21.03.2019 - 15:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Ethik in der klinischen Praxis

Richtig, falsch - das können nur die Leitplanken, nicht aber das selbstredende Ziel eines ethischen Entscheidungsprozesses sein, der eine Antwort auf die existenzielle Frage schlechthin sucht. Ist das Leben?

Dr. Caroline Hack sprach über „Ethische Konflikte in der klinischen Praxis: Zur Vielschichtigkeit von Bewertung“.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Es trifft jeden. Früher oder später. Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen sind nur eine Annäherung an die letztendliche Entscheidung, ob einer medizinischen Indikation gefolgt oder nicht gefolgt werden soll. Dahinter verbirgt sich in der Regel der Entschluss zur Nähe des Sterbens. Es kann unmittelbar bevorstehen, verzögert oder vertagt werden. Verhindert wird es nie. Egal, welche Antworten auch gegeben werden.

Dass sich diese Frage bei den 40. Erlanger Universitätstagen stellen wird, war unausweichlich, indem sie sich das Thema "Werte" gegeben haben. Unter dem Titel "Ethische Konflikte in der klinischen Praxis: Zur Vielschichtigkeit von Bewertung" näherte sich Dr. Caroline Hack akademisch, jedoch nicht vom universitären Elfenbeinturm herab diesem Problem, das es schon immer gibt.

Angesichts einer hochentwickelten Medizin und alternden Gesellschaft, die Morbidität lieber verdrängt als thematisiert, wandeln sich jedoch die Herangehensweisen und der Umgang damit. Hack, ursprünglich eine studierte Philosophin und Philologin, hält sich nicht lange mit Definitionsfragen auf. Sie hat sich fachlich als praktischen Arbeitsschwerpunkt der klinischen Ethikberatung zugewandt und setzt als Axiom ihrer Betrachtungen fest: "Unsere Zielgröße ist die Lebensqualität." Um diesen Grundsatz herum entwickelt sie ein Koordinatensystem unter der Maßgabe, "es sollte immer darum gehen, die Lebensqualität wieder zu erhöhen oder zu erhalten". In dieser Allgemeinheit formuliert, ist vernünftiger Widerspruch ausgeschlossen.

Das Dogma zieht

Das ändert sich, je tiefer Hack ins Detail geht, indem sie die Beteiligten eines klinischen ethischen Diskurses und die sich daraus ergebenden Konfliktsituationen benennt: Ärzte, Patienten, Angehörige, Vertraute oder gesetzliche Betreuer des Erkrankten. Ihre Interessen und Sichtweisen sind zwar ihrer Natur nach unterschiedlich bis konträr, unterliegen jedoch dem eingangs formulierten Lebensqualitäts-Dogma. Hinzu kommen unter Umständen Variablen hinsichtlich der Selbstbestimmungsfähigkeiten des Patienten (Demenz, ungeborenes Leben, Kleinkinder) oder ein gewandeltes Verständnis von Lebensqualität seitens des Erkrankten.

Als gut nachvollziehbares Beispiel verwies Hack in diesem Zusammenhang auf die unterschiedliche Bewertung einer Querschnittlähmung durch Betroffene im Vergleich zu potenziell Betroffenen, sprich Gesunden, die gefragt werden, ob sie einem Leben als Querschnittsgelähmter eine Lebensqualität abgewinnen können. Auf dieses Spannungsfeld in seiner Gesamtheit blickend betonte Hack, "es gibt weder einfache, noch eindeutige Antworten", wenn ethisch tragfähige Entscheidungen nach bloßen Richtig-/Falschkriterien gefällt werden sollten.

Sichtweisen ändern sich

Das seien in der Gesamtschau eines Falles "sehr diffuse Kategorien". Um dieses Dilemma aufzulösen, plädierte die Referentin für einen möglichst breiten, mehrfachen und emotional weitgehend distanzierten Diskurs nicht nur in der Situation der akuten Notwendigkeit, sondern auch aus als Gesunder. "Sprechen Sie ihre Ängste vor Krankheit und Krankheitsverläufen offen an", riet Hack. Immer in dem Bewusstsein, dass sich im Laufe des Lebens die jeweiligen Bewertungsmaßstäbe sehr wohl ändern dürften. Denn eine ethisch tragfähige Entscheidung schließe die Vergangenheit, das Hier und Jetzt sowie eine Projektion in die Zukunft gleichermaßen ein.

Info:

Zur Person

Im Zuge ihres Studiums an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) wandte sich Dr. Caroline Hack bald dem Schwerpunkt Angewandte Ethik zu. Ausgehend von der Fächerverbindung Philosophie und Iberoromanistik promovierte sie über „Philosophie auf dem Marktplatz“ und ist derzeit Mitarbeiterin der Professur für Ethik in der Medizin. Tätig ist sie auf den Gebieten Klinische Ethikberatung, ethisches Konfliktmanagement sowie Argumentationspraxis und lehrt an der Medizinischen Fakultät der FAU sowie Akademie für Pflegeberufe Erlangen. (zm)

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