bundestag saß, erhielten nicht genügend Zuspruch aus der Bevölkerung.

"Ganz schön dick" gekommen

So weit, so gut. Als die Freude über die Gründung der Fachhochschule (1994) und die Ausrichtung der Landesgartenschau (1996) verflogen war, kam es für Rätzel im Stadtrat "ganz schön dick", wie er es jetzt formuliert, denn der Amberger Stadtrat steuerte auf eine seiner größten Belastungs- und Bewährungsproben dieser Zeit zu. Es ging darum die Frage zu klären, wie die ehemaligen Grundstücke der Firma Gebrüder Baumann genutzt werden sollen. Das Unternehmen von einstigem Weltruf hatte im Juni 1986 Konkurs anmelden müssen. Die Gebäude an der Marienstraße wurden ab Februar 1987 abgerissen. Dort, wo mittlerweile seit 20 Jahren die Zentrale der Sparkasse Amberg-Sulzbach und das Café Kult zu finden sind, herrschte zu Rätzels Zeit im Stadtrat zunächst Leere. Doch im Boden befanden sich Altlasten - und die sorgten bei den Kommunalpolitikern für lebhafte Diskussionen, um es vorsichtig zu formulieren. Rätzel saß damals im Umweltaussschuss und erlaubte sich, das Bodengutachten der Landesgewerbeanstalt kritisch zu sehen: "Ich habe es hinterfragt", sagt er heute und fügt hinzu: "Das Gutachten ist fein säuberlich um die Probleme herum angefertigt worden. Es ist um die Problemzonen herum gemessen worden. Es gab keinen Messpunkt in der Mitte des Geländes. Ich wollte einfach nur wissen, warum das so ist." Seiner Meinung nach hätte an kritischeren Stellen wie dem ehemaligen Entsorgungsbereich genauer hingesehen werden sollen: "Das ist dann als übertrieben und ich als fachlich inkompetent hingestellt worden. Ich wurde mundtot gemacht und durfte das Gutachten nicht einsehen."

Warum es so weit kommen musste? Der Mediziner hat eine Vermutung. Nach seiner Wahl in den Stadtrat sei er vom damaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Storg gebeten worden, zu den Christsozialen zu wechseln, "da ich ja parteilos war". Storg habe ihm ein konkretes Angebot gemacht, aber: "Ich habe abgelehnt. Ich konnte mir zwar vorstellen, mich manchen Beschlüssen anzuschließen. Aber ein Wechsel? Das macht man nicht. Das wäre Betrug am Wähler gewesen." Als der von ihm hinterfragte Baumann-Gutachter Rechtsbeistand von einem CSU-Stadtrat bekam und Rätzel auch diese Vorgehensweise hinterfragte, sei er von der CSU endgültig gemieden worden. Mit einer Ausnahme. Heinrich Storg habe sich dafür eingesetzt, dass Rätzel Einblick zumindest in ein anderes Gutachten erhält - das zum Bau des Stadtwerkesitzes an der Gasfabrikstraße: "Das war mir zuvor immer verwehrt worden. Dabei wollte ich mich nur informieren und einlesen, was ja auch meine Aufgabe als Stadtrat und Mitglied des Umweltausschusses war." Mit dem Abstand von 20 Jahren sagt Rätzel: "Es war heftig, was ich damals alles erlebt habe." Negativer Höhepunkt sei die gegen ihn beantragte einstweilige Verfügung gewesen, gegen die er sich im Jahr 2000 wegen seiner Aussagen zu den Bodenuntersuchungen sogar vor Gericht zur Wehr setzen musste: "Wenn man einen Prozess gegen mich führt, dann ist das schon eine Schikane."

Es war heftig, was ich damals alles erlebt habe.

Joachim Rätzel über seine Zeit
im Stadtrat (1996 bis 2002)

Kurz darauf habe er die Entscheidung getroffen, bei der Kommunalwahl 2002 nicht mehr anzutreten: "Das konnte ich meiner Familie und mir nicht länger antun. Teilweise bin ich sogar in der Praxis von Patienten angefeindet worden." Noch heute habe er in dieser Sache "eine traumatische Restwahrnehmung". Der Zeit im Stadtrat trauert der mittlerweile 68-Jährige nicht nach und auch beim Gedanken an Amberg komme "kein Heimweh" auf, wie er selbst sagt. Seine Praxis an der Herrnstraße, die er bis 2016 führte, hat er ins österreichische Bundesland Vorarlberg verlegt, wo er sich ausschließlich um Privatpatienten kümmert. Fünf Jahre nachdem sich Joachim Rätzel gegen die Kommunalpolitik entschieden hatte, verschwanden auch die Unabhängigen Bürger von der Bildfläche. Ihr letzter Vertreter, Michael Bauer, schloss sich 2007 der ÖDP an.

Doch das alles interessiert Joachim Rätzel nicht mehr. Das Kapitel Amberg ist für ihn erledigt. Viel lieber fährt er nach Nizza. Dort hat er sich ein kleines Appartement gekauft, um auf seine alten Tage noch Französisch zu lernen. Und dann sind da noch die Kurse, die er jetzt nach den Corona-Lockerungen wieder besucht: "Ich habe mir vorgenommen, bis zu meinem Lebensende ultracool Saxofon spielen zu können." Mit einem Augenzwinkern fügt er noch hinzu: "Aber ansonsten geht's mir gut."

Jetzt kann er’s ja erzählen: Joachim Rätzel berichtet in unserer Serie, warum er kein Heimweh nach Amberg hat, wo er 30 Jahre lang eine Praxis führte.
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