01.02.2020 - 05:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Harald Herrle erlebt Brexit in England: Es bleibt spannend

Mit Feuerwerk und Briten, die so jubeln, als wären sie endlich mal wieder Fußball-Weltmeister geworden, kann Harald Herrle nicht dienen. Feiern zum Brexit sind in Matlock, seiner englischen Wahlheimat, Fehlanzeige.

Selbst mit seinen Union-Jack-Socken setzt Nigel Farage, Chef der Brexit-Partei, ein politisches Zeichen. Die Ansichten des vehementen EU-Gegners und Rechtspopulisten teilt der Oberpfälzer Harald Herrle, der seit einem Jahr im Vereinigten Königreich lebt, überhaupt nicht.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Der 31. Januar war gestern - heute ist Großbritannien draußen aus der EU. Im Vereinigten Königreich, einem tief gespaltenen Land, lebt Harald Herrle. Der frühere Wirtschaftsförderer des Landratsamts Amberg-Sulzbach ist seit knapp einem Jahr in England.

Die Kleinstadt Matlock in der Grafschaft Derbyshire, in der Mitte Englands gelegen, ist Harald Herrles neues Zuhause geworden. "Bei uns sind keine Feierlichkeiten zum Brexit vorgesehen", berichtet der gebürtige Nabburger und erzählt von einem Land, das immer noch tief gespalten ist. "Die Meinungen darüber, ob es wirklich was zu feiern gibt, gehen sehr weit auseinander." Viele Briten seien einfach nur froh, dass das Gezerre endlich vorbei ist und die Politik sich wieder auf die Alltagsprobleme der Menschen - insbesondere medizinische Versorgung, innere Sicherheit und Altenpflege - konzentrieren kann, schildert er die Stimmungslage im Vereinigten Königreich.

Auf breites Unverständnis stieß laut Harald Herrle auch in Matlock der Versuch von Brexit-Hardlinern, eine halbe Million Pfund (knapp 600 000 Euro) aufzutreiben, nur um den Big Ben läuten zu lassen. Der weltberühmte Glockenturm, das Londoner Wahrzeichen, wird nämlich derzeit renoviert. "Sie möchten natürlich die vermeintlich neu gewonnene Souveränität des Vereinigten Königreichs gebührend feiern", sagt Herrle, dessen Aussage nach "die Briten ja schon immer so ihre Probleme mit der EU hatten".

Kurze Übergangsphase

Er und seine Familie - Ehefrau Elisabeth arbeitet als Finanzchefin in einem Vaillant-Werk im 20 Minuten entfernten Belper, Sohn Markus geht dort zur Schule - haben ihre Aufenthaltserlaubnis für die Zeit nach dem Brexit bereits erhalten. Bis zum 31. Dezember dieses Jahres werde sich sowieso nichts Grundsätzliches ändern. Denn so lange laufe die Übergangsphase, "die von der britischen Regierung bewusst kurz gehalten wird".

Unklar sei nach wie vor, wie das künftige Verhältnis von Großbritannien und EU aussehen werde. "Das werden die kurzen und harten Verhandlungen im Laufe des Jahres zeigen", sagt Herrle und weiß, was im schlimmsten Fall herauskommen wird: kein Abkommen. "Diese Option liegt nach wie vor auf dem Tisch." Er persönlich ist gespannt, was die britische Regierung mit der "neu gewonnenen Freiheit" anfangen werde - "ob es ein Steuerparadies für Superreiche geben wird und ob eine völlig deregulierte, vor entfesselter Marktmacht strotzende Wirtschaft den Erfolg für das Land mit sich bringt, den sich die konservative Partei davon verspricht."

Harald Herrle, der zuletzt in Schmidgaden gelebt hat, gesteht, dass sich "die neue politische Nähe zur Trump-Administration, für einen überzeugten Europäer wie mich, durchaus etwas unheimlich anfühlt". Abzuwarten bleibt seiner Meinung nach, ob das Vereinigte Königreich nachhaltig Bestand haben werde. Denn: Der Brexit hat die Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland neu befeuert, nachdem sich die Schotten mehrheitlich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen haben. "Es liegt eine sehr spannende Zeit vor uns", sagt Harald Herrle. Kaum jemand wird ihm diesbezüglich widersprechen.

Freundschaftliche Verbindungen pflegt der Landkreis Amberg-Sulzbach in den hohen Norden der britschen Inseln. Mit dem schottischen District Argyll & Bute besteht eine offizielle Partnerschaft, die deren Council-Leader Aileen Morton als Pendant zu Landrat Richard Reisinger sehr schätzt. Sowohl der Regionalrat von Argyll & Bute als auch die dort lebenden Bürger "wertschätzen diese Partnerschaft wirklich". Morton erwähnt diesbezüglich zahlreiche gegenseitige Besuche über die Jahre hinweg, speziell mit jungen Leuten. "Unsere Beziehung wird, wie ich hoffe, noch viele Jahre Bestand haben."

Kontroverse Meinungen

Zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU hätten die Menschen im gesamten Land ganz unterschiedliche Ansichten. "In Argyll & Bute ist das nicht anders." Der Regionalrat hat laut Aileen Morton keinerlei Position zum britischen Brexit bezogen, äußert sich die Schottin diplomatisch. "Unser Fokus liegt darauf, weiterhin mit allen Partnern zusammenzuarbeiten." Mit dem Ziel, sicherzustellen, dass es unter diesen Umständen "die besten Ergebnisse für unsere Gemeinden sein werden", ist aus dem Partner-District zu hören.

Bei uns sind keine Feierlichkeiten zum Brexit vorgesehen.

Harald Herrle

Harald Herrle

Info:

"Medien machen Stimmung"

„Für mich persönlich hat der ganze Brexit-Prozess einen sehr nationalistischen und rechtsextremen Beigeschmack“, spricht Harald Herrle, früherer Wirtschaftsförderer des Landkreises Amberg-Sulzbach, Klartext. „Die völlig parteiischen Medien im Vereinigten Königreich tun ein Übriges, um entsprechende Stimmung im Land zu machen.“ Feindseligkeiten gegenüber Ausländern hätten seit dem Referendum nachweislich zugenommen, „die Labour-Abgeordnete Jo Cox hat ihr Eintreten für einen Verbleib in der EU sogar mit dem Leben bezahlt. Sie wurde von einem Rechtsextremisten umgebracht.“

Das eindeutige Wahlergebnis für die konservative Partei wertet Harald Herrle, der seit knapp einem Jahr mit Ehefrau und Sohn in Großbritannien lebt, als Beleg dafür, „dass es zumindest die Engländer mit dem Brexit sehr ernst meinen und die extreme Politik dafür in Kauf nehmen oder sogar gut heißen“.

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