18.06.2018 - 17:14 Uhr
AmbergOberpfalz

Erinnerungen an Johanna Decker: Post aus Rhodesien für Elisabeth

Vielen ist sie als Namensgeberin der Schwesternschule bekannt. Dort war sie einst selbst Schülerin. Als Ärztin, die sich "bedingungslos für andere einsetzte", verlor sie ihr Leben, weil sie sich für ihre Patienten opferte: Johanna Decker.

Johanna Decker

Am 19. Juni würde Dr. Johanna Decker 100 Jahre alt werden. Wer war die Frau, deren Lebenswerk so bedeutend war, dass ihr zu Ehren eine ganze Schule benannt wurde?

Geboren wurde sie in Nürnberg und kam nach der Versetzung ihres Vaters 1922 nach Amberg. Dort besuchte sie von 1928 bis 1934 das Lyzeum der Armen Schulschwestern. Danach machte sie im Jahr 1937 ihr Abitur an der ehemaligen Oberrealschule. 1939 trat sie in das Missionsärztliche Institut in Würzburg ein und studierte Medizin. 1950 ging sie nach Bulawayo in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. In ihrer Zeit dort sollte sie miterleben, wie das Land von politischen Krisen und einem verheerenden Bürgerkrieg heimgesucht wird. Im Auftrag, den Menschen zu helfen, wurde sie 1960 damit befasst, ein neues Krankenhaus, das St. Paul's Hospital, einzurichten. Dort war sie weit und breit die einzige Ärztin auf weiter Flur.

Von Terroristen ermordet

Am 9. August 1977 überfielen zwei Terroristen das Krankenhaus und forderten Geld. Weil ihnen die Summe, die in den Kassen war, nicht reichte, bot Decker an, mehr aus ihrem Haus zu holen. Die Folge: Sie wurde erschossen, weil sie Unheil von ihren Patienten abhalten wollte.

Johanna hatte in Amberg eine sehr gute Freundin: Elisabeth. Zusammen besuchten sie das Lyzeum der Armen Schulschwestern. Dasselbe Gebäude, in dem heute die Johanna-Decker-Schulen sind. Beide machten ihr Abitur an der Oberrealschule. Elisabeth Strobel ist heute 100 Jahre alt und damit vielleicht die letzte Zeitzeugin, die sich daran erinnert, wie Johanna Decker als Kind und Jugendliche war. Die beiden blieben Freunde. Davon zeugt ein Briefwechsel. "Wir hatten damals den gleichen Schulweg", erinnert sich die ehemalige Lehrerin.

Decker hat sie als eine sehr versierte und ehrgeizige Schülerin in Erinnerung. "Sport, glaube ich, war ihr schlechtestes Fach. Da hatte sie sogar mal eine Drei. Das war schlimm für sie", erzählt Elisabeth Strobel. Als Kinder haben sie viel Zeit miteinander verbracht, waren zusammen im Krippen-Verein. Vielleicht war es sogar Strobel, die mitverantwortlich für die missionsärztliche Berufung von Johanna Decker war. "Es gab damals eine Zeitschrift des missionsärztlichen Instituts, über das Johanna später nach Afrika kam", erinnert sich Eva-Maria Strobel, die Nichte von Elisabeth, und ergänzt: "Meinte Tante hat die Zeitschrift dann immer an Johanna weitergegeben." Womöglich wurde dadurch das Interesse der späteren Missionsärztin bereits während ihrer Schulzeit geweckt. "Das war reiner Zufall, dass ich die Zeitschrift damals hatte und sie die lesen wollte", meint Elisabeth Strobel.

Die Ambergerin weiß, dass es ein großer Traum ihrer Freundin war, eines Tages nach Südrhodesien zu gehen. "Sie hat mir später Briefe aus Afrika geschrieben, sie wollte da immer hin und war auch sehr glücklich, als sie das erreicht hatte." Johanna Decker, die in der Schule Hanna gerufen wurde, hat sie ab und an besucht. "Wenn sie in Deutschland war, dann ist sie auch immer wieder nach Amberg gefahren", erzählt die 100-Jährige. Vom Tode Deckers (1977) erfuhr Elisabeth Strobel, als sie in Kufstein im Urlaub war. "Damals haben wir die Todesnachricht zufällig bekommen. Wir haben gerade ferngesehen, als das in den Nachrichten lief", sagt Strobel. Als die erfuhren, dass ihre alte Schule den Namen ihrer ermordeten Freundin tragen sollte, sei Strobel zunächst verwundert gewesen. Andererseits habe sie sich gefreut, dass ihrer ehemaligen Gefährtin auf diesem Wege gedacht wird.

Elisabeth Strobel besitzt heute noch zahlreiche Briefe von Johanna. Darin berichtet die Ärztin vom Baufortschritt des Hospitals, schreibt über die Krankheit ihrer Mutter und berichtet über die Anschaffung eines Röntgengeräts. Sie erzählt von einer Frau, die mit zwei neugeborenen Zwillingen im Gepäck über 20 Kilometer bei starkem Regen gehen musste, um das Krankenhaus zu erreichen. Decker schreibt: "Auf jeden Fall sind die Inhalte der beiden nassen Bündel, die die Mutter anbrachte, jetzt frische gesunde Säuglinge von nahezu 2000 Gramm."

Schule trägt ihren Namen

An vielen Orten ihres Wirkens in Deutschland sind Einrichtungen und Straßen nach der Ärztin benannt - beispielsweise in Heimstetten bei München. In Würzburg steht das Johanna-Decker-Haus. Auch in Amberg hat sie zweifelsohne ihre Spuren hinterlassen. Die Schule, auf die sie einst selbst ging, der Ort, an dem sie zusammen mit ihrer Freundin Elisabeth in der Zeitschrift des missionsärztlichen Instituts geschmökert hat, ist heute nach ihr benannt. Ein Jahr nach ihrem Tod entschied sich die Schulleitung dazu, den Namen Johanna Decker zu verwenden.

Im Jahresbericht von 1978 heißt es: "Alle, die Dr. Johanna Decker kannten, rühmen ihre hohen und geistigen Fähigkeiten. (...) Sie war eine Frau, die sich bedingungslos für andere einsetzte - bis in den Tod. (...) Ihr (...) sei mit der Namensgebung unserer Schule ein gleichsam ein lebendiges Denkmal gesetzt."

Johanna Decker schrieb häufig ihrer Freundin Elisabeth Strobel (im Bild).

Diese Briefe hat Johanna Decker nach Amberg geschickt.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp