Amberg
29.01.2019 - 15:56 Uhr

Empörung reicht nicht

So könnte die Arbeit eines Bildungs- und Präventionszentrums zur Eindämmung von Antisemitismus aussehen: Der Amberger Rabbiner Elias Dray leitete einen Workshop, in den sich ungewöhnlich zurückhaltend höchste Landespolitik einreihte.

Solidaritätsadresse an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch: „We remember“ (deutsch: wir erinnern) appellieren die MRG-Gymnasiasten als Sympathiekundgebung wegen der derzeit heftigen rechtspopulistischen Attacken auf die hohe Repräsentantin der Juden in Bayern nach ihrer kürzlichen Gedenkrede im Landtag. An diesem Workshop des Amberger Rabbiners Elisa Dray (hinten, Sechster von links) beteiligte sich auch der Antisemitismus-beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle (hinten, Achter von links). Bild: Stephan Huber
Solidaritätsadresse an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch: „We remember“ (deutsch: wir erinnern) appellieren die MRG-Gymnasiasten als Sympathiekundgebung wegen der derzeit heftigen rechtspopulistischen Attacken auf die hohe Repräsentantin der Juden in Bayern nach ihrer kürzlichen Gedenkrede im Landtag. An diesem Workshop des Amberger Rabbiners Elisa Dray (hinten, Sechster von links) beteiligte sich auch der Antisemitismus-beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle (hinten, Achter von links).

Es sei purer Zufall gewesen, erzählt der Deutsch- und Religionslehrer Tobias Kober. Das Max-Reger-Gymnasium (MRG) pflege seit Jahren um den Holocaust-Gedenktag 27. Januar herum, als Unterrichtsbeitrag die Synagoge in der Salzgasse zu besuchen. Im Zuge des derzeit darüber hinaus an der Schule laufenden Extremismus-Projektes sei heuer dieser Termin um einen Workshop erweitert worden. Dass daran auch der Antisemitismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, teilnehmen werde, das sei nicht geplant gewesen.

Von ihm vielleicht nicht. Doch dem Amberger Rabbiner Elias Dray hätte kaum etwas besseres passieren können. Seit Jahren treiben ihn Pläne um, ein Bildungs- und Präventionszentrum gegen Radikalisierung, Extremismus und Antisemitismus aufzubauen. Offenbar ist er einen wichtigen Schritt weiter gekommen. Er und Spaenle haben vereinbart, dieses Vorhaben schriftlich detailliert auszuformulieren und zu projektieren, damit es der Antisemitismus-Beauftragte in München an die entsprechenden ministeriellen Ebenen herantragen kann.

Macht der Vorurteile

Vor der Bekanntgabe dieses Ergebnisses des Besuchs hatte sich Spaenle ebenso wie Bürgermeister Martin Preuß und die Stadträtin und frühere Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger (alle CSU) in Drays Workshop eingereiht. Der Rabbiner legte eine Auswahl von Fotos und Bildern bereit, die motivisch oder assoziativ Vorurteile, Vorbehalte und Ressentiments gegen Menschen anderer Herkunft und Glaubens transportieren. Ziel war, den Teilnehmern, die sich eines der Bilder aussuchen konnten, ihre Gedanken dazu darzulegen.

"Es geht nicht darum, Schuldige zu suchen", schickte Dray voraus, sondern darum, Ursachen und Erscheinungsformen von politisch oder religiös motivierten Diffamierungen, Anfeindungen und Angriffen auf Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft zu ergründen. Dray bezieht seine Aussagen nicht ausschließlich auf den jüdischen Glauben oder Antisemitismus. Er bindet gleichfalls Muslime und natürlich auch die Gesellschaft und Politik mit ein, die sich des einstigen Schwurs nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft "Nie wieder" öfters bekennend erinnern sollten.

Klares Bekenntnis

Spaenle sieht eine Aufgabe seiner jetzigen Funktion darin, ein klares Bekenntnis zu den 15 000 Juden und 13 jüdischen Kultusgemeinden in Bayern abzulegen und antisemitische Umtriebe oder Vorfälle über "die öffentliche Empörung hinaus" zu bekämpfen. "Wie damit umgegangen wird, das ist ein Gradmesser für den zivilisatorischen Zustand unserer Gesellschaft", hob der frühere Kultusminister hervor und sprach davon, dass es "um Menschenwürde im Alltag" gehe.

Das von Dray beabsichtigte Bildungszentrum fußt unter anderem auf seinen Erfahrungen als Jugend-Rabbiner in München und seiner Arbeit zusammen mit muslimischen geistlichen Würdenträgern beispielsweise in Schulen in Berlin und den neuen Bundesländern. Sein Engagement gegen Antisemitismus geht einher mit der präventiven Bekämpfung aller Formen von religiösem oder politischem Extremismus' und Fremdenfeindlichkeit. Der Rabbiner möchte "Demokratie als Wert" menschlicher Freiheit vermitteln, wenn auch sie die Gefahr in sich berge, dass Populisten von rechts und links immer stärker würden.

Anstrengungen bündeln

Für einen aufgeklärten Menschen und Demokraten müsse dessen politisches Denken in Deutschland immer in das Bekenntnis "Nie wieder" münden, fordert Dray. Das beabsichtigte Bildungszentrum zur Antisemitismus-Prävention solle sich zudem nicht ausschließlich an Schüler richten, sondern auch in der Erwachsenenbildung oder beispielsweise Lehrerfortbildung aktiv werden, wünscht sich der Rabbiner.

Darüber hinaus sieht der in der Amberger jüdischen Geschichte äußerst bewanderte Kreisheimatpfleger Dieter Dörner mit dieser Einrichtung die Chance gegeben, "bisher unkoordinierte" Aktivitäten auf diesem Gebiet besser bündeln zu können. So hat sich das MRG-Schüler-Projekt beispielsweise auch ausführlich mit den Biografien, respektive dem Schicksal, von vier Amberger Juden befasst.

Es geht nicht darum, Schuldige zu suchen.

Elias Dray, Rabbiner der israelitischen Gemeinde Amberg

 
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