21.07.2019 - 18:49 Uhr
AmbergOberpfalz

Festakt für 20 Jahre Moses-Projekt

Dass eine schwangere Frau in Not anonym entbinden kann und danach nicht alleingelassen wird, gilt dank des Moses-Projekts heute in Bayern als selbstverständlich. Aber nur, weil Maria Geiss-Wittmann vor 20 Jahren einen harten Kampf ausfocht.

Stehend spendete am Schluss des Festakts der gesamte Saal inklusive dem Podium Applaus für Maria Geiss-Wittmann (Dritte von rechts), deren Einsatz das Moses-Projekt gegen alle Widerstände verwirklicht hatte.
von Markus Müller Kontakt Profil

Beim Festakt zum Jubiläum dieses Angebots von Donum Vitae am Freitag im Rathaussaal erinnert sich Ute Schieder, die heutige Leiterin der Donum-Beratungsstelle in Amberg, wie damals ihre Chefin Maria Geiss-Wittmann zu ihr ins Büro kam und mit einer Mischung aus Frustration und Entschlossenheit sagte: "Das wird die letzte Frau sein, die aus einer Not heraus ihr Kind allein zur Welt bringen muss."

Denn bis dahin war eine Mutter, die bei der Geburt ihre Daten nicht angab, ein Fall für das Strafrecht. Ebenso die Leute, die ihr die Anonymität ermöglichten. Dem setzte Maria Geiss-Wittmann die Überzeugung entgegen, dass es mit der Würde des Menschen nicht vereinbar sei, wenn man eine Frau in einer solchen Zwangssituation zwinge, ihr Kind etwa auf einer Toilette zu gebären.

Es war aber nicht damit getan, das Prinzip "lieber zur Adoption abgeben als aussetzen" nur zu propagieren. Die Moses-Initiatorin erzählte beim Festakt, was passierte, als die erste Frau anonym entbinden wollte: Sie musste ein Krankenhaus davon überzeugen, diesen widerrechtlichen Akt zu dulden. Doch zum Glück habe der Amberg-Sulzbacher Landrat Hans Wagner sich für ihr Anliegen starkgemacht und ihr gesagt: "Gehe ins St.-Anna-Krankenhaus und sag allen, du hast meine Unterstützung." Auch Chefarzt Dr. Jörg-Dietrich Dodenhöft und Mitarbeiter des Jugendamtes hätten den Mut gehabt, die Schwangere in diesem rechtsfreien Raum zu behandeln bzw. sich unter unklaren Voraussetzungen für die Rechte des Kindes einzusetzen.

Beckstein zieht mit

Für mehr Rechtssicherheit brachte Maria Geiss-Wittmann den damaligen bayerischen Innenminister Günther Beckstein dazu, eine öffentliche Erklärung herauszugeben, wonach man "in extremen Notsituationen auf das Erheben der Daten der Frau verzichten" kann.

Bei der von Victoria Mußemann, der Schatzmeisterin des Fördervereins von Donum Vitae, geleiteten Podiumsdiskussion erzählte Hilde Forst als Moses-Fachfrau der ersten Stunde über die Gefühlslagen im Moses-Projekt. Wie sie Frauen dahin begleitet habe, "dass sie das Kind mit einem guten Gefühl abgeben können". Und dass man dem Kind etwas von der Mutter mitgeben könne, damit es einmal deren Not verstehe, aber auch deren Wunsch, "dass das Kind in einer Familie aufwächst, die ihm Liebe geben kann". Diese Frauen lebten meist alleine und hätten keine Unterstützung durch einen Partner, ergänzte die heutige Moses-Fachfrau Julia Wiesend. "Sie handeln in der Regel sehr verantwortungsbewusst."

Altlandrat Hans Wagner (rechts) galt der besondere Dank von Maria Geiss-Wittmann (links). Er habe das Moses-Projekt erst ermöglicht, weil er der Menschlichkeit einen höheren Stellenwert eingeräumt habe als den gesetzlichen Ausführungsbestimmungen zu einer Geburt.

Dr. Harald Hollnberger, der Ärztliche Direktor des Klinikums St. Marien, gab die (von Donum Vitae nur über Spenden finanzierten) Kosten für eine Geburt in einer Spanne zwischen 1500 und 5000 Euro an. Seit 2014 die vertrauliche Geburt gesetzlich geregelt wurde, bei der die Mutter ihre Daten angibt, damit das Kind sie mit 16 Jahren erhalten kann, hätten sich bei den Fällen in St. Marien 75 Prozent für diese Form entschieden, 25 Prozent für die anonyme. Professor Anton Scharl, der Leiter der Frauenklinik in St. Marien, bedauerte, dass die anonyme Geburt noch immer in einer rechtlichen Grauzone stattfinde. Denn eigentlich sei klar, welches Recht wichtiger ist: "Das Kind muss erst mal leben, sonst kann es nicht nach seiner Mutter fragen."

Im geschützten Rahmen

Klaus Emmerich, Vorstand des St.-Anna-Krankenhauses, berichtete von einem Rahmen von Moses-Geburten, der so geschützt sei, dass nicht einmal er vom einzelnen Fall erfahre.

Ministerialdirektor Markus Gruber vom bayerischen Sozialministerium sprach Maria Geiss-Wittmann seinen "größten persönlichen Respekt" aus, dass alles, was sie an Ausgrenzung, Abwertung und Ächtung erlebt habe, sie nicht von ihrem Einsatz für Schwangere in Not abgebracht habe.

Kommentar:

Für die Würde und das Leben

Der Rückblick auf 20 Jahre Moses-Projekt hat deutlich gemacht, wie sehr es sich dabei um ein Kind von Maria Geiss-Wittmann handelt. Angetrieben von der Not schwangerer Frauen, die sie erleben musste, hat sie eine wirkungsvolle Hilfe ins Leben gerufen. Sie ließ dabei kein Nein gelten, überwand rechtliche wie finanzielle Hürden und riss Menschen mit, bis in der Region Amberg-Sulzbach ein gegen alle Widerstände tragfähiges Netzwerk hinter dem Moses-Projekt stand. So konnte es sich verbreiten und hat bis heute zu 92 anonymen und 21 vertraulichen Geburten geführt. Also zu 113 Fällen von Frauen, die ihr Kind nicht allein zur Welt bringen mussten, sondern dies mit ärztlicher Betreuung und menschlicher Zuneigung in einem geschützten Rahmen tun konnten.
In der Diskussion äußerte OB Michael Cerny den Wunsch, die katholische Kirche möge das segensreiche Wirken von Donum Vitae wertschätzen. Also wohl die Einschätzung revidieren, dass es sich bei Donum Vitae um „eine Vereinigung außerhalb der katholischen Kirche“ handelt. Das klingt zunächst sehr unwahrscheinlich. Doch ist es eine christliche Tugend, die Hoffnung nie aufzugeben. Man kann sogar dafür beten.

Markus Müller

Zitate:

„Ich danke den Mitarbeiterinnen. Sie waren oft wie Mütter zu den Frauen, haben sie sogar mit zu sich nach Hause genommen.“

Maria Geis-Wittmann

„Die vertrauliche Geburt ist auch okay, ich bin mit ihr sehr im Reinen. Es gibt aber Frauen in Extrem-Situationen, für die nur eine anonyme Geburt infrage kommt.“

Hilde Forst

„Ich bin erstaunt, wie so eine zarte Frau ein ganzes Rudel honoriger Männer zum Aufruhr anstiften kann.“

Professor Anton Scharl über Maria Geiss-Wittmann (ll)

Auch das Publikum der Podiumsdiskussion applaudierte.
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