07.04.2019 - 15:44 Uhr
AmbergOberpfalz

Entscheidung der Frauen vertrauen

Ungewollt schwangere Frauen fühlen sich oft verzweifelt. Wie geht es ihnen nach der Entscheidung für den Abbruch? Das möchte Gesundheitsminister Jens Spahn untersuchen lassen. Die Beraterinnen von Donum Vitae sehen das Vorhaben kritisch.

Durch die Vereinbarung in der Koalition zu Paragraf 219a sollen Schwangere sich leichter als bisher über die Möglichkeiten einer Abtreibung informieren können.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Das Haus in der Schenklstraße 4 ist alt, aber renoviert. Dürften die Mauern erzählen, sie hätten viele Geschichten auf Lager: Frauen, die sich Kinder wünschen, aber keine bekommen können. Frauen, die sich mit ihrer Familie überfordert fühlen und Hilfe benötigen. Frauen, die schwanger sind und nicht wissen, wie sie ein Leben mit Kind und Job hinbekommen. Oder aber auch Frauen, die abtreiben wollen. 155 Mal kamen sie 2018 in die Schenklstraße, um eine im Fachjargon als "Schwangerenkonfliktberatung nach Paragraf 219 StGB" bezeichnete Beratung zu besuchen. Das ist nur ein kleiner Teil der insgesamt 1575 Kontakte, denen sich die Beraterinnen im vergangenen Jahr widmeten. "Bei uns geht es nicht nur um Abbruch, sondern um alles im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt", sagte Ute Schieder, Leiterin der Beratungsstelle. Sechs Kolleginnen leisteten im vergangenen Jahr 2351 Beratungsstunden ab. Auf einen langen Erfahrungsschatz blickt Cornelia Rubenbauer-Pickel zurück. Seit 1983 ist sie Sozialpädagogin, seit 2001 in der Konfliktberatung. "Wir sagen den Frauen immer, was sie hier erzählen, bleibt auch in diesen Räumen." So habe sie bislang "sehr intensive und sehr gute Gespräche" geführt. Seit 2012 arbeitet Julia Wiesend bei Donum Vitae in Amberg. Sie sagt: "Ein Konflikt kann jedem passieren."

Streit um Paragraf 219a

Der aktuelle Streit der Parteien um Paragraf 219a dreht sich darum, ob Ärzte öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen. Auslöser für die Debatte in Deutschland war unter anderem, dass das Amtsgericht Gießen eine Ärztin wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche verurteilt hatte. Abtreibungsgegner hatten auf ihrer Homepage entdeckt, dass sie Abbrüche anbietet, und sie angezeigt. "Wir als Beraterinnen geben keine Adressen heraus. Die Informationen kommen von Gynäkologen", sagte Rubenbauer-Pickl. Und ohne Beratungsbescheinigung darf kein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden. Diese Vorgehensweise empfinde sie nicht als Gängelung der Frau. "Ich nehme wahr, dass die Gespräche oft eine Entlastung sind." Manchmal seien die Frauen zu Beginn vorsichtig, weil sie nicht wissen, was sie in der Beratungsstelle erwartet und ob sie in eine Richtung gedrängt werden. Doch: "Es gelingt meistens ganz schnell, eine gute Gesprächsbasis zu finden. Wenn die Frau das möchte, erhält sie nach dem Gespräch die Bestätigung, dass eine Beratung stattgefunden hat. So kann sie sich wirklich öffnen."

Die Forderung von Gesundheitsminister Spahn die psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs untersuchen zu lassen, empfindet Schieder als Frechheit. "Warum muss eine Entscheidung, die eine Frau fällt, psychisch untersucht werden? Wenn ein Mann eine Familie verlässt, wird er auch nicht psychisch untersucht."

"Es ist kein Spaziergang"

Julia Wiesend weiß, dass die wenigstens wild entschlossen sind, wenn sie in die Beratung kommen. "Sie haben schlaflose Nächte hinter sich. Es ist kein Spaziergang." Sie sehe die Frauen oft vor sich sitzen und hadern. "Das macht niemand leichtfertig. Es ist eine Vernunftsentscheidung und die Frauen sind in ihrer Situation oft komplett allein. Es ist dramatisch, was sich da abspielt." Die freie Entscheidung sei ihrer Meinung nach das Recht jeder Frau. "Ich finde es wichtig, diese Entscheidung der Frau zu überlassen und niemand anderem." Die Beraterinnen sind überzeugt: Niemand werde sich durch Werbung beeinflussen lassen. Wiesend: "Den Frauen grundsätzlich zu unterstellen, dass sie keine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen können, klingt sehr mittelalterlich."

Als Beraterin ist man oft Kritik ausgesetzt. Schieder: "Bei den Menschenrechtlern sind wir die, die zum Abbruch nötigen und bei den Frauenrechtlern sind wir die, die die Frauen drangsalieren zum Leben hin. Wir können aus deren Sicht keine richtige Position einnehmen." Schutz des ungeborenen Lebens sei "natürlich auch unsere Aufgabe", ergänzt Rubenbauer-Pickl. "Aber wie soll das gehen? Nur mit der Frau. Wir begleiten sie ein Stück auf dem Weg zur Eintscheidung."

Besondere Wünsche hat die Leiterin der Beratungsstelle, Ute Schieder, nicht: "Uns wäre schon geholfen, wenn wir neutral als Beratungsstelle in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Als Anlaufstelle für Frauen, damit sie ihr Leben gut führen können."

Konfliktberaterinnen bei Donum Vitae (von links): Cornelia Rubenbauer-Pickel, Leiterin Ute Schieder und Julia Wiesend.

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