21.02.2020 - 13:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Als Kind ein Jahr in einer Erdhöhle

Ihr Glaube half ihr durch die schlimmste Zeit ihres Lebens unter kommunistischem Terror in der Sowjetunion. Die Lebensgeschichte von Marcelina Wenz, die mit ihrem Mann 60. Hochzeitstag feiern konnte, würde Stoff für einen Roman liefern.

Bürgermeister Martin Preuß beschenkt Pavel und Marcelina Wenz zum 60. Hochzeitstag. Glückwünsche kamen auch vom Ministerpräsidenten.
von uscProfil

Die Ehejubilarin entstammt einer deutschsprachigen ukrainischen Familie, die in der Nähe von Odessa wohnte. Dort wurde Marcelina 1935 als Einzelkind geboren. Doch noch im Babyalter verlor sie ihren Vater. Als die deutsche Wehrmacht ihre Heimat besetzte, siedelten die Besatzungsmächte die Familie zwangsweise nach Deutschland um. Sechs Jahre alt war die kleine Marcelina Lorenz, als sie mit Mutter und Verwandten zu Fuß und mit einem kleinen Pferdegespann drei Monate lang in Richtung Berlin zog. In Teltow fand die Familie eine vorübergehende Bleibe. Noch schlimmer traf es sie, als die Rote Armee sie 1945 in Teltow aufgriff und nach Sibirien zwangsdeportierte. Unter unvorstellbaren Entbehrungen verbrachte die vaterlose Familie ein Jahr in einer Erdhöhle, bis man ihr endlich eine Wohnung neben einem Kriegsgefangenenlager zuwies. Bis 1958 dauerte diese Odyssee. Im Rahmen der Familienzusammenführung durfte Marcelina Lorenz mit ihren Angehörigen dann in eine Kleinstadt in Tadschikistan umziehen, nicht weit von der afghanischen Grenze entfernt.

In dem Dorf gab es eine deutschsprachige katholische Gemeinde, die Geld für ein kleines Gotteshaus zusammenlegte und auch einen Priester hatte. Dort fand die Jubilarin Arbeit als Postbotin und lernte ihren späteren Mann Pavel kennen. Auch seine Familie war zwangsweise umgesiedelt worden. Damit teilten sie ein gemeinsames Schicksal. Vor 60 Jahren war schließlich Hochzeit. Zwei Jungen und zwei Mädchen kamen später zur Welt. 1990 durfte die achtköpfige Großfamilie nach Deutschland auswandern. Erste Station in Bayern war ein Lager in Königstein. Von dort wurde der Familie eine Wohnung im Übergangswohnheim am Bergsteig zugeteilt. Die vier Kinder des Jubel-Ehepaars wohnen inzwischen mit ihren eigenen Familien in Amberg, Ursensollen, Hohenburg und bei Dresden. Mittlerweile sind Pavel und Marcelina Wenz 23-fache Großeltern und 15-fache Urgroßeltern. Als praktizierende Katholikin geht die Jubilarin täglich zur Dreifaltigkeitskirche, traf schon einmal den Papst in Rom und besuchte im vergangenen Jahr mit einer Tochter alle wichtigen heiligen Stätten in Israel. Bürgermeister Martin Preuß, der die Glückwünsche von Michael Cerny überbrachte, war sichtlich gerührt von den Schilderungen der Frau, die mit ihrer Familie ein schweres Schicksal gemeistert hat.

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